IKL versus IBT über die DDR 1989/90:
Pro-Stalinismus versus Trotzkismus
Mit Verdrehungen und rhetorischem Nebel versucht
die SpAD, deutsche Sektion der IKL, in ihren Tiraden gegen die IBT von dem
klaren und einfachen Kern unserer Differenzen über die DDR-Intervention
der SpAD abzulenken (vgl. SPARTAKIST Nr. 152, BT/GLT: Anti-Spartakisten
fusionieren, Herbst 2003).
So sei unsere angebliche "Hauptkritik" an der
SpAD/IKL gewesen, dass sie "zur Treptower Demonstration in Verteidigung des
deformierten Arbeiterstaates nicht die SPD auf die Plattform holten" (ebd.).
Zunächst einmal war die Demonstration in Treptow als
antifaschistische Einheitsfrontdemonstration organisiert und selbst in
den Reden der Spartakisten als solche angesprochen worden. Unsere Kritik war,
dass "hypnotisiert von der (angeblich) marschierenden proletarischen
politischen Revolution, starren Blickes auf die SED-PDS, ... es die IKL gar
nicht für nötig [hielt], sich Gedanken über den wachsenden
Einfluß der SPD in der DDR-Arbeiterklasse zu machen" (Trotzkistisches
Bulletin Nr. 1, Die SpAD in der DDR: Opportunismus in revolutionärer
Verkleidung, Mai 1991) und wie man diesen durch Einheitsfrontaktionen entlarven
und so politisch bekämpfen könne.
Anders als die SpAD es bis heute darstellt, waren
die West-SPD und Ost-SDP keinesfalls das "trojanische Pferd für die
Konterrevolution". Sie versteckten ihren gefährlichen Inhalt nämlich
nicht vor den Arbeitern der DDR, sondern waren offene, glühende Verfechter
des kapitalistischen Anschlusses. Da aber, anders als die SpAD glaubte, die
Masse der Arbeiter nicht in den Reihen der Revolution marschierte, konnte die
SPD/SDP mit dieser Politik - auch vermittelt über die DGB-Bürokratie
- an Masseneinfluss unter den organisierten Arbeitern der DDR gewinnen. Neben
ihrem offen konterrevolutionären Auftreten gab sich die Sozialdemokratie
aber auch antifaschistisch, und viele DDR-Arbeiter mit Illusionen in die
SPD/SDP fürchteten zurecht die Nazis und ihren militanten Hass gegen
alle Organisationen der Arbeiterbewegung. Die Kundgebung gegen die
faschistische Schändung des sowjetischen Ehrenmals in Treptow wäre
daher ein idealer Anlass gewesen, dem wachsenden sozialdemokratischen Einfluss
unter den Arbeitern der DDR von Anfang an entgegenzuwirken. Denn ein
Einheitsfrontangebot an die sozialdemokratische Führung hätte in
diesem Kontext sehr schnell in der Praxis gezeigt, dass dieser die Nazis lieber
sind als die Verteidigung der antikapitalistischen und damit auch
antifaschistischen gesellschaftlichen Grundlagen der DDR.
Deshalb schrieben wir:
"Eine Aufforderung an die SDP/SPD, sich an der
Massenkundgebung gegen die Faschisten zu beteiligen, war unabdingbar. Es ging
auch darum, Arbeiter von der SPD wegzubrechen" (ebd.).
Vor dieser Aufgabe versagt und damit den
sozialdemokratischen Konterrevolutionären genutzt zu haben, das war
und ist unser Vorwurf an die SpAD/IKL. Aber nicht nur, dass die SpAD diesen
Kritikpunkt entstellt wiedergibt, es war auch keinesfalls unsere "Hauptkritik".
Die SpAD ist in ihrer Polemik zu feige, diese auch nur beim Namen zu
nennen.
Genauso wenig war es übrigens unsere
"Hauptbesorgnis", uns von der Bezeichnung der DDR durch die SpAD als "unser
Arbeiterstaat" zu distanzieren. Der SPARTAKIST vom Herbst 2003 versucht,
diese Bezeichnung mit einem Trotzki-Zitat aus dem Oktober 1932 zu
rechtfertigen, in dem er die UdSSR unter Stalin "unser Staat" nennt. Was sie
verschweigen ist, dass die Linke Opposition 1932 noch ein anderes Programm im
Hinblick auf die UdSSR hatte als etwa 1939:
"In den ersten zehn Jahren ihres Kampfes ging die
Linke Opposition den Weg der geistigen Eroberung der Partei, nicht den der
Machteroberung gegen die Partei. Ihre Losung lautete: Reform, nicht Revolution"
(Trotzki: Die Verratene Revolution, 1935/36).
"Wir sind keine Regierungspartei; wir sind die
Partei der unversöhnlichen Opposition, nicht nur in den kapitalistischen
Ländern, sondern auch in der UdSSR" (Trotzki: Die UdSSR im Krieg,
1939).
Wir kritisierten die Formulierung der SpAD, weil
sie Ausdruck der pro-stalinistischen Anbiederung war, welche deren
DDR-Intervention dominant prägte.
Unsere Hauptkritik galt nämlich in
Wirklichkeit den beiden zentralen Elementen der IKL-Intervention in der DDR,
die beide gleichermaßen falsch waren:
Erstens: 1989/90 vollzog sich in der DDR eine
politische proletarische Revolution.
Zweitens: Die wesentliche politische Ausrichtung
war die Linie der "Einheit mit der SED", wie intern die SpAD-Linie genannt
wurde.
Renate im Wunderland: "der gütige Druck der sowjetischen
Armee"
Die Rede von IKL-Mitglied Renate Dahlhaus auf der
Großdemonstration in Treptow am 3. Januar 1990 ist ein konzentrierter
Ausdruck dieser Politik (vgl. Arbeiterpressekorrespondenz Nr. 15,
04.01.1990). Die IKL hatte in Treptow die einmalige Chance, auf einer
antifaschistischen Einheitsfrontdemonstration mit der SED-PDS gegen die
Schändung des sowjetischen Ehrenmals in Treptow 250 000 Teilnehmern,
darunter vielen SED-PDS-Mitgliedern, das trotzkistische Programm für die
DDR nahe zu bringen. Stattdessen ging sie von der Illusion in eine "politische
Revolution, wie sie jetzt ausgebrochen ist und unter uns Raum greift" nahtlos
zur opportunistischen Anbiederung an die stalinistischen Unterdrücker der
Arbeiterklasse und Ausverkäufer der DDR über:
"Die wirtschaftliche Abschöpfung und
politische Eingliederung in Etappen, wie sie durch den BRD-Imperialismus
versucht wird und wo sie Hilfe bekommt von der SPD, kann diese politische
Revolution in eine soziale Konterrevolution verändern. Das darf nicht
geschehen! Dagegen ist es notwendig zu kämpfen! ... Das Mittel, um die DDR
auszuverkaufen, ist die Sozialdemokratie, das sollten wir besser wissen"
(ebd.).
Kein Wort über die Rolle der SED-PDS und der
von ihr gestützten Modrow-Regierung als Hauptgefahr für die DDR. Der
Hauptfeind war sicher die westdeutsche Bourgeoisie samt ihrer
sozialdemokratischen Handlanger vom Schlage Willy Brandts, Walter Mompers und
Hans Joachim Vogels. Wenn eine Burg belagert wird, dann sind für jeden
seriösen Verteidiger die Belagerer der Hauptfeind; wenn aber der Burgherr
dem Hauptfeind die Tore öffnet, dann ist er die unmittelbare Hauptgefahr,
vor der dringend gewarnt und für deren Sturz offen mobilisiert werden
muss. Es war Modrow, flankiert von Gysi, der die DDR an den BRD-Imperialismus
ausverkaufte. Doch davon kein Wort in Dahlhaus' Rede. Die 250 000 Zuhörer
in Treptow nicht unmissverständlich vor den stalinistischen
Ausverkäufern gewarnt zu haben, ist ein opportunistischer Verrat an der
Verteidigung der DDR, der den stalinistischen Ausverkäufern und den
imperialistischen Einkäufern in die Hände spielte und die Arbeiter im
Stich ließ.
Die ganze IKL-Kritik am SED-Regime
beschränkte sich auf die alte SED, von der sich die vielen Mitglieder der
"neuen" SED-PDS Gysis ohnehin distanzierten, und sie ging inhaltlich nicht
über deren reform-stalinistische "Kritik" hinaus:
"Unsere Wirtschaft leidet unter Verschwendung und
Veralterung. Die Diktatur der SED-Partei hat gezeigt, daß sie untauglich
ist, dagegen anzugehen" (ebd.).
Diese oberflächliche, rein technizistische
Kritik ist typisch für Neo-Stalinisten, Euro-Kommunisten und
Rechtskommunisten a là Brandler und Thalheimer. Mit Trotzkismus hat sie
nichts gemein. Kein Wunder, dass diese Sorte von Kritik an der SED Hand in Hand
geht mit von hoffnungsloser Blindheit geschlagenen Illusionen in die
sowjetische (Militär-)Bürokratie:
"das Machtmonopol der SED ist gebrochen. Die
Massen können frei ihre Meinung vertreten. Lernt ihnen zuzuhören. Es
ist nur möglich durch den gütigen Druck der sowjetischen Armee"
(ebd.).
Anders als die Führung der SpAD/IKL machten
sich die Führung der KPdSU und der Sowjetarmee keine Illusionen
darüber, welcher Prozess gerade in der DDR Raum griff. Ihre Duldsamkeit
galt nicht der proletarischen Revolution sondern der kapitalistischen
Konterrevolution bis hin zur Wiedervereinigung zum großdeutschen
Imperialismus. Die logische Konsequenz des stalinistischen Prinzips vom
Sozialismus in einem Land ist die Politik der friedlichen Koexistenz, die
1989/90 zum Ausverkauf der DDR an die BRD führte, in der vergeblichen
Hoffnung auf ein wirtschaftliches und politisches Entgegenkommen. Nicht
Anpassung an die Stalinisten, sondern deren Sturz durch proletarische
politische Revolutionen von Ostberlin bis Moskau hätte die
Konterrevolution stoppen können. Dumm nur, wenn man diese mit der
politischen proletarischen Revolution verwechselte. Hätte es
tatsächlich eine politische Arbeiterrevolution in der DDR gegeben, dann
wäre das stalinophile Spartakist-Programm nicht deren Geburtshelfer
sondern deren Engelsmacher gewesen.
Demgegenüber erklärte die IBT, dass es
in der DDR keine politische Revolution gab, sondern eine vorrevolutionäre
Situation, die sowohl für die Möglichkeit einer politischen
proletarischen Revolution wie einer sozialen Konterrevolution offen war. Sie
wurde getragen von einer klassenübergreifenden Massenbewegung, vor allem
auf der Strasse. Deren politischer Klassencharakter war zunächst unklar
und nahm dann schnell mit dem Übergang zu den "Wir sind ein Volk"-Demos
den Charakter einer mehrheitlich bürgerlich-demokratischen (d.h.
konterrevolutionären) Massenbewegung von "Deutschland einig
Vaterland"-Grölern an, in der auch die Nazis Fuß fassten. Die erste
Aufgabe von Revolutionären war es, sich dieser Wirklichkeit unerschrocken
zu stellen, anstatt sie weltfremd zu beschönigen.
Opportunismus zahlt sich nicht aus: Weniger Stimmen als die
Biertrinkerpartei
Am 3. Januar 1990 sah die IKL in der DDR noch die
politische proletarische Revolution auf dem Vormarsch. Am 13. März wollten
ihrer Meinung nach Millionen den Sozialismus (siehe Arbeiterpressekorrespondenz
Nr. 27). Am 18. März wählten bei den Volkskammerwahlen Millionen -
über 99,5% der DDRler - Parteien der kapitalistischen Konterrevolution.
Die SpAD, als scheinbare Partei der proletarischen Revolution, erhielt mit
unter 2 500 Stimmen weniger als die Biertrinkerpartei. Parlamentswahlen
ändern nichts, aber sie sind aus marxistischer Sicht ein politisches
Fieberthermometer - und 99,5% sind in jeder Gesellschaftswissenschaft ein hoch
signifikanter Wert. Das Ergebnis der Volkskammerwahlen ebenso wie der
Reichstagswahlen im Herbst spricht also eine klare Sprache, die nur der nicht
versteht, der seine Wahrnehmung von der Wirklichkeit abschottet. Man findet das
häufig in Sekten oder Kulten.
Bis heute kann die SpAD keine anderen Belege
für ihre politische proletarische Revolution anführen, als
völlig vereinzelte Texte oder Transparente vagen pro-sozialistischen
Inhalts. Doch das waren allenfalls kleine Keime einer solchen Revolution, die
weit davon entfernt waren, der Bewegung ihren Stempel aufzudrücken. In
aller Regel waren sie ebenso weit von einem klaren politischen Verständnis
der revolutionären Aufgaben entfernt. Die Aufgabe von Revolutionären
war es, in diese Situation und Bewegung polarisierend und klärend mit
einem anti-stalinistischen Programm der revolutionären Verteidigung des
Arbeiterstaates zu intervenieren.
Die SpAD betrieb stattdessen eine
anti-trotzkistische Politik der opportunistischen Anbiederung an die SED-PDS.
Sie wurde so zum linken Feigenblatt des stalinistischen Ausverkaufs der DDR.
Natürlich hätten Revolutionäre jeden Flügel der
stalinistischen Bürokratie, der wenigstens den Versuch - wenn auch
inkompetent und halbherzig - unternommen hätte, sich der Konterrevolution
in den Weg zu stellen, militärisch dabei unterstützt. So hat die IBT
1991 in der UdSSR militärisch die Seite der Putschisten gegen Jelzin
bezogen; etwas was die IKL bis heute ablehnt, weil es angeblich gar keine
Gegenwehr der Putschisten gegen die Konterrevolutionäre gegeben
hätte. 1991 in der UdSSR gab es sicherlich nur wenig Gegenwehr, die
schnell in sich zusammenbrach. Aber 1989/90 in der DDR gab es gar keine
Gegenwehr irgendeines Flügels der Stalinisten, sondern einen
bereitwilligen Ausverkauf der DDR. Dennoch suchte die SpAD die Einheit mit der
SED. James Robertson höchstpersönlich kam nach Ostberlin gereist, um
mit Markus Wolf, Gregor Gysi und Sowjet-General Snetkov eine Allianz zur
Verteidigung der DDR zu schmieden. Während SED-PDS-Chef Gysi Hand in Hand
mit Regierungschef Hans Modrow die DDR an den westdeutschen Imperialismus
verhökerte, blieben Wolf und Snetkov völlig passiv. Man musste schon
mit Riesenscheuklappen und nicht minder großen pro-stalinistischen
Neigungen durch die Welt laufen, um aus dieser Passivität - d.h. der
Duldung der Konterrevolution - einen Freundschaftsdienst gegenüber der
politischen proletarischen Revolution zu machen. So sah aber die IKL die Welt.
Die Politik der IKL in der DDR war weltfremd und pro-stalinistisch; sie war ein
zentristisches Hindernis auf dem Weg zur Revolution - ein Hindernis, das
einfache kritische SED-PDS-Mitglieder nur darin bestärken konnte, in der
SED zu bleiben, statt mit ihr zu brechen.
Das sind die zentralen Differenzen
zwischen der IBT und der IKL bezüglich der DDR.
Seit dem Rauswurf des ehemaligen Chefredakteurs
des Workers Vanguard Jan Norden aus der IKL versucht die
IKL-Führung, die Schuld an der pro-stalinistischen Linie allein Norden in
die Schuhe zu schieben. Aber es war Robertson selbst, der die Einheit mit den
Stalinisten Wolf, Gysi und Snetkov suchte. Und die, für die damalige Linie
der IKL so typische, offen pro-stalinistische Rede von Renate Dahlhaus in
Treptow war direkt im Hauptquartier in New York verfasst worden. Natürlich
fällt es der SpAD heute nicht im Traume ein, anzuerkennen, dass ihre viel
zu späte Korrektur der pro-stalinistischen Linie im nachhinein unserer
Kritik recht gibt. Die Korrektur ist jedoch nicht nur unehrlich, sie ist auch
unvollständig: Denn natürlich wird weiterhin an der Illusion einer
politischen Revolution festgehalten. |