Revolutionäre Arbeitermobilisierung gegen imperialistische
Mobilmachung
Die Bundestagswahlen finden statt vor dem Hintergrund von Krieg und Krise.
Während der Krieg in Afghanistan noch läuft, bereiten die
USA bereits entschlossen den Krieg gegen den Irak vor. Parallel häufen
sich wirtschaftliche Negativ-Meldungen: Rekordkonkurse, Verlustmeldungen,
sinkende Börsenkurse, Massenentlassungen usw. Der Kater am Morgen nach
der Globalisierungseuphorie drückt weltweit auf die Stimmung. Kaum jemand
glaubt heute noch ernsthaft, die Globalisierung bringe ein goldenes Zeitalter
mit weltweitem Frieden und Wohlstand für alle. Der Krieg gegen die terroristische
Gefahr entpuppt sich ganz offensichtlich als ein billiger Vorwand für
die hemmungslose militärische Durchsetzung imperialistischer Interessen,
die tatsächlich alle Unterdrückten an Leib und Leben bedroht.
Massenhafte Anti-Globalisierungsproteste seit Seattle zeigen, dass immer
weniger dieser Unterdrückten mit dem, was das Leben im Kapitalismus
zu bieten hat, zufrieden sind. In Genua reagierten die Herren der Welt mit
brutaler Gewalt und Mord auf den Widerstand. Im sogenannten Kampf gegen den
Terror werden alle Bewegungen, die eine Änderung der sozialen und politischen
Ordnung anstreben, als “terroristisch” kriminalisiert. Die “innere Sicherheit”
wird durch den Abbau demokratischer Rechte und den Ausbau der staatlichen
Repression in den USA und Europa im Gleichschritt verschärft - auch
dann, wenn die Regierung wie in Deutschland und Britannien sozialdemokratisch
geführt wird oder wie in Frankreich die stalinistische Kommunistische
Partei mit einschloss. Die gewaltsame Verteidigung der kapitalistischen Herrschaft
wird ergänzt durch die Vorherrschaft der bürgerlichen Ideologie
unter den Opfern und Gegnern. So bleibt der Protest politisch diffus und
richtet sich mehrheitlich nur gegen einzelne neoliberale Exzesse wie die
globale Finanzspekulation. Die reformistischen Gewerkschaftsführungen
versuchen ihn direkt und indirekt zu kontrollieren. Die von ATTAC und Gewerkschaftsjugend
unter dem belanglosen Motto "Her mit dem schönen Leben" organisierte
Demonstration am 14. September 2002 in Köln ist ein Beispiel für
dieses politische Elend des Reformismus. Die Antwort auf den elenden Reformismus
liegt nicht darin, die Antigloballisierungsbewegung sektiererisch von den
Gewerkschaften fern zu halten, sondern die Gewerkschaften vom reformistischen
Einfluss zu befreien und die antikapitalistischen Kämpfe unter einer
revolutionären Führung zu vereinen. Besonders nach Genua kam es
zu einer verstärkten Trennung des offen opportunistischen Mainstreams
der Antiglobalisierungsbewegung (vor allem um Strömungen wie ATTAC),
der immer deutlicher ins Fahrwasser der reformistischen Gewerkschaftsbürokratie
gerät, von einer kleineren, isolierten linksradikalen Minderheit. Dem
zentristischen bis linksreformistischen Charakter dieser Minderheit entsprechend,
versucht sie nun den Anschluss durch Anpassung. Die (Irre-)Führer der
Globalisierungsgegner (bis hin zu vorgeblich trotzkistischen Organisationen
wie Linksruck, SAV und Gruppe Arbeitermacht) wiederholen zum zigten Male
ihre opportunistischen Rezepte, die noch jede Bewegung desorientiert, gezähmt
und zerstört haben. Sie erschöpfen sich in militantem Ökonomismus
garniert mit sozialistischen Sonntagsreden. Denn trotz erklärtem sozialistischem
Endziel besteht ihre aktuelle Politik gewöhnlich darin, das spontane
Protestbewusstsein lediglich militant aufzupeppen - wobei unterm Strich in
der Praxis wenig mehr als verbalradikale Varianten des alten DKP-Slogans
"Wer den Armen geben will, muss den Reichen nehmen" rauskommen. Den bürgerlichen
Politikern kann die Orientierungslosigkeit vieler Globalisierungsgegner und
ihre reformistische Gängelung nur gelegen kommen. Sie sind nämlich
selbst angesichts der kapitalistischen Krise und der Herausforderungen der
imperialistischen Konkurrenz ratlos, wie sie die Probleme im Interesse ihrer
jeweiligen nationalen Bourgeoisie lösen sollen.
Ökonomische Krise des Kapitals ...
Auch in Deutschland bleibt das erwartete Wirtschaftswachstum aus,
die Arbeitslosenzahlen steigen, die Steuereinnahmen fallen bedeutend geringer
aus als erwartet. Gleichzeitig müssen 8,6 Milliarden Euro für den
Airbus-Militär-Transporter her, wobei die Staatsverschuldung nicht zu
stark steigen darf, um den Euro nicht zu gefährden und ihn gegenüber
dem Dollar nicht zu stark zu schwächen. Und während man in Berlin
sehnsüchtig auf eine international einsatzfähige Truppe wartet,
will sich die US-amerikanische Konkurrenz - die Gunst des wirtschaftlichen
und militärischen Vorsprungs nutzend - die Welt unter den Nagel reißen.
Der Versuch der europäischen Imperialisten sich einen exklusiven Hinterhof
zu schaffen, d.h. die Osterweiterung der EU, erweist sich als noch ungeklärtes
und zwischen den europäischen Großmächten heftig umstrittenes
Abenteuer.
Der ökonomische Abschwung mit Massenentlassungen hatte bereits vor dem
11. September 2001 begonnen. Die Erschütterung des 11. September und
die Kriegskosten haben ihn allerdings verstärkt. In den USA blieben
wegen der anhaltenden Rezession "in den ersten vier Monaten dieses Jahres
[...] die Steuereinnahmen um fast 30% hinter ihrem Vorjahresniveau zurück"
(Deutsche Bank Research), gleichzeitig werden 50 Mrd. $ zusätzlich für
das Pentagon und 29 Mrd. $ für den sogenannten Heimatschutz bewilligt,
während soziale Sicherung, das öffentliche Gesundheitssystem und
die Altersvorsorge auf der Strecke bleiben.
Die europäischen Staaten versuchen es den USA gleich zu tun. Das Streben
nach imperialer Vorherrschaft verursacht so Kosten, die aktuell die Entwicklung
der Weltwirtschaft dämpfen: "Die Irak-Pläne des Pentagon lösten
in den Führungsetagen vieler US-Konzerne denn auch beträchtliche
Sorgen aus. [...] Eine teure Militäroperation am Golf würde den
Spielraum der Regierung, der kränkelnden Ökonomie mit einer expansiven
Wirtschaftspolitik aufzuhelfen, weiter einengen" (Der Spiegel, 33/2002, S.
107).
Wie Staatsausgaben generell verstärken auch Militärausgaben den
Fall der durchschnittlichen Profitrate - auch wenn einzelne Unternehmen im
rüstungsnahen Bereich das große Geschäft machen mögen.
Doch das System imperialistischer Konkurrenz kennt kein anderes
Mittel auf die globale Rezession zu reagieren, als mit dem Versuch gegenüber
den Konkurrenten die eigene Kontrolle und Hegemonie über die unterdrückten
Länder dieser Welt zu vergrößern.
In diesem ökonomischen System kann es keine andere Politik geben als
die der Durchsetzung national konkurrierender Profitinteressen mit allen
Mitteln - auch wenn dies der Weltwirtschaft schadet. Denn nicht um die Weltwirtschaft
als Ganzes geht es, sondern um die Stellung eines Landes in deren Rangordnung.
Notwendigerweise festigt sich dabei die chronische strukturelle Arbeitslosigkeit
bei gleichzeitig sinkendem Lebensstandard der Lohnabhängigen. Die Vorschläge
der Hartz-Kommission haben in diesem Rahmen keinen anderen Zweck, als massiv
Sozialausgaben einzusparen sowie die Lohnkosten zu verbilligen durch Arbeitszwang,
Niedriglohnsektor, Leiharbeit und die sozialabgabensparende "Ich-AG" der
Scheinselbstständigen.
... und politische Krise des Proletariats
Die objektiven Widersprüche des Kapitalismus machen das Regierungsgeschäft
für bürgerliche Politiker zur Quadratur des Kreises, welche praktisch
im ratlosen und rastlosen Spiel von Versuch und Irrtum mündet. Dabei
verfolgen sie entschlossen die Interessen des jeweiligen nationalen Kapitals,
was sie aber nicht über die Widersprüche des kapitalistischen Systems
erhebt. Gleichzeitig produzieren sie eine immer größere Zahl von
Opfern: Massenentlassungen, sinkende Einkommen, Sozialabbau, tödliche
Einschränkungen des Gesundheitssystems usw. im Gleichschritt mit steigendem
Rassismus, verschärften nationalistischen Tönen aller bürgerlichen
Parteien und zunehmender staatlicher Repression. Was die bürgerliche
Herrschaft und ihre Politiker von Tag zu Tag rettet, ist weniger ihr eigenes
Geschick als die derzeitige Unfähigkeit der Ausgebeuteten und Unterdrückten,
dem Kapitalismus in der letzten Schlacht den entscheidenden Stoß zu
versetzen. Es mangelt selbst an einer effektiven Verteidigung gegen die massiven
Versuche des Kapitals, seine ökonomischen Schwierigkeiten auf Kosten
der Arbeiter zu lösen.
So hat das Proletariat dieses Jahr, wenn auch auf niedrigem Niveau, Kampfbereitschaft
gezeigt. Die bestehende reformistische Führung der Arbeiterschaft hat
jedoch selbst dieses Niveau untergraben und die Kämpfe im Gegenzug für
die Anerkennung der bürokratischen Privilegien an das Kapital ausverkauft.
Dem Aufbau einer revolutionären Alternative zu diesen verräterischen
Führungen steht eine kleine Heerschar linksreformistischer und zentristischer
Organisationen im Weg, aus denen sich zum größten Teil “die (radikale)
Linke' zusammensetzt. Von Autonomen über DKP und MLPD bis hin zu Linksruck,
SAV oder Gruppe Arbeitermacht haben diese Organisationen trotz verschiedener
Programme die gleiche objektive politische Funktion: Die Radikalisierung
von Jugendlichen und Arbeitern mit pseudorevolutionären Phrasen aufzufangen,
um sie in die Bahnen nicht-revolutionärer Politik und in eine Praxis
opportunistischer Anpassung zu lenken. Reformisten und Zentristen versuchen,
so die Revolutionäre von den Arbeitermassen zu isolieren. Obwohl der
Kapitalismus objektiv reif, ja überfällig, für seine Ersetzung
durch den Sozialismus ist, wird so verhindert, dass das Proletariat subjektiv
reif für die dazu notwendige Revolution wird. Die soziale und
politische Krise der Menschheit hat ihre Ursache in dieser Krise der revolutionären
Führung.
Der "deutsche Weg": Blut, Schweiß und Tränen
Diese globale Situation prägt auch die Lage in Deutschland.
Im Mittelpunkt “deutscher Politik” steht die Aufgabe, Deutschland
fit zu machen für die wirtschaftliche, politische und militärische
Konkurrenz um die Aufteilung der Welt unter den größten Mächte.
Im Namen der Standortkonkurrenz müssen Löhne und soziale Leistungen
gesenkt werden, gleichzeitig soll im “deutschen Interesse” die Bundeswehr
massiv aufgerüstet werden, um ihre internationale Einsatzfähigkeit
entscheidend zu verbessern. Natürlich sollen dafür Arbeiter, Arbeitslose,
Rentner, Sozialhilfeempfänger sowie Schüler und Studenten bluten.
Auch die von PDS und SPD in Berlin vorgenommenen Kürzungen zeigen was
Regieren für den Imperialismus bedeutet und die heutigen Verhältnisse
in den USA geben einen Vorgeschmack auf das, was morgen auch hier droht:
Während die Verteidigungsausgaben von 260 Mrd. $ jährlich Mitte
der 90er auf 329 Mrd. $ dieses Jahr angestiegen sind, wollen 17 US-Staaten
den Schulunterricht von fünf auf vier Unterrichtstage kürzen, weil
ihnen das Geld zur Bezahlung der Lehrer fehlt (SZ, 03.07.2002).
Jede bürgerliche Regierung egal welcher Parteienzusammensetzung ist
diesem Programm von Blut, Schweiß und Tränen für das deutsche
Weltmachtstreben verpflichtet. Die Bilanz der sozialdemokratisch geführten
Regierung fällt in dieser Hinsicht ganz unzweideutig aus - selbst wenn
man auf jede Kritik an Schröders angeblichen sozialpolitischen Errungenschaften
verzichtet: "’Mehr soziale Gerechtigkeit’ versprach Schröder und kündigte
Korrekturen der Kohl-Politik bei der Lohnfortzahlung, beim Kündigungsschutz
und bei der Rente an. Die Versprechen löste er ein, aber gerechter wurde
die Einkommensverteilung nicht - die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer
größer" (Marion Kraske: Verarmung im Streichelzoo; www.spiegel.de).
Kann es einen eindeutigeren und objektiveren Indikator dafür geben,
dass die Sozialdemokratie an der Macht das Kräfteverhältnis der
Klassen weiter zu ungunsten des Proletariats verschoben hat? Innenpolitisch
ist Schröders Wahlkampfrhetorik vom "deutschen Weg" nichts anderes als
dumpfer nationalistischer Populismus, der nichts Konkretes verspricht und
zu nichts verpflichtet. Wenn Schröder bei seinem Auftritt in Hannover
die Unternehmer auffordert, offene Stellen zu besetzen, statt Millionenabfindungen
zu kassieren und gleichzeitig Menschen zu entlassen, dann äfft er nur
den Wahlkämpfer Kohl nach: "Bundeskanzler Helmut Kohl übte gestern
generelle Kritik an den Unternehmern. In einer Rede in Paderborn mahnte er,
der Erfolg einer Firma dürfe sich nicht danach richten, in welchem Tempo
wie viele Arbeitsplätze abgebaut würden. Eine solche Betrachtungsweise
sei kurzfristig, weil sie das größte Kapital des Landes - die
Menschen - zuwenig im Blick habe" (Die Welt, 25. 10. 1996). Und so wie Kohl
Hand in Hand mit seiner “Kapitalistenschelte” die Lohnfortzahlung köpfte,
geht Schröder mit den Hartz-Plänen in die Offensive gegen Arbeitslose.
Welch gewaltige neuerliche Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums
zugunsten des Kapitals damit erreicht werden soll, macht die erklärte
Absicht deutlich, die Lohnersatzleistungen von 40 auf 13 Mrd. Euro zu senken
(vgl. SZ, 24. 06. 2002).
Schröders “Linkswende” ist offensichtlich "durchschaubar, alles
nur Taktik" (RP, 29. 06. 2002) - unter anderem dadurch diktiert, dass
der "Unionskanzlerkandidat [...] mittlerweile öfter von sozialer Sicherung,
von Gerechtigkeit und Solidarität [redet] als der sozialdemokratische
Kanzler" (SZ, 08. 07. 2002). SPD-Parteigeneral Müntefering macht klar,
dass es nur darum geht, "über die linke Seite anzugreifen", um "in die
Mitte zu flanken", damit "das Ding", d.h. die Wiederwahl, reingeht (Der Spiegel,
33/2002; S. 27).
Kein Wunder, dass sich die Begeisterung über weitere vier Jahre Schröder
unter sozialdemokratischen Stammwählern in Grenzen hält. Als am
1. Mai die Gewerkschaftsbonzen die Werbetrommel für ihren Genossen der
Bosse rührten, ernteten sie nicht selten eisige Stimmung oder sogar
Pfiffe. Der Zusammenhang zwischen Kriegskosten und Sparen im Sozialbereich
wurde schon 1999 während des Kosovo-Krieges deutlich, als selbst die
BILD-Zeitung nach Eichels "'Blut-, Schweiß- und Tränen-Rede' im
Bundestag" angesichts von "brutalen Sparplänen" "ohne Tabu" der
sozialdemokratisch geführten Regierung titelte: "Herr Eichel, wer muß
bluten?" (BILD, 06. 05. 2002). Im Unterschied zu den “Butter und Bildung
statt Bomben”-Sozialisten müssen Revolutionäre jedoch auf den untrennbaren
Zusammenhang der modernen kapitalistischen Wirtschaft mit der imperialistischen
Politik hinweisen: Die Alternativen heißen entweder ein besseres
Leben im Sozialismus oder kapitalistische Konkurrenz mit Kampfflugzeugen
und Kanonen. Revolutionäre Politik muss diesen Gegensatz den Massen
deutlich machen, Reformisten und Zentristen verwischen ihn. Indem sie versuchen
durch ihre Parolen, den Wunsch der Menschen nach einem besseren Leben gegen
oberflächliche Exzesse statt die Grundfesten des Systems zu richten,
bereiten sie in Worten die Praxis der Volksfrontpolitik vor, d. h. die Unterordnung
des Widerstands unter irgendeinen fantastischen sogenannten fortschrittlichen
Flügel bürgerlicher Politik wie Pazifismus, Sozialpartnerschaft
und Sozialstaat.
Gewerkschaftsbasis kämpft, Gewerkschaftsführung dämpft
Als Kohl 1996 sein Sparpaket verkündet hatte, stieg die Wut
und Empörung der Arbeiter spontan an, es kam in vielen Städten
zu Arbeitsniederlegungen und Protestdemonstrationen. Die Gewerkschaftsbürokratie
kanalisierte diese Kampfbereitschaft statt in einen wirkungsvollen Generalstreik
in die größte Massendemonstration der BRD nach Bonn, wo Gewerkschaftsspitzen
und SPD-Politiker sie auf die Wahlen in zwei Jahren orientierten. Entsprechend
halten die Gewerkschaftsbonzen nun ihrer Regierung seit 1998 durch ihren
organisierten Einfluss unter den Arbeitern den Rücken frei: Beim Krieg
gegen Jugoslawien und Afghanistan, indem sie allenfalls pazifistische Protestchen
der Gewerkschaftsbasis zuließen, und beim Krieg gegen die eigenen Untertanen
durch das Stillhalten angesichts der sozialdemokratischen Spar- und Sicherheitspakete.
Und selbst bei den Hartz-Plänen zum Kampf gegen Arbeitslose, die an
der Basis zu recht auf massive Ablehnung stoßen, halten die Gewerkschaftsspitzen
mit ein bisschen Murren garnierte Vasallentreue.
Doch dieses Jahr konnten sie in vielen Bereichen den Deckel nicht mehr drauf
halten auf der Wut der Kolleginnen und Kollegen: Auf dem Bau gärte es
schon seit längerem, die Entlohnungssituation dort ist katastrophal,
Tarifbruch an der Tagesordnung. Jahrelang hatte die IG-BAU-Spitze versucht
diese Unzufriedenheit Hand in Hand mit der Polizei in rassistische Kampagnen
gegen sog. "Illegale" aus Süd- und Osteuropa zu lenken. Dadurch wurde
die Illegalisierung der Wanderarbeiter und mit der Rechtlosigkeit deren Superausbeutung
nur verstärkt, was wiederum den Konkurrenzdruck auf die Löhne aller
Arbeiter nur erhöht. Dem könnte nur eine gewerkschaftliche Organisierung
der eingewanderten Kollegen und der gemeinsame Kampf für deren volle
staatsbürgerliche Rechte und gleiche Entlohnung bei gleicher Arbeit
entgegenwirken.
Höhere Löhne haben die Ablenkungs- und Sündenbock-Kampagnen
natürlich nicht gebracht. Stattdessen haben sie Teile der Bauunternehmer,
insbesondere im Osten ermuntert, die Gewerkschaften, Tarifverträge und
damit die Rolle der Bürokraten als Verhandlungspartner ganz in Frage
zu stellen. Derart unter Druck von Basis wie Kapital sah sich die IG-BAU-Führung
gezwungen den ersten Bauarbeiterstreik seit 1945 zu organisieren. Das hohe
Urabstimmungsergebnis von 98,63% und die für viele überraschend
effektive Durchsetzung von Streikbeschlüssen belegen die hohe Kampfbereitschaft
der Bauarbeiter. Auch die Urabstimmungen in der Metallindustrie belegen Wut
wie Kampfgeist der Belegschaften gleichermaßen. Auch im Dienstleistungsbereich
z. B. bei den von Massenentlassungen bedrohten Bankangestellten fanden und
finden Streiks statt. Die Streikkassen waren bzw. sind gut gefüllt und
trotz Standortrhetorik und Verzichtpredigten trafen bzw. treffen die Streiks
und Forderungen auf eine hohe Sympathie in der gesamten arbeitenden Bevölkerung.
Die Arbeiter nehmen dabei wenig Rücksicht auf Schröders Wahlaussichten,
weil viele begriffen haben, dass es bei der Wahl zwischen Stoiber und Schröder
keine wirkliche Auswahl gibt.
Demgegenüber bemühen die Gewerkschaftsbürokraten die angesichts
der Gemeinsamkeiten von SPD und Union lächerliche Rhetorik des Lagerwahlkampfes
gegen das größere Übel Stoiber. Deren einziger Sinn und Nutzen
ist die Kaschierung des Verrats - denn die Gewerkschaftsbonzen unternehmen
mit Rücksicht auf die Bosse und deren “Genossen” Schröder alles
in ihrer Macht stehende, um die hohe Kampfkraft der Basis nicht auszuschöpfen,
sondern einzudämmen und schnell faule Kompromisse zu schließen.
Kommunisten sind nicht per se gegen Kompromisse, etwa wenn die Kraft nicht
reicht, um hier und jetzt mehr zu erreichen. Doch während die Streikergebnisse
sicher etwas mehr brachten, als ohne jeden Kampf erreicht worden wäre,
brachten sie vor allem sehr viel weniger, als mit einer vollen Entfaltung
und branchenübergreifenden Verflechtung der Streiks erreicht worden
wäre. Die Streikführung der IG-Metall hatte sogar explizit nur
die Taktik von Flexi-Streiks angewandt und extra Computerprogramme benutzt,
um deren Schaden für die Metallwirtschaft möglichst begrenzt zu
halten.
Revolutionäre Gewerkschaftspolitik
Diese Erfahrungen lehren die Notwendigkeit der Gewerkschaftsführung
die Streikleitung zu entreißen sowie wähl- und abwählbare
Komitees zu schaffen, die den Streik und die Streikkasse im Interesse der
Belegschaften führen. Gleichzeitig zeigen sie die Notwendigkeit, in
den Gewerkschaften klassenkämpferische Fraktionen aufzubauen, um die
reformistische Führung zu stürzen und die Gewerkschaften zu revolutionieren.
Solche Fraktionen können nicht auf einem Programm bloßer Gewerkschaftsmilitanz
aufgebaut werden, weil diese spontan nie den Rahmen des Verteilungskampfes
zwischen Lohnarbeit und Kapital überschreitet. Solche Gruppen müssen
auf einem Programm des revolutionären Übergangs vom Kapitalismus
zur Arbeitermacht aufgebaut werden, denn im Zeitalter des Imperialismus
gibt es zwischen Barbarei und Sozialismus keinen stabilen dritten Weg fortschreitender
Reformen. Jede Arbeiterorganisation ist daher letzten Endes politisch entweder
revolutionär oder pro-kapitalistisch, d. h. pro-imperialistisch. Im
Imperialismus beruhen Reformzugeständnisse an die Arbeiter in den Metropolen
ökonomisch auf den Extraprofiten aus der Ausplünderung der Welt
- daher die "Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot"-Logik des Reformismus. Als die
SPD um 1914 den Weg des Reformismus beschritt, war es daher unausweichlich,
dass sie auch den Weg des Sozialchauvinismus, d. h. der Vaterlandsverteidigung
und des Burgfriedens mit der “eigenen” Regierung im Krieg, beschritt. Die
jüngsten Erfahrungen mit der Sozialdemokratie an der Macht und mit ihren
Schildknappen in der Gewerkschaftsbürokratie bestätigen diese Analyse
vollauf.
Der “Kriegs- als Friedenskanzler”-Trick
Die Unterordnung unter das Kapital gefährdet natürlich
die Beliebtheit der SPD bei der proletarischen Stammwählerschaft. Da
es aber derzeit keine Gefahr von links gibt und eine Partei des revolutionären
Klassenkampfes mit Verankerung in den Massen nicht existiert, würden
die Wirtschaftsbosse dem Kanzler einen Linksschwenk im Werben um die Gunst
der Wähler nicht verzeihen. Klassenkampfforderungen aufgreifen sollen
die reformistischen Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung nämlich
nur, um eine Radikalisierung der Arbeitermassen aufzufangen und abzuwürgen
- aber nicht um einen Regierungswechsel von einer bürgerlichen Arbeiterpartei
wie der SPD, d. h. einer Partei bürgerlicher Politik in der organisierten
Arbeiterbewegung, zu einer rein bürgerlichen Partei wie der CDU/CSU
zu verhindern.
Bevor die Flut SPD und Kanzler auf einer Welle nationaler Eintracht wieder
nach oben spülte, lagen deren Umfragewerte anhaltend im Keller. Nachdem
alle Versuche Schröders gescheitert waren, seine Politik der bürgerlichen
Offensive deren Opfern schmackhaft zu machen, um ihre Stimmen zu gewinnen
und folglich die Umfragewerte im Keller blieben, spielte er die Karte der
Irak-Politik. Damit hoffte er nicht nur eine heraufziehende internationale
Krise in einen nationalen Burgfrieden umzumünzen. Er hofft damit vor
allem ein Politikfeld gefunden zu haben, auf dem die aktuellen Interessen
des deutschen Kapitals scheinbar nicht im direkten und offensichtlich schreienden
Widerspruch zu den Interessen und Wünschen der Massen stehen: Nach Meinungsumfragen
sind z. T. bis zu 80% gegen eine deutsche Beteiligung an einem Krieg gegen
den Irak.
Doch aus dem Kriegskanzler ist kein Friedenskanzler geworden: Es ist nur
momentan nicht im deutschen Interesse, dass ein Krieg gegen den Irak stattfindet,
weil dadurch im Erfolgsfalle allein der Einfluss der USA in dieser strategischen
und rohstoffreichen Region gewaltig steigen würden, während der
deutsche und insgesamt der europäische Einfluss mangels militärischer
Masse sinken würde. Schröder verkauft nur als Friedenspolitik,
was in Wirklichkeit die “bittere” Erkenntnis ist, dass erst aufrüsten
muss, wer ordentlich Krieg führen will. Kein Wunder also, dass Schröders
plötzlicher Pazifismus mit nationalistischer Rhetorik vom "deutschen
Weg" geschmückt wird.
Deutsches Rüstungsinteresse ...
Selbst der bürgerlichen Presse springen die Ungereimtheiten
der offiziellen Argumentationen ins Auge: "Das Nein von Fischer und Schröder
ist allerdings nur um den Preis einer gewissen Erklärungsnot zu haben.
Wenn Fischer jetzt sagt, er finde es in diesem Fall nicht richtig, ein Regime
militärisch zu stürzen, dann muss er den Unterschied zu Kabul sehr
genau erklären. Den Sturz der afghanischen Taliban hat die deutsche
Regierung zur Rechtfertigung der Kriegsbeteiligung ins Feld geführt.
Weshalb ist diesmal falsch, was damals richtig war?" (SZ, 05. 08. 2002).
Solche scheinbaren Widersprüche existieren allerdings nur bei oberflächlicher
Betrachtung und finden ihre Erklärung in den Spielregeln der imperialistischen
Konkurrenz: Die Bundeswehr ist derzeit in keiner Weise gerüstet, mehr
als eine Statistenrolle in einem derartigen "massiven Angriff" ("massive
attack" war der Codename des Feldzugs gegen den Irak 1991) zu spielen. Andererseits
fände ein solcher Angriff statt, wäre es zum Nachteil für
den Einfluss des deutschen Staates im Nahen und Mittleren Osten nicht dabei
zu sein. Würde die deutsche Regierung, um dabei zu sein, kurzfristig
alle militärischen Reserven mobilisieren, so würde dies aber Geld
kosten, das wiederum beim systematischen mittelfristigen Ausbau der Interventionsfähigkeit
der Bundeswehr fehlen würde. Der deutsche Imperialismus droht so oder
so ins Hintertreffen zu geraten und hätte im Falle eines Irak-Krieges
vor allem die Wahl zwischen zwei Übeln. Deshalb versucht die “rot”-grüne
Regierung die Gunst der Stunde zu nutzen, um international Stimmung gegen
einen Angriff auf den Irak zu machen:
"Die Bundesregierung musste nach den erkennbar konkreter werdenden Kriegsplänen
der USA einen Standpunkt einnehmen. Und anders als im Kosovo und in Afghanistan
geben es die Umstände her, dass dieser Standpunkt ein skeptischer bis
ablehnender ist. Schröders rot-grüne Regierung sagt Nein zu einem
Irak-Krieg zu einem Zeitpunkt, da in den USA die kritischen Fragen lauter
werden ... zu dem die militärische Spitze in Amerika darauf hingewiesen
hat, dass die eigentlich notwendige Operation selbst die Kräfte der
größten Militärmacht der Welt übersteigt und alle anderen
Operationen zu riskant und ineffektiv sind. Sie sagt Nein zu einem Zeitpunkt,
da erstmals realistisch erscheint, dass sich die maßgeblichen Länder
Europas auf eine gemeinsame Linie verständigen können und somit
eine Stimme von Gewicht wären. So uneinig sich Frankreichs Präsident
Jacques Chirac und Bundeskanzler Schröder zuletzt bei der EU-Agrarreform
gewesen sein mögen, so eindeutig bestärken sich die beiden in ihrer
Ablehnung eines Militärschlages gegen den Irak" (ebd.).
"Frankreich tritt seit Jahren für eine Lockerung der Sanktionen gegen
den Irak ein. Die irakischen Schulden bei Frankreich sind so hoch, dass Paris
allein deshalb langfristig an einer Normalisierung interessiert ist" (ebd.).
Über diese ca. 5 Mrd. US-Dollar Schulden hinaus sollen französische
Firmen lukrative Erdölförderabkommen mit Hussein ausgehandelt haben,
die solange blockiert sind, wie die Sanktionen anhalten, und die bei einem
Irak unter Vorherrschaft der US-Konkurrenz zur Disposition stünden (siehe
auch "Nieder mit der Hungerblockade! Verteidigt den Irak gegen den imperialistischen
Angriff!" in BOLSCHEWIK Nr. 12, Mai 1999). Spanien hat sich bereits der französischen
Position angeschlossen und mittlerweile "beginnt selbst bei Bushs bislang
treuestem Kriegsgefährten Tony Blair in London das Abrücken von
dem Gedanken, die Fackel an den Nahen und Mittleren Osten zu legen. Und nicht
zuletzt: Das deutsche Nein kommt zu einem Zeitpunkt, da auch US-Präsident
Bush eigene Wiederwahl-Chancen in sein Kalkül aufnehmen muss" (SZ, 05.
08. 2002).
Angesichts des geschilderten Dilemmas deutscher Politik schließt dieses
'Nein' jedoch keineswegs endgültig aus, dass im Falle eines dennoch
stattfindenden US-Angriffes die BRD egal unter welcher Regierung doch noch
mitmarschieren würde. Dieses Dilemma und die Versuche, es im Interesse
der deutschen Bourgeoisie aufzulösen, sind bestimmend für die ganze
deutsche Politik: Von der neoliberalen Deregulierung über die Standortpolitik
und den internationalen Vergleich der PISA-Studie bis zur Rüstungspolitik
geht es um die Stellung und Erfolge des deutschen Imperialismus im internationalen
Wettbewerb.
... gegen amerikanisches Kriegsinteresse
Die USA versuchen ihre ökonomische Regeneration nach der
Krise in den 80ern und ihre haushohe militärische Überlegenheit
umzumünzen in eine umfassende geostrategische Kontrolle des Mittleres
Ostens und Asiens - von den ehemaligen Sowjetrepubliken im Kaukasus bis
zu den Philippinen haben sie im Gefolge des Afghanistankrieges Stationierungsabkommen
abgeschlossen und ihre Truppenpräsenz verstärkt. Damit haben sie
einen entscheidenden Schritt zur Lösung des Problems getan, dass sie
in einem 2001 veröffentlichten Strategiepapier des Pentagons wie folgt
beschrieben: "Die Entfernungen auf dem asiatischen (Kriegs-)Schauplatz sind
riesig. Die Dichte der US-Basen und en-route Infrastruktur ist niedriger
als in anderen entscheidenden Regionen. Die Vereinigten Staaten haben zudem
eine geringere Sicherheit auf den Zugang zu Einrichtungen in der Region.
Dies legt ein Hauptgewicht auf die Sicherung zusätzlicher Zugangs- und
Infrastrukturabkommen" (Quadrennial Defense Review Report, eine ausführliche
Analyse der US-Strategie in BOLSCHEWIK Nr. 17, Januar 2002 in "Von Afghanistan
bis Somalia - Von demokratischen Rechten und Immigranten: Imperialisten Hände
weg!").
Rußland hat die US-Regierung bereits offen mit der Aussicht auf eine
Stationierung amerikanischer Truppen in Tschetschenien konfrontiert, falls
Moskaus Bekämpfung der dortigen Rebellen nicht zur Zufriedenheit Washingtons
ausfalle.
Wettlauf um die Welt(macht)
Offensichtlich wird der militärische Einfluss eines imperialistischen
Staates wieder in zunehmendem Maße zu einem wesentlichen Faktor, der
direkt darüber entscheidet, welchen Anteil das Kapital des jeweiligen
Staates in Konkurrenz zu den anderen Großmächten an der Aufteilung
der Märkte und damit auch an einem kommenden Wirtschaftsaufschwung haben
wird. Die “Bitte” des CDU-Politikers Karl Lamers "an die amerikanischen Freunde",
"beteiligen sie uns auch an der Strategie", erhielt auf der NATO-Wehrkundetagung
eine unmissverständliche Abfuhr durch den US-Vertreter: "Wenn sie mehr
Geld in die Verteidigung stecken, werden wir uns wieder ernsthaft unterhalten
können" (RP, 04. 02. 2002). Die Dimension der dafür notwendigen
Umverteilung von unten nach oben wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält,
dass nach Angaben von NATO-Generalsekretär George Robertson die USA
allein derzeit 379 Mrd. Milliarden Dollar verglichen mit 140 Mrd. bei allen
18 anderen NATO-Mitgliedern für ihre militärische Entwicklung ausgeben
(vgl. RP, 04. 02. 2002).
Insgesamt werden dem Interesse an einer Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands
auf allen Ebenen alle anderen Interessen untergeordnet. Dabei erweist
sich immer deutlicher die militärische Aufrüstung zu internationaler
Interventionsfähigkeit als Nadelöhr der gesamten weiteren Entwicklung.
Die daraus erwachsenden “Sachzwänge” imperialistischer Politik
werden von der Rüstungs- bis zur Sozialpolitik die kommende Legislaturperiode
prägen - egal ob unter “rot”-grün, schwarz-gelb oder einer großen
Koalition.
Die Diskussion um die Anschaffung von 73 Airbus A-400 M Großraumtransportern
für die Bundeswehr warf ein Schlaglicht auf diese Zusammenhänge.
Bei aller Kritik an Scharpings Vorgehen wird die Anschaffung eines neuen
Transporters "von allen Parteien außer der PDS gewollt" (Die Welt,
29. 04. 2002). Die konservative, CDU-nahe Tageszeitung Die Welt kommentierte:
"Das Airbus-Flugzeug muss kommen. Es ist wichtiger Bestandteil der europäischen
Verteidigungsidentität. Die Bundeswehr braucht moderneres Fluggerät,
was die beinahe schon kuriosen Luftsprünge nach Kabul gezeigt haben.
Aber die Kosten der, ab Mitte des Jahrzehnts anzuschaffenden, Luftfahrzeuge
der Bundeswehr - neben dem Airbus der Eurofighter und zwei Hubschraubermodelle
- werden das enge Finanzkorsett der Bundeswehr sprengen. Die Koalition muss
einsehen, dass die Friedensdividende verzehrt ist. Jetzt muss Geld nachgeschossen
werden" (Die Welt, 26. 01. 2002).
Rüstungskooperation ...
Dennoch ist die Sache nicht gar so einfach, wie sie dem bürgerlichen
Kommentator erscheint und die Entscheidung für das Airbus-Projekt nicht
sicher. Der Aufbau einer europäischen Rüstungswirtschaft, insbesondere
im Flugzeugbau, die mit der US-amerikanischen mithalten kann, steckt nämlich
noch in den Kinderschuhen. So sucht das Airbus-Unternehmen für den Bau
der A-400 M Hilfe in Osteuropa, "weil die eigenen Ingenieur-Kapazitäten
nicht ausreichen, um den Transporter und zugleich den Großraum-Airbus
A380 zu entwickeln. Deshalb sollen Entwicklung und Bau des Fahrwerks für
das europäische Militärflugzeug an Firmen in Russland und der Ukraine
vergeben werden. Auch beim Triebwerk müssten die Russen vermutlich helfen,
schreibt “Der Spiegel" (Die Welt, 29. 04. 2002). D. h. nicht nur die Produktion,
sondern sogar die technologisch brisante Entwicklung, das Know-how, müsste
teilweise an Nicht-NATO-Länder vergeben werden.
Um heute auf technologisch angemessenem Niveau einzusteigen, sind eine sehr
hohe technologische und organische Zusammensetzung des Rüstungskapitals
erforderlich.
Dies ist effektiv und profitabel nur bei einer Produktion großen Umfangs,
d. h. auf sehr hoher Stufenleiter möglich. Entsprechende Produktionszahlen
erfordern entsprechend potente Abnehmer - etwas, dass anders als die USA
kein einziger europäischer Staat allein leisten kann und was daher zur
gemeinsamen europäischen Rüstungsprojekten zwingt. In diesem Zusammenhang
scheint übrigens die außerordentlich hohe deutsche Bestellsumme
von 73 Maschinen weniger von direkten militärischen Erfordernissen diktiert
zu sein, als davon die europäische Gesamtbestellmenge über die
Rentabilitätsschwelle für das Rüstungskapital zu treiben.
Andererseits existieren keine imperialistischen Vereinigten Staaten
von Europa analog den USA sondern allenfalls ein europäisches Staatenbündnis
imperialistischer Konkurrenten. Das jüngste Hick-Hack um den Airbus
zeigte auf, wie schwierig auf dieser Grundlage ein dauerhaft verlässliches
gemeinsames Vorgehen zu bewerkstelligen ist. Nicht nur ein deutsches Verfassungsgerichtsurteil
oder ein Regierungswechsel im September könnte das ganze zwischen den
bürgerlichen Politikern der EU umstrittene Projekt zum Scheitern bringen:
"In britischen Zeitungen wurde unterdessen spekuliert, Großbritannien
könnte von seinen Aufträgen für den Airbus wieder Abstand
nehmen und sich stattdessen für die größere Maschine C-17-Globemaster
des US-Konkurrenten Boeing entscheiden. Ohnehin hatte man in London große
Zweifel, ob Deutschland tatsächlich 73 Airbus A-400 M benötigt.
Sollten die Briten, wie schon die Italiener vorher, tatsächlich abspringen,
würde sich das Auftragsvolumen für den Militär-Airbus gewaltig
reduzieren. Immerhin will London allein 25 Maschinen ordern. Bislang liegen
nach Angaben von Airbus 196 feste Bestellungen vor. Als Grenzwert werden
in der Industrie etwa 180 Maschinen genannt. Sollten es weniger werden, lohnt
sich der Investitionsaufwand nicht mehr oder die Entwicklungskosten würden
den Stückpreis so in die Höhe treiben, dass auch die anderen Partnerländer
in finanzielle Schwierigkeiten kämen." (Die Welt, 23. 01. 2002).
... und Rüstungskonkurrenz
Das rüstungspolitische Dilemma des deutschen Imperialismus
ist also jenes: Um global interventionsfähig zu sein, brauchen alle
europäischen Mächte aber besonders die BRD dringend neue Transportmaschinen.
Diese könnten von den USA gekauft werden, was auf der NATO-Wehrkundetagung
2002 in München auch von den USA empfohlen wurde:
"Scharpings Appell, US-Technologie nicht unter Verschluss zu halten, sondern
den Verbündeten zugänglich zu machen, beantworteten die US-Vertreter
eher mitleidig: Die Europäer könnten doch ausgezeichnete US-Produkte
einfach kaufen, statt sich viele Jahre mit der Eigenentwicklung etwa von
Airbus-Militär-Transportflugzeugen aufzuhalten. Natürlich schmeckte
diese Aufgabenteilung den Europäern ganz und gar nicht. Was die USA
in München nicht kümmerte" (RP, 04. 02. 2002).
Beide Reaktionen sind in der imperialistischen Gesellschaft “natürlich”,
denn das Geld das Europa für Rüstungsimporte ausgeben würde,
würde die Rüstungsindustrie und -technologie in den USA fördern
und beim Aufbau einer ebensolchen Industrie in Europa fehlen. Die US-Konzerne
könnten so ihren Entwicklungsvorsprung und ihr Monopol ausbauen.
Schon heute nutzen die USA ihren Vorsprung aus und zwingen ihre Verbündeten,
nur überteuerte Original-Ersatzteile statt billigere aber faktisch gleichwertige
Teile aus Fernost von amerikanischen statt eigenen Mechanikern in Flieger
einbauen zu lassen - mit dem Ergebnis, das Flugzeuge am Boden bleiben müssen,
wenn der Monopolist nicht liefert.
Die militärische Macht der europäischen Staaten wäre damit
in einem Schlüsselbereich auf absehbare Zeit auf Gedeih und Verderb
von der amerikanischen Wirtschaft und Politik abhängig, die internationale
Interventionsfähigkeit wäre von Gnaden der amerikanischen Konkurrenz
und daher für letztere selbst keine ernsthafte Konkurrenz um die Aufteilung
der Welt. Setzen die europäischen Regierungen dagegen auf eine Eigenentwicklung
wie den Airbus, müssen nicht nur mehrere konkurrierende Interessen und
Staaten langfristig unter einen Hut gebracht werden und allein dafür
gibt es keine wirkliche Garantie. Zudem müsste sensibles militärisches
Know-how mit Nicht-NATO-Ländern geteilt werden und darüber hinaus
gibt es keine Garantie für den ausreichenden technischen Erfolg der
eigenen Entwicklung oder die Einhaltung der kalkulierten Kosten. US-Flugzeuge
könnte man sofort ordern, auf den Airbus muss man bis Mitte dieses Jahrzehnts
warten, bis voraussichtlich überhaupt die Entwicklung abgeschlossen
sein wird - aber die Welt wird jetzt aufgeteilt. Kein Wunder das deutsche
wie andere europäische Bourgeoisien in dieser Frage taktisch gespalten
sind. Deshalb ist das letzte Wort in diesen Fragen auch noch nicht gesprochen.
Aber das die Bundeswehr aufgerüstet werden muss, ist zwischen den Parteien
unumstritten.
Antiamerikanismus und Antisemitismus
Diese Entwicklungen sowie das Tauziehen um den Internationalen Strafgerichtshof
- samt dem von Bush unterzeichneten Gesetz zur militärischen Befreiung
amerikanischer Gefangener in Den Haag - sind die sichtbaren Zeichen der sich
verschärfenden imperialistischen Konkurrenz zwischen den USA und Europa,
wobei England eine Zwischen- oder Sonderstellung einnimmt. Antiamerikanismus,
d. h. die deutsch-imperialistische Kritik an der US-Konkurrenz, wird
seid dem Ende des Kalten Krieges immer stärker zu einem Element deutscher
bürgerlicher Politik. Von Walsers Schlussstrichrede in der Paulskirche
bis zu Möllemanns populistischen Testballons beginnt die offene Verknüpfung
des "deutschen Weges" und besonders des Antiamerikanismus mit dem Antisemitismus.
Das deutsche Kapital will sich weder von Paris noch London und schon gar
nicht von Washington ans Bein pinkeln und mit der sog. "Moralkeule Auschwitz"
(Martin Walser) diplomatisch an die Kette legen lassen. Die (antisemitische)
Entsorgung der deutschen Vergangenheit soll die Bevölkerung gegenüber
dem politischen Einfluss der "Siegermächte" immunisieren. Die innere
nationalistische "Normalisierung" der BRD ist die Begleitmusik zur Normalisierung
des deutsch-amerikanischen Verhältnisses von der akzeptierten Patronage
nach `45 hin zur offen ausgetragenen Konkurrenz.
Als klassenbewusste Organisation lehnen wir jede Spur von Antisemitismus
entschieden ab. Diese Ideologie soll z. B. durch die “Kritik”
der angeblich allmächtigen jüdischen Lobby die Hirne der Opfer
des Kapitalismus derart verrenken, dass sie sich vor den imperialistischen
Karren von Sparpaketen und Kriegstreiberei spannen lassen. Aber nicht die
Juden sind unser Unglück, sondern das Kapital: Der Hauptfeind aller
Arbeiter und Arbeiterinnen in Deutschland ist nicht der zionistische Zentralrat
der Juden sondern die deutsche Bourgeoisie.
Kein dritter Weg
So wie der Imperialismus die Basis aller kapitalistischen Politik
ist, ist der entschiedene Bruch mit dem “eigenen” Imperialismus der Ausgangspunkt
jeder wirklich klassenkämpferischen Arbeiterpolitik. Umgekehrt ist der
Burgfrieden mit der “eigenen” Bourgeoisie das Kainsmal des Klassenverrats.
Angesichts des zweiten imperialistischen Weltkrieges um die Neuaufteilung
der Welt, erklärte der britische Premierminister Winston Churchill,
er habe für England kein anderes Programm "außer Blut, Mühsal,
Tränen und Schweiß". Heute kann angesichts des Wettlaufs um die
Aufteilung der Welt keine der politisch bürgerlichen Parteien den ausgebeuteten
und unterdrückten Massen in Deutschland etwas anderes anbieten außer
Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß. Auf allen Ebenen trägt
heute die bürgerliche Politik offensichtlich den Stempel der Mobilmachung
für die imperialistische Unterdrückung und Konkurrenz und letztlich
von “Blut und Eisen”.
Vier Jahre sozialdemokratischer Regierung haben eine unübersehbare Spur
von Sozialabbau, Rassismus, Repression und Kriegstreiberei hinterlassen.
Die angeblich sozialistische Oppositionspartei PDS hat ihre sozial-pazifistischen
Beschlüsse gegen Militärinterventionen vom Münsteraner Parteitag
untergraben und zurückgenommen. Ihre sozialpatriotischen Führer
wie Gabi Zimmer sind erklärtermaßen nicht mehr prinzipiell gegen
Militärinterventionen, solange sie nicht zum vorrangigen bzw. alleinigen
Mittel der Politik werden, d. h. solange die militärische Hauptmahlzeit
mit einem bunten Salat aus politischer Einmischung, ökonomischer Erpressung
und diplomatischem Drucks als Beilage garniert wird. Innen, sozial- und wirtschaftspolitisch
lassen die Regierungsbeteiligungen bzw. -tolerierungen der PDS in Mecklenburg-Vorpommern,
Berlin bzw. ehemals in Sachsen-Anhalt keinen Raum mehr für ernstzunehmende
Illusionen. Mit ihnen wollte die PDS im Sinne der Regierungsfähigkeit
der deutschen Bourgeoisie beweisen, dass sie sich auf die demokratischen
“Sozialisten” verlassen kann.
Fazit: Auch die bürgerlichen Arbeiterparteien SPD und PDS verbreiten
also heute nicht einmal ernsthafte Illusionen, dass ihre Politik an der kapitalistischen
Regierungsmacht von diesem Programm abweichen und den Interessen der Arbeiterklasse
und unterdrückter Minderheiten dienen wird. Im Gegenteil: Tag für
Tag beweisen sie in Bund und Ländern, dass sie trotz ihrer proletarischen
Basis politisch Parteien des Kapitals sind. Deshalb verbinden die Ausgebeuteten
mit diesen Parteien aktuell auch keine klassenkämpferischen Erwartungen,
die enttäuscht werden könnten und über diese Enttäuschung
zu einem klassenkämpferischen Bruch mit diesen reformistischen Organisationen
führen könnten.
Die diffuse Befürchtung mancher Arbeiter, dass es unter Stoiber schlimmer
kommen könne als unter irgendeiner Regierungskombination aus SPD, PDS
und Grünen, ist eine unenttäuschbare Hoffnung: Die absehbare Reaktion
auf Demokratieabbau, Sparpakete und Kriegspolitik der reformistischen Parteien
wird sein: Unter Stoiber wäre es noch schlimmer geworden. Diese “Logik”
des kleineren Übels ist ein Zirkelschluss. Sie kann anders als wirkliche
klassenkämpferische Illusionen der Basis nicht mittels einer kritischen
Wahlunterstützung der Reformisten durch Revolutionäre einem Praxistest
unterzogen werden - einem Praxistest, in dem sich die klassenkämpferischen
Arbeiter durch ihre politische Erfahrung mit dem Verrat der Reformisten an
der Macht der revolutionären Alternative zuwenden.
Für klassenbewusste Arbeiter und Arbeiterinnen kann es daher bei den
Wahlen keine Wahl und folglich nur eine Losung geben: Keine Stimme für
SPD und PDS! Stoppt Stoiber und Schröder durch Klassenkampf! Zerbrecht
die Macht des deutschen Imperialismus durch Arbeiterrevolution!
Sozialismus statt Barbarei
Zu diesem Zweck muss der bürgerlichen Offensive des deutschen
Imperialismus an allen Fronten ein Programm des revolutionären Übergangs
zum Sturz der kapitalistischen Herrschaft und der Errichtung der Arbeitermacht
entgegengesetzt werden. Die sozialen Folgen der bürgerlichen Offensive
lassen sich in zwei chronischen Erscheinungen zusammenfassen: Steigende Massenarbeitslosigkeit,
sinkender Lebensstandard. Neben dem Absturz ganzer Schichten in eine zunehmende
gesundheits- und lebensgefährdende Verelendung bis hin zur Obdachlosigkeit
ganzer Familien besonders in Ostdeutschland, erleben wir eine sich festigende
Spaltung der Arbeiterschaft durch massenhafte Dauerarbeitslosigkeit mit allen
fatalen Konsequenzen der Lohndrückerei ("Niedriglohnsektor") sowie rassistischer
und sexistischer Ausgrenzung, da Arbeitslosigkeit natürlich verstärkt
Frauen und Immigranten trifft. Diese ökonomischen Grundübel kann
die Arbeiterklasse nur bekämpfen, indem sie eine Verteilung der Arbeit
auf alle Hände durch massive Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich
anstrebt. Löhne, Renten und Sozialleistungen müssen massiv erhöht
und automatisch an die, auf Arbeiterhaushalte tatsächlich wirkende,
Inflation angepasst werden. Das Recht auf Gesundheit und Bildung ist elementar.
Es kann aber nur durch Zwangsmaßnahmen gegen das Kapital durchgesetzt
werden: Freie und kostenlose Gesundheitsversorgung auf dem höchsten
medizinischen Standard für alle! Freie Bildung bei einem existenzsichernden
staatlich finanzierten Einkommen für alle!
Technik und Produktion sind heute so entwickelt, dass sie allen Menschen
ein würdiges und langes Leben in Gesundheit und Zufriedenheit bringen
könnten. Die Durchsetzung dieser Forderungen ist daher keine Frage des
Machbaren. Sie ist allein eine Frage des Klassenkampfes und der Entschlossenheit
der Arbeiter und Arbeiterinnen gemeinsam mit allen Unterdrückten jeden
Widerstand auf dem Weg zu einem besseren Leben niederzuringen. Erste notwendige
Schritte sind daher die Organisation von gewählten und abwählbaren
Komitees der lohnabhängig Beschäftigten in den Betrieben. Diese
würden die Offenlegung aller Betriebsgeheimnisse verlangen und alle
Vorgänge kontrollieren. Im Gesundheits- wie im Bildungssystem würden
sie dafür sorgen, dass die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse
und Entwicklungen den Massen zu gute kommen und kein Monopol der Besitzenden
und der reichen Nationen bleiben. Je stärker diese rätedemokratische
Organisierung der Massen alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und
des Landes erfasst, um so wirkungsvoller kann sie ihren Nutzen entfalten.
Durch sie würden die Arbeiter im Bündnis mit den Unterdrückten
einerseits die Durchsetzung ihrer Forderungen überwachen und andererseits
Einblick in die Führung der Betriebe und die Verwaltung der Gesellschaft
erhalten. Sie würden sowohl erlernen, was sachlich notwendig ist, um
die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zu organisieren
als auch lernen, davon das zu trennen, was nicht der Verwaltung von Sachen
und Menschen, sondern deren Ausbeutung und Unterdrückung dient. So können
sich die Arbeiter auf den Tag vorbereiten, an dem sie selbst das Kommando
über die Wirtschaft übernehmen.
Um sowohl die Erwerbslosigkeit zu bekämpfen als auch dringend notwendige
Maßnahmen im sozialen, medizinischen, ökologischen und Bildungsbereich
durchzuführen, bedarf es nicht der neoliberalen Deregulierung, sondern
eines großangelegten Programms öffentlicher Arbeiten, finanziert
von den Kapitalisten und kontrolliert von den Arbeitern. Auch dazu müssen
die Arbeiter in den Betrieben und Wohngebieten und schließlich auf
nationaler Ebene Räte organisieren, die erstens demokratisch den Bedarf
feststellen und die erforderlichen Maßnahmen planen sowie zweitens
diktatorisch dieses Programm gegen das Kapital und seine Versuche des Widerstands
oder der Kapitalflucht durchsetzen.
Von Telekom bis Worldcom - überall spüren die Arbeiter die Folgen
kapitalistischen Missmanagements. Sie haben daher weder Grund den Bossen
zu vertrauen noch zu glauben, “einfache” Arbeiter wären weniger geeignet
zur Lenkung der Wirtschaft als “hinterlistige” Manager. Doch kapitalistische
Manager ruinieren nicht nur im schlimmsten Falle einzelne Betriebe, selbst
im wirtschaftlichen Erfolgsfalle für das einzelne Unternehmen ruinieren
sie die Menschen und ihre Umwelt zugunsten des Profits. Rücksichtslos
setzen die großen Konzerne ihre Interessen weltweit durch: Die Arbeiter
können ihre Interessen daher nur durchsetzen, indem sie die Großkonzerne
der Finanz- und Industriewelt entschädigungslos enteignen, der Arbeiterkontrolle
unterwerfen und nach einem übergreifenden demokratischen Plan, orientiert
an den Bedürfnissen der Menschen betreiben.
Revolution gegen Repression
Ein solches revolutionäres Übergangsprogramm muss auf
jeder Stufe der Entwicklung die sozialen und wirtschaftlichen Forderungen
(von der Verteilung der Arbeit auf alle Hände bis zur Enteignung der
Kapitalisten) nicht nur mit der Organisierung der Arbeiter (Komitees, Räte)
sondern auch mit der Machtfrage verbinden: von den Streikposten über
die Bewaffnung der Arbeiter zur Selbstverteidigung im Klassenkampf bis hin
zum Arbeiterstaat. Der Grund dafür ist einfach: Die Kapitalisten
werden die Einschränkungen ihres Profits oder gar die Enteignung nicht
freiwillig hinnehmen. Auf jeder Stufe werden sie ihre Vorrechte und Autorität
mit aller Macht gegen die “kommunistische Gleichmacherei” verteidigen. Auch
wenn in manchen Firmen Arbeiter zehnmal ihren Chef duzen dürfen und
der Befehlston durch Zielvereinbarungen ersetzt wird, wird doch das Kapital
im Ernstfall keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, wer nach oben
(Kapitalist) und wer nach untern (Lohnabhängiger) gehört, wer die
Ziele vorgibt (Management) und wer bloßes Mittel zu ihrer Erreichung
(Arbeitskraft) ist. Schon heute, zu Zeiten relativer Klassenkampfruhe in
der BRD, zeigen die Herrschenden durch massiven Demokratieabbau wie beim
“rot”-grünen Sicherheitspaket Schilys ihre Bereitschaft jeden Widerstand
zu unterdrücken.
Dem Abbau demokratischer Rechte und der Verschärfung staatlicher Repression
- egal ob im Namen der inneren Sicherheit oder des Kampfes gegen den Terrorismus
- müssen Arbeiter entschieden entgegen treten. Unmissverständlich
haben die Herrschenden in den letzten Monaten gezeigt, dass sie als sog.
Terror jede Art von Widerstand begreifen und angreifen, der sich für
eine andere soziale und politische Ordnung einsetzt. Der Abbau demokratischer
Rechte ist die Einschränkung der Kampfmöglichkeiten des Proletariats
und aller Unterdrückten gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker,
die damit ihr Gewaltmonopol durchsetzen. Deshalb verteidigen Kommunistinnen
und Kommunisten entschieden demokratische Rechte und treten für deren
Ausbau (z. B. volle Staatsbürgerrechte für alle Immigranten) ein.
Ein solcher Kampf kann aber auf bürgerlich-liberaler Grundlage nicht
erfolgreich geführt werden. Die Politik großer Teile der Linken,
von Volksfrontstalinisten und -maoisten über Autonome und Pseudotrotzkisten
setzt aber erfahrungsgemäß beim Kampf um demokratische Forderungen
und gegen Diskriminierung praktisch (und nicht selten auch theoretisch) auf
eine Strategie der Gewinnung der liberalen Öffentlichkeit. Sie gründen
ihre Politik nicht auf die Logik des Klassenkampfes, sondern auf humanistische
Appelle und Berufungen auf "unveräußerliche Menschenrechte" usw..
Wer darauf setzt, hat auf Sand gebaut: Humanistisches Menschenrechtsgeschwätz
wird die Unterdrückerklasse - einschließlich ihres liberalen Flügels
und dessen intellektueller Kader - nicht einlullen, sondern allein die Unterdrückten
irreführen, indem es ihnen die Rechtsnormen und die juristische Verfassung
der kapitalistischen Ausbeutung als Maß der Dinge anpreist. Dieser
Irrtum ist keineswegs harmlos, sondern gefährlich: Im Zeitalter des
Imperialismus ist die Verteidigung bürgerlicher Interessen unvereinbar
mit der konsequenten Verteidigung demokratischer Rechte geworden. Wann auch
immer im Profitinteresse und zur Verteidigung der kapitalistischen Herrschaft
erforderlich, werden sie eingeschränkt, abgebaut und in ein Korsett
von Notstandsgesetzen gezwängt. Aus dem gleichen Grund ist auch bürgerliche
Arbeiterpolitik, d. h. der Reformismus, unfähig zu einer Verteidigung
von demokratischen Rechten, die über Lippenbekenntnisse hinaus geht.
Nicht-revolutionäre Politik wird zwangsläufig konterrevolutionär.
Statt einen dritten Weg zu beschreiten, geht sie uneingeschränkt auf
die Seite der kapitalistischen Diktatur über: In den USA will die Regierung
jeden 24. Bürger zum staatlichen Spitzel machen. "Angesprochen werden
Postboten, Lastwagenfahrer, Schaffner, Handwerker, Angestellte der Telefon-,
Strom- und Gasgesellschaften, kurz: Alle, die entweder Zugang zu Privatwohnungen
haben oder die ... Highways und Schienenwege der Nation im Auge haben" (SZ,
05.08.2002). Während die betroffenen Arbeiter laut Meinungsumfragen
dieses Ansinnen entschieden ablehnen, bietet ihr Gewerkschaftsboss James
P. Hoffa, dem Direktor der Homeland Security, Tom Ridge, seine volle Unterstützung
an: "Ich habe Ridge erklärt, dass zu jeder erdenklichen Zeit 500 000
unserer Trucker unterwegs sind [...] Dazu kommen 250 000 Arbeiter bei UPS.
Wir könnten die Augen und Ohren des Büros für Homeland Security
sein" (ebd.). Diese Klassenkollaboration kennzeichnet nicht ein bestimmtes
Land sondern unsere Epoche. Die Reformisten gehen keinen dritten Weg sondern
mit dem Kapital, weil es keinen dritten Weg gibt. Der Imperialismus kennt
zwischen Sozialismus oder Barbarei keine Alternative im Sinne einer Epoche
liberaler Reformen kombiniert mit einem fortschrittlichen nur-gewerkschaftlichen,
ökonomistischen Klassenkampf für Minimalforderungen. Dem steht
die nicht unwesentliche Tatsache im Weg, dass sich der Kapitalismus seit
über hundert Jahren in der imperialistischen Niedergangsepoche befindet.
Der tendenzielle Fall der durchschnittlichen Profitrate ist dem Kapitalismus
generell zu eigen. Im Imperialismus versuchen die einzelnen Großkonzerne
und nationalen Kapitale ihre Profite unter anderem gegenüber der Konkurrenz
durch den unerbittlichen Kampf um die ökonomische und politische Aufteilung
der Welt zu heben. Der Nationalstaat spielt bei dieser “Problemlösungsstrategie”
eine innen- wie außenpolitisch zentrale Rolle. Aus dieser Sicht
- und diese Sicht ist praktisch verbindlich für alle Strömungen
bürgerlicher Politik - muss die Heimatfront sozial- wie innenpolitisch
dem permanenten Krieg um die Welt, der mal kalt, mal heiß geführt
wird, untergeordnet werden. Deshalb ist jede Politik, die egal auf welchem
Gebiet, auf einen fortschrittlichen Flügel der (klein-)bürgerlichen
Politik setzt, ein Hinterherrennen hinter dem Schatten bzw. dem (Hirn-) Gespinst
der liberalen Bourgeoisie des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die bereits
am Ende des 19. Jahrhunderts endgültig durch den Monopolkapitalismus
liquidiert wurde. Unter diesen Bedingungen erfordert die bloße Verteidigung
ihres Lebensstandards und ihrer Rechte, dass Arbeiter und Arbeiterinnen mit
jeder Spielart bürgerlicher Politik brechen. Nicht nur im Kampf
auf wirtschaftlichem Gebiet, sondern auch auf politischem Gebiet kann nur
der revolutionäre Klassenkampf eine Alternative schaffen. Der staatlichen
Gewalt des Kapitals und dem faschistischen Terror ihrer trotz taktischer
Differenzen strategischen Verbündeten können nur organisierte und
bewaffnete Arbeiter wirkungsvoll begegnen.
Wessen Welt ist die Welt?
Der imperialistischen Außenpolitik müssen klassenbewusste
Arbeiter in der BRD ihre Solidarität mit den vom Imperialismus unterdrückten
Nationen entgegensetzen. Sollte morgen der Irak überfallen werden,
müssen sie den Irak militärisch verteidigen und für die Niederlage
des Imperialismus eintreten. Ihr Hauptfeind steht immer im eigenen Land,
er ist die deutsche Bourgeoisie und ihr Staat. Revolutionärer Antimilitarismus
hat nichts gemein mit Pazifismus. Kommunisten fordern die Wehrpflichtigen
in der Bundeswehr nicht auf, ihre Knarre wegzuschmeißen, sondern sie
umzudrehen auf den Hauptfeind dieser Arbeiter in Uniform und der Ausgebeuteten
und Unterdrückten: die “eigene” deutsche Bourgeoisie. Im Bündnis
mit den bewaffneten Arbeitern können sie den entscheidenden Schritt
machen und den bürgerlichen Staat durch einen rätedemokratischen
Arbeiterstaat ersetzen, dessen Vertreter jederzeit (ab-)wählbar und
nicht finanziell privilegiert sind. Mittels dieser Arbeitermacht können
die Ausbeuter enteignet und die Wirtschaft unter demokratischer Kontrolle
gemäß den Bedürfnissen aller Menschen statt den Profitinteressen
einer winzigen Minderheit gestaltet werden. Mittels dieser Arbeitermacht
können sie direkt ihre internationale Solidarität und Unterstützung
für Befreiungskämpfe rund um den Globus leisten. Arbeiterrevolutionen
weltweit sind der Weg, um die imperialistischen Herrn der Welt zu enteignen
und die gewaltigen Produktivkräfte bewusst und planmäßig
in den Dienst der Menschheit zu stellen.
Wir wissen, dass ein solches Programm heute kein Programm der unmittelbaren
Aktion ist - nicht weil der Kapitalismus dafür nicht reif ist, sondern
weil das politische Bewusstsein der meisten Arbeiter und Linken von den Reformisten
kontrolliert und im Schlepptau der Bourgeoisie gehalten wird. Es hat aber
keinen Sinn sich am augenblicklichen Bewusstsein der Arbeiter zu orientieren,
denn das falsche Bewusstsein ändert nicht die tiefere Realität:
Der Klassenkampf ist objektiv und wenn die Arbeiter der Bourgeoisie folgen,
so tun sie dies gegen ihr eigenes Interesse, auf Kosten ihres Lebensstandards
und ihres Lebens. Diese Tatsache führt immer wieder zu Protesten und
Widerstand. Jedoch wird keiner dieser Kämpfe je spontan dem Kapitalismus
das Licht ausknipsen - dem stehen die Reformisten als Agenten der Bourgeoisie
in den Reihen der Arbeiterbewegung im Weg. Kommunistinnen und Kommunisten
können durch ihr bewusstes Eingreifen diese Kämpfe allerdings vertiefen,
radikalisieren und zum Sturz des Kapitalismus führen, indem sie propagandistisch
wie praktisch in die Arbeiterbewegung das Bewusstsein hineintragen, dass
die einzige Alternative zur kapitalistischen Barbarei der Sozialismus und
der einzige Weg dorthin die Revolution ist. Dazu brauchen Kommunisten ein
Programm des revolutionären Klassenkampfes, das die Lehren aus allen
wichtigen Klassenkampferfahrungen zieht, in allen wesentlichen Fragen das
sozialistische Ziel verfolgt sowie die organisatorische und politische Selbstständigkeit
der Arbeiterklasse durch die Befreiung von jedem bürgerlichen Einfluss
fördert. Nach dem politischen Übergang der Sozialdemokratie und
der stalinisierten 3. Internationale in das Lager der Bourgeoisie hat allein
der Trotzkismus diese von Marx und Engels mit dem Kommunistischen Manifest
begründete Tradition bewahrt.
Der bewusste und kollektive Träger eines solchen Programms ist die kommunistische
Partei und Internationale. Das wichtigste Bindeglied zwischen dem Heute
der globalen imperialistischen Reaktion und dem Morgen der sozialistischen
Weltrevolution ist der Wiederaufbau einer solchen kommunistischen Weltpartei
und ihre Verankerung in den unterdrückten und ausgebeuteten Massen des
Imperialismus, um sie zu dessen bewusstem Totengräber zu machen.
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