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Der folgende Text ist eine überarbeitete Version eines Vortrags,
gehalten von Tom Riley an verschiedenen Universitäten in Kanada, Anfang
November. Ein Teil des Vortrags, dessen Inhalte so ähnlich an anderer
Stelle in dieser Ausgabe ausgeführt werden, wurde gekürzt (durch
Auslassungszeichen markiert).
Seit einigen Wochen läuft nun schon der "Krieg" zwischen einem der ärmsten,
rückständigsten Länder der Erde und der Welt größter,
industriell entwickelster Gesellschaft (die zudem das zehnfache an Bevölkerung
hat). Und die größere Macht wird von einer "Koalition" gestärkt,
die jedes andere imperialistische Land (einschließlich des 'tapferen,
neutralen' Kanada) umfasst. Die mächtige Luftwaffe der Vereinigten Staaten
ist damit beschäftigt, systematisch das wenige zu zerstören, das
nach 20 Jahren fortdauernden Bürgerkriegs in Afghanistan noch übrig
ist.
Simon Jenkins von der Londoner Times (einem traditionellen Organ des britischen
konservativen Establishments) beschrieb den Koalitionsfeldzug wie folgt:
"Das jetzige hochintensive Bombardement Afghanistans ist selbst bei
weitester Auslegung militärischer Vorstellungen nicht einfach ein Ausschalten
der Luftwaffe oder ein Zerstören von Bin Ladens Netzwerk. Es ist ein
strategisches Bombardieren von was immer als afghanischer Staat, seine Städte
und Menschen gilt. Das Pentagon nennt es offen 'psychologisches Bombardieren',
das Zielen auf Straßen, Kraftwerke und öffentliche Gebäude
(selbst solche mit roten Kreuzen). Da afghanische Truppen, aus der Luft besehen,
von Zivilisten nicht unterscheidbar sind, bedeutet der Einsatz von Bombern,
dass keine Bodenoperation riskiert werden kann, solange noch Afghanen in
der Region am Leben sind. Für Tausende Flüchtlinge aus Afghanistan
heißt dies in der Tat, Terror mit Terror heimzahlen" (Times, 24. Oktober
2001).
Bis jetzt sind mehr als tausend afghanische Zivilisten umgebracht worden.
Wie die Zerstörung des World Trade Centers ist dies ausgeübte monströse
Kriminalität.
Die Vereinigten Staaten wollten ganz klar jemanden für den Angriff auf
das "Heimatland" zahlen lassen - aber das Töten von zehn oder auch hunderttausend
Afghanen wird die Welt weder für Amerikaner noch für irgendjemanden
sonst einen sichereren Platz machen. Offiziell ist es natürlich gar
kein Krieg gegen 'Afghanistan' sondern gegen den 'Terrorismus', den das FBI
und das US-Verteidigungsministerium definieren als:
"ungesetzlichen Gebrauch von Macht oder Gewalt gegen Menschen oder Eigentum,
um eine Regierung, die Zivilbevölkerung oder einen Teil davon
einzuschüchtern oder zu zwingen, um politische oder soziale Ziele durchzusetzen."
Die USA haben "Macht oder Gewalt" öfter als alle anderen Staaten benutzt,
um Zivilisten zu zwingen und einzuschüchtern und um andere Regierungen
zu stürzen: 1953 in Guatemala, 1964 in Brasilien, 1973 in Chile, in
den gesamten 80ern in Nicaragua - und es gibt eine Menge anderer Beispiele.
Nach Ansicht des FBI gilt jedoch keines dieser Beispiele als "Terror",
da sie ja alle 'gesetzlich', das heißt von der US-Regierung genehmigt,
waren.
Am 9. Oktober, zwei Tage nach Beginn der Bombardierung, gab der US-Botschafter
John Negroponte dem UN-Sicherheitsrat bekannt, dass Washingtons "Krieg gegen
den Terrorismus" auf andere Länder außer Afghanistan übergreifen
könnte. In weiten Kreisen hält man den Irak für den nächsten
auf der Liste; Syrien, Libyen und verschiedene andere Länder werden
ebenfalls für mögliche Ziele gehalten. John Pilger, der für
Londons liberalen Guardian schreibt, wies darauf hin, dass Negroponte als
'anti-terroristischer' Weltbotschafter Amerikas eine besonders groteske Wahl
war:
"Als US Botschafter im Honduras der frühen 80er Jahre überwachte
Negroponte die amerikanische Finanzierung der Todessschwadronen des Regimes,
als Bataillon 316 bekannt, die die demokratische Opposition vernichteten,
während die CIA ihren 'Contra'-Terrorkrieg gegen das angrenzende Nicaragua
führte." (Guardian, 25. Oktober 2000).
Globaler Kapitalismus: Unendliche Ungerechtigkeit
Das kapitalistische Weltsystem, geführt von den USA, beruht
auf massiver, endloser Gewalt gegen die große Mehrheit der Menschheit,
um den Reichtum von den Armen zu den Reichen umzuverteilen - in und zwischen
den Nationen. Die Weltbank berichtet, dass die Hälfte der Weltbevölkerung
von weniger als 2 US-Dollar am Tag lebt. Jetzt, wenn die wirtschaftlichen
Indikatoren sinken, wird uns erzählt, uns auf eine Zeit des Gürtel-enger-Schnallens
vorzubereiten. Für diejenigen, die versuchen, aus den 2 Dollar am Tag
eine Existenz herauszuholen, wird es sogar noch schrecklicher werden. Die
Verarmung der Milliarden Unglücklichen am einen Pol wird natürlich
durch die enorme Anhäufung von Reichtum und Macht durch eine winzige
Elite am anderen Pol "ausgeglichen".
Nach dem Angriff vom 11. September veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium
die Grundzüge der heutigen militärischen Doktrin der USA, unterzeichnet
von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Es erklärt, dass Amerika
"dauernde nationale Interessen" an "Zugang zu Schlüsselmärkten
und strategischen Ressourcen" überall auf dem Planeten hat und macht
ein US-Recht geltend, unfügsame Regime zu stürzen:
"US-Kräfte müssen die Fähigkeit behalten, auf Anweisung des
Präsidenten den Willen der Vereinigten Staaten und seiner Koalitionspartner
durchzusetzen gegen jeden Gegner, einschließlich Staaten oder nicht-staatliche
Einrichtungen. Solch eine entscheidende Niederlage könnte einschließen,
das Regime eines gegnerischen Staates zu ändern oder fremdes Gebiet
zu besetzen, bis die strategischen Ziele der USA erreicht sind" (Quadrennial
Defense Review Report, 30. September 2001; S. 13)
Der jetzige "Krieg gegen den Terrorismus" ist, vor allem anderen, eine Übung
darin, "den Willen der Vereinigten Staaten" durchzusetzen.
Der Aufstieg des radikalen Islamismus
Um die Kette von Ereignissen zu verstehen, die zum 11. September
geführt haben, müssen wir wenigstens einige Jahrzehnte zurückgehen.
In den frühen 60er Jahren wurden radikale islamische Fundamentalisten
im allgemeinen vom größten Teil der arabischen Welt als verrückte
Randerscheinung angesehen - ähnlich wie die "Creation Scientists" [religiöse
Gruppen, die die biblische Schöpfungslehre für wissenschaftlich
halten] in Nordamerika.
Dies begann sich mit Israels Sieg im Sechs-Tage-Krieg 1967 zu ändern,
als die ägyptische Luftwaffe völlig zerstört wurde und Israel
die Sinai-Halbinsel eroberte. Das zerstörte das Prestige von Gamal Abdel
Nasser, dem Führer der 'Arabischen Revolution', der 1956 erfolgreich
den Suez-Kanal nationalisiert und der gemeinsamen britisch-französischen-israelischen
Invasion widerstanden hatte. Die Fundamentalisten behaupteten, dass Ägypten,
der kulturelle und politische Führer der arabischen Welt, besiegt wurde,
weil es sich von Allah ab- und dem weltlichen Modernismus zu gewandt hatte.
Der große Durchbruch der Islamisten kam 1979, als Ajatollah Ruhollah
Chomeini den Pfauenthron des Schahs Reza Pahlewi stürzte und im Iran
eine "Islamische Republik" errichtete. Der Schah war 1953 an die Macht gekommen,
in einem vom CIA arrangierten Putsch, der das modernisierende, nationalistische
Regime von Mohammed Mosaddeq stürzte. Um die Pahlewi-Dynastie zu "stabilisieren",
schuf die CIA, mit der Hilfe des israelischen Geheimdienstes, die SAVAK,
Irans berüchtigte politische Polizei. Die SAVAK inhaftierte, folterte
und ermordete Tausende von Regimegegnern. Iran war unter dem Schah, zusammen
mit Israel und Saudi Arabien, eine der Säulen des amerikanischen Imperialismus
im Nahen Osten.
Der islamische Fundamentalismus muss im Grunde als reaktionäre Antwort
auf die imperialistische Vorherrschaft verstanden werden - das Verfechten
ihrer eigenen kulturellen Identität durch einen Teil der Unterdrückten
und eine Ablehnung der Werte ihrer Unterdrücker. Eins haben radikale
Islamisten (einschließlich Chomeini, Bin Laden und die Taliban) gemeinsam:
ihre Opposition zu sozialer Gleichheit. Sie bestehen auf der totalen und
absoluten Unterwerfung der Frauen innerhalb der Familie und ihrem praktischen
Ausschluss aus der Gesellschaft. Sie stehen dem Sozialismus genauso feindlich
gegenüber wie der westlichen kapitalistischen Ideologie.
Das "strukturelle Anpassungsprogramm", das der IWF durchpeitschte und das
von so vielen Herrschern in der Region begeistert aufgenommen wurde, öffnete
die Türen für fremde Kapitalanlagen und billige Importe. Landwirtschaft,
einheimische Herstellung und viele traditionelle Berufe wurden durch die
plötzliche Einführung der "Leistungsfähigkeit" des Weltmarktes
überflüssig. Das Ergebnis war das Anwachsen von Slums in den Städten,
voller verarmter ehemaliger Bauern, die heute völlig abhängig von
den islamischen Wohltätigkeit (betrieben durch die Moscheen) sind, um
Gesundheitsschutz, Erziehung und andere soziale Dienste zu erhalten. Diese
Menschen machen die Massenbasis der Mullahs aus und können jederzeit
auf die Straße gerufen werden. Aber die Kader der islamistischen Bewegung
sind hauptsächlich aus Mitgliedern der wissenschaftlich geschulten geistigen
Oberschicht rekrutiert, die fühlen, dass sie, und nicht die heutige
Bande korrupter imperialistischer Lakaien, an der Macht sein sollten.
Imperialismus & Reaktion in Afghanistan
...
[Die USA unterstützten den bewaffneten Widerstand der Mudschaheddin
bereits vor dem Einmarsch der UdSSR.]
Die Mullahs, die Geldleiher und Großgrundbesitzer bekämpften die
PDPA wegen ihrer Dekrete, zur Streichung der Schulden, Senkung des Brautpreises
(einer Hauptgeschäftsquelle der Geldleiher) und Übergabe des Landes
an die, die es bearbeiten. Die PDPA hatte auch die Verheiratung von Kindern
abgeschafft und Schulunterricht für Mädchen initiiert. Die Führer
der 'freien Welt' stellten sich instinktiv auf die Seite der islamischen
Reaktionäre, genauso wie Revolutionäre die PDPA und ihre sowjetischen
Verbündeten verteidigten.
Die US-Hilfe ging an die fanatischsten Mudschaheddin-Gruppen, da diese die
unversöhnlichsten Gegner der Sowjets sein würden.
...
Als die Kreml-Bürokratie ihre afghanischen Verbündeten verriet
und 1989 die sowjetischen Truppen zurückzog, verloren die USA das Interesse
an dem Konflikt. Das PDPA-Regime hielt noch drei Jahre durch, bevor es von
den Islamisten überwältigt wurde. Aber die siegreichen Mudschaheddin-Kriegsherren,
momentan versammelt in der 'Nord-Allianz', fielen in einem wilden Kampf um
die Macht übereinander her, der der Zivilbevölkerung einen grausamen
Zoll abverlangte.
Die Ordnung in Pakistan war bedroht durch die anhaltende Unruhe jenseits
seiner Grenzen. ... [So] begann es mit 'aktiver militärischer Unterstützung'
für die Taliban, eine fanatische paschtunische Muslim-Sekte, die ihre
Basis in den afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistans nord-westlicher
Grenzprovinz hat.
...
An der Macht verboten die Taliban sehr bald Rasieren, Musik und Tanz bei
Hochzeiten; sie schlossen alle Schulen für Mädchen und verboten
Fernsehen, Kassettenrecorder, die Haltung von Tauben und selbst Katzen als
Haustieren. Unter den Taliban wurden Diebe mit Amputation, Ehebrecher mit
Steinigung bestraft, und religiöse und nationale Minderheiten wurden
brutal unterdrückt.
...
[Mit der Entdeckung und Erschließung der Erdöl- und Gasreserven
in Zentralasien rückte Afghanistan wieder in das Fadenkreuz amerikanischer
Interessen. Anfänglich begrüßte Washington die Taliban als
Kraft der Stabilität in Afghanistan; dies änderte sich mit den
Anschlägen auf zwei afrikanische US-Botschaften 1998, die dem von den
Taliban beherbergten Bin Laden zugeschrieben wurden.]
Ein Ziel des amerikanischen Kriegs gegen den Terrorismus, neben der Beseitigung
eines feindlichen Regimes, ist die Stärkung des US-Einflusses in Zentralasien.
Die Errichtung amerikanischer Militärbasen in Usbekistan und Tadschikistan,
beide bisher fest der Einflusssphäre des Kremls zugeschrieben, ist ein
großer Schritt in diese Richtung. Den Russen wurde zugesichert, diese
Basen seien nur vorübergehend - aber Putin erinnert sicherlich die feierlichen
Versprechen, die Gorbatschow zur Zeit des Falls der Berliner Mauer gemacht
wurden; dass, falls er der NATO-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands
zustimme, kein anderes ehemaliges Land des Warschauer Paktes jemals in die
NATO dürfe. Heute sind Polen, die Tschechische Republik und Ungarn alle
NATO-Mitglieder und die meisten restlichen ehemaligen Paktstaaten stehen
auf der Kandidatenliste.
Osama Bin Superstar
Eine Quelle beträchtlichen Ärgernisses für die "Koalitions"-Partner
war die Leichtigkeit, mit der Bin Laden den Popularitätswettkampf um
die Herzen der Muslime in der Region gewinnt. Die Erklärung ist sehr
einfach: Bin Ladens Programm stimmt mit dem, was die meisten Menschen dort
wollen, überein. Er hat versprochen, al-Qaidas Dschihad gegen die USA
einzustellen, wenn drei Bedingungen erfüllt werden. Erstens, die US-Streitkräfte
müssen Saudi Arabien, Heimat von Mekka und Medina, den beiden heiligsten
Stätten des Islam, verlassen. Die zweite Bedingung ist, dass die Sanktionen
gegen den Irak, die über eine Million Menschen umgebracht haben, beendet
werden. Drittens verlangt Bin Laden den Rückzug Israels aus der Westbank,
Gaza und Ost-Jerusalem sowie die Bildung eines palästinensischen Staates
auf diesen Gebieten.
Die meisten Amerikaner würden diesen Forderungen nicht widersprechen,
und deshalb gab es auch im wesentlichen einen Medien-Black-Out. Bin Ladens
ultimatives Programm ist natürlich die Durchsetzung fundamentalistischer
islamischer Regime im gesamten Nahen und Mittleren Osten, aber als erster
Schritt ist sein Hauptinteresse die Vertreibung der "Ungläubigen" aus
dem Gebiet.
Die US-Versuche, den "Terrorismus" zu zerstören, haben vor allem den
Status der al-Qaida unter unzufriedenen Muslimen erhöht. Wenn Zehntausende
afghanischer Flüchtlinge in diesem Winter verhungern oder erfrieren,
ist es wahrscheinlich, dass diese Unterstützung weiter zunimmt. Die
Herrscher von sowohl Pakistan als auch Saudi Arabien (beide offizielle Unterstützer
der USA-Kampagne) sind besorgt, dass ein länger dauernder Konflikt ihre
Regime destabilisieren wird. Aber Washington scheint entschlossen zu versuchen,
den Widerstand der Taliban aus der Luft zu brechen, ohne Rücksicht auf
Verluste unter afghanischen Zivilisten, bevor amerikanischen Bodentruppen
riskiert werden.
Den Krieg zu den Paschtunen bringen
Zu diesem Zeitpunkt ist es schwer, das Ergebnis des Konfliktes vorauszusagen.
Die Taliban sind bei vielen Afghanen extrem unpopulär; doch gibt es
einige Anzeichen dafür, daß das Terrorbombardement der Koalition
die Unterstützung gestärkt hat - genau wie der Angriff aufs Word
Trade Center Bush Jr.s Popularitätskurve steigen ließ. Die Taliban-Führung
scheint zu glauben, ihre Truppen seien gut genug eingegraben, um das Schlimmste,
was die US-Luftwaffe auf sie abwerfen könne, zu überleben. Der
britische Telegraph, Sprachrohr der Tories, vom 26. Oktober berichtete, dass
die US-Delta-Elitestreitkräfte erstaunt über den heftigen Widerstand
der Taliban waren, als sie am 20. Oktober einen kurzen Überfall auf
ein verlassenes Gelände im Kandahar-Gebiet durchführten.
Die Taliban-Strategie schließt scheinbar ein, den Konflikt lange genug
auszudehnen und genug amerikanische Soldaten zu zermürben, um die USA
zum Rückzug zu zwingen. Diese Lehre haben sie aus Reagans eiligem
Rückzug aus dem Libanon, nach der Zerstörung der Baracken der US-Marines
1983, gezogen und auch aus Clintons Rückzug aus Somalia ein Jahrzehnt
später, als 18 US-Soldaten in einem Feuergefecht mit den Streitkräften
eines lokalen Kriegsfürsten umkamen. Nach dem Angriff auf das World
Trade Center ist jedoch die Unterstützung in den USA für den Angriff
auf Afghanistan sehr viel größer, als dies bei den Interventionen
im Libanon oder Somalia der Fall war.
Wenn es den USA ernst damit ist, die Taliban auszuheben und ein stabiles
Klientenregime in Afghanistan zu schaffen (statt nur Unterstützung aus
der Luft für ihre Stellvertreter der Nordallianz zu geben oder Kabul
anzunehmen), dann müssen sie den Kampf in das Gebiet der Taliban-Basen
um Kandahar tragen - in die Paschtunen-Bevölkerung, die im Grenzbezirk
zwischen Afghanistan und Pakistans nordwestlicher Grenze lebt. Das könnte
zu einer ganzen Reihe von neuen Problemen führen - schließlich
könnte General Pervez Musharrafs Regierung ein wahrscheinliches, frühes
Opfer eines solchen Angriffes werden. Mangelnde Stabilität in Islamabad
beschwört eine Menge Alptraumszenarien herauf, wenn man an Pakistans
nukleares Arsenal denkt.
Der Krieg an der Heimatfront
Die Herrscher der USA benutzen den "Krieg gegen den Terrorismus",
um die schwer errungenen demokratischen Rechte (und den Lebensstandard)
der amerikanischen Arbeiter anzugreifen. Mehr als tausend Menschen, hauptsächlich
arabische Einwanderer, wurden unbefristet eingesperrt. Die Autoritäten
weigern sich, ihre Namen oder die Anklagepunkte (wenn es denn welche gibt)
zu nennen. Es wird auch über die Legalisierung der Folter gesprochen,
um Geständnisse zu beschleunigen, wie das in Israel bereits gehandhabt
wird. Jean Chrétiens Regierung in Kanada, die jeden Schritt des US-Feldzugs
gegen Afghanistan unterstützt hat, will eine 'anti-terroristische' Gesetzgebung
durchsetzen, die einen Blankoscheck für die Regierung bedeutet, jeden
zu verfolgen und einzukerkern, den sie nicht mag.
Die Bush-Administration benutzt die augenblickliche Welle der Fremdenfeindlichkeit,
um US-Firmen mit Milliarden Dollar an rückwirkenden Steuernachlässen
zu überschütten. Den Flug- und Versicherungsgesellschaften wurden
zig Milliarden versprochen. Dies wird alles aus den Sozialkassen genommen,
die sicherstellen sollten, dass amerikanische Arbeiter ihr Rentendasein nicht
in Pappkartons verbringen und Katzennahrung essen müssen.
Wenn die Arbeiter in den USA begreifen, dass dieser 'Krieg' an zwei Fronten
geführt wird - gegen Afghanistan und gegen sie selbst - könnten
wir einen Ausbruch des Klassenkampfes im amerikanischen 'Heimatland' erleben.
Es ist unnötig zu bemerken, dass es viel weniger patriotische Hysterie
in der schwarzen Bevölkerung gibt, die historisch tendenziell der politisch
fortgeschrittenere Teil des Proletariats ist.
Die Aufgabe der Marxisten in jedem Land der imperialistischen 'Koalition'
ist es, die arbeitenden Menschen dafür zu gewinnen, zu erkennen, dass
es in ihrem Interesse ist, Afghanistan gegen ihre "eigenen" Herrscher zu
verteidigen. Ein einziger politischer Streik der Arbeiter gegen den Krieg
könnte international ungeheuere politische Auswirkungen haben - besonders
im Nahen und Mittleren Osten - und helfen, die Grundlage für zukünftige
gemeinsame Klassenkämpfe zu legen.
Die Taliban sind die tödlichen Feinde der Unterdrückten und müssen
gestürzt werden - aber diese Aufgabe, wie die Beseitigung des Rests
der reaktionären Regime in der Region, ist die Aufgabe der Unterdrückten
und Ausgebeuteten und nicht die der Imperialisten. Das schlimmste Ergebnis
dieses Konfliktes, vom Standpunkt der Arbeiter hier und im Nahen und Mittleren
Osten, wäre ein einseitiger Sieg der US-geführten 'Koalition',
wie über den Irak vor einem Jahrzehnt. Ein billiger imperialistischer
Sieg würde die Bühne für größere und blutigere
Feldzüge in der Zukunft bereiten.
Die meisten der vorgeblich sozialistischen Linken reagierten auf den imperialistischen
Angriff gegen Afghanistan mit pazifistischem, liberalem Geblöke. Als
Tariq Ali vor sechs Wochen in Toronto war, haben wir ihn gefragt, ob er,
als ehemaliger "Internationaler Marxist", Afghanistan gegen den Imperialismus
verteidigt. Er antwortete mit einem einfachen "Nein!". Die selbst ernannten
Marxisten der International Socialists weigern sich, Afghanistan zu verteidigen
und sind statt dessen für den simplen pazifistischen Aufruf "Stoppt
den Krieg". Aber die Imperialisten selbst wollen so schnell wie möglich
"den Krieg beenden", wie die New York Times am 31. Oktober berichtete:
"In den Vereinigten Staaten scheinen einige zunehmend frustriert durch die
Langsamkeit der militärischen Kampagne und konservative Politiker haben
begonnen, über eine Eskalation durch den Einsatz von mehr Bodentruppen
zu reden. In Britannien und anderen europäischen Ländern scheint
die öffentliche Meinung jedoch in die andere Richtung zu gehen. Die
europäische Öffentlichkeit scheint besorgter über zivile Opfer
als ein schnelles Ende des Krieges" (Hervorh. der Red.).
Die US-Herrscher wollen "ein schnelles Ende des Krieges" durch eine Eskalation
des Tötens! Wir würden auch gern ein schnelles Ende des Krieges
sehen -- aber nur durch den sofortigen Rückzug der Aggressoren der 'Koalition'.
"Stoppt den Krieg!"-Forderungen passen zu Pazifisten - aber Revolutionäre
beziehen eine Seite, wenn imperialistische Räuber neo-koloniale Länder
angreifen.
Enteignet die Enteigner!
Wenn ein anhaltender imperialistischer Feldzug in Afghanistan schlecht
läuft und eine steigende Anzahl von Opfern fordert, wird dies die Fähigkeit
der Unterdrückten und Arbeiter weltweit stärken, kapitalistischen
Angriffen zu widerstehen. Das würde wahrscheinlich auch mehrere der
Regime schwächen, die historisch eng mit den U.S.A. identifiziert wurden,
einschließlich Saudi-Arabien und Pakistan.
Nach zwei Jahrzehnten an der Macht scheint Irans Islamische Republik ziemlich
brüchig. Jede große Sportveranstaltung oder andere öffentliche
Gelegenheit droht, zu einer politischen Kundgebung gegen die Herrschaft der
Mullahs zu werden. Das ist ein wichtiges Zeichen einer sich entwickelnden
vorrevolutionären Situation. Ein erfolgreicher Aufstand gegen die schiitischen
Theokraten, basierend auf der mächtigen iranischen Arbeiterklasse, von
einer harten kommunistischen Organisation mit einem durchgehend revolutionären
Programm geführt, könnte zu einer Welle sozialistischer Kämpfe
in der Region führen, genau wie Chomeinis Sieg 1979 den Anstoß
für die Islamisten gab.
Letztendlich wird der Kreislauf steigender Brutalität, der die imperialistische
Herrschaft charakterisiert, nur durch die Beseitigung des internationalen
Systems, das den größten Teil der Menschheit zwingt, in Armut
zu leben, enden. Dieser Planet kann von Gewalt und Irrationalität nur
durch den einen revolutionären Kampf gesäubert werden, der die
Enteigner enteignet und eine sozialistische Planwirtschaft im Weltmaßstab
errichtet, in der die Produktion auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtet
ist und nicht auf die Maximierung privater Profite. Heute scheint dies ein
entferntes Ziel; wir von der Internationalen Bolschewistischen Tendenz sind
aber überzeugt, dass es nicht nur möglich ist, sondern dass es
keinen anderen Ausweg für die Menschheit gibt.
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