Die SpAD in der DDR:
Opportunismus in revolutionärer Verkleidung Zur
Geschichte der Internationalen Kommunistischen Liga
Zuerst veröffentlicht Mai 1991
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung: Wer ist die SpAD?
Teil I: Die DDR-Intervention der SpAD / IKL
I.1. Die imaginäre "politische Revolution" der
IKL I.2. Die Stalinophilie der IKL I.3. Die Wende der SpAD - weg von der SED-PDS I.4. Die Phobie der SpAD gegenüber der
Sozialdemokratie Nachwort
Teil II: Zur Geschichte der iST / IKL
II.1. Regime und Politik II.2. Programmatische Abweichungen und Zickzacks II.3. Minderung der Realitätswahrnehmung, Substitutionalismus
und Sektierertum
Teil III: Zur internen Situation der TLD/SpAD
Dez. 1989-März 1990
Teil IV: Dokumentation
Vorwort:
Warum publizieren wir diese Broschüre über die
Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands (SpAD), deutsche Sektion der
Internationalen Kommunistischen Liga (IKL)? Nach ihrer zwar massiven, aber
fatalen Intervention in die DDR Ende 1989 hätte man glauben können,
daß die SpAD nach dem äußerst mageren Ergebnis zu den
Volkskammerwahlen im März 1990 von der Bildfläche verschwinden
würde. Am 2. Dezember posierten die "Spartakisten" jedoch wieder als
"revolutionäre Trotzkisten" - nur um diesmal mit 1717 Stimmen (knapp 700
weniger als im März) erneut durchzufallen.
Der Imperialismus ist in der Offensive, während die
bürokratisch deformierten Arbeiterstaaten Osteuropas dahinsiechen und zu
kollabieren drohen. Stalinismus und Sozialdemokratie haben den Sozialismus in
den Augen eines großen Teils der internationalen Arbeiterklasse
diskreditiert. In der Linken findet eine intensive Diskussion darüber
statt, was jetzt zu tun ist: Kann und muß eine revolutionäre Partei
aufgebaut werden und, wenn ja, auf welchem Programm?
Die IKL und ihre deutsche Sektion meinen, neben anderen vorgeblich
trotzkistischen Strömungen, eine Antwort auf diese Frage zu haben. Auf den
ersten Blick ist die IKL ohne Bedeutung, da sie international nur wenige
hundert Mitglieder zählt und ohne Einfluß in der Linken und der
Arbeiterklasse ist. Allerdings hat sie durch ihr propagandistisches Auftreten
vor allem in der DDR ein hohes Profil als angebliche Vertreterin des
Trotzkismus erreicht. Beurteilt man die IKL nur nach ihrer geschriebenen
Propaganda, so erscheint sie als eine der Internationalen Bolschewistischen
Tendenz (IBT) recht nahe stehende Organisation (im Unterschied etwa zu anderen
reformistischen und zentristischen Gruppen, die sich auf Trotzki berufen).
Politische Klarheit ist die Voraussetzung für eine effektive
Mobilisierung der Arbeiterklasse. Sie erfordert die Unterschiede zwischen dem
revolutionären Programm des Trotzkismus und dem Revisionismus, d.h. in
diesem Fall zwischen IBT und IKL, zu benennen. Ein Ziel dieser
Veröffentlichung ist es, der selbsternannten "Partei der russischen
Revolution" ihre orthodoxe Maskerade unmöglich zu machen. Die IKL
muß politisch daran gehindert werden, weiter den Trotzkismus zu
diskreditieren. Dutzende von subjektiven Revolutionären, die in die IKL
eintraten, wurden demoralisiert durch den Horror des internen Lebens dieser
Organisation und gaben den Kampf für die Revolution endgültig
verloren. Die IKL ist ein Hindernis zur Verankerung des Trotzkismus in der
Arbeiterbewegung.
Wir konzentrieren uns in dieser Schrift auf die Kritik der
IKL-Intervention in die DDR 1989/90. Damals, aus dem alltäglichen Trott
herausgerissen und unter dem Feuer sich rasch entwickelnder Ereignisse,
mußte die IKL-Führung Farbe bekennen. Ihre opportunistischen
Appetite sind hier klarer denn je zum Ausdruck gekommen. Aus diesem Grunde
halten wir die Publizierung einer systematischen Zusammenfassung der Kritik,
wie sie von Bolschewistischer Tendenz und Gruppe IV.Internationale vorgebracht
wurde, für wichtig - auch wenn sie, aufgrund unserer anderen politischen
Aktivitäten, erst jetzt vorgelegt wird. Mit dieser Broschüre wollen
wir die Methode der IKL-Politik, ihre Lügen und Verdrehungen, die
programmatischen Abweichungen und den Charakter ihrer Organisationsführung
aufzeigen.
Die Internationale Bolschewistische Tendenz hat eine besondere
Verantwortung, eine Kritik der IKL zu leisten. Die Gründungskader unserer
Sektionen in Neuseeland, Nordamerika und Deutschland wurden allesamt durch das
brutale bürokratische IKL-Regime aus der Tendenz hinausgedrängt. Ein
Bestandteil unserer Arbeit war stets, die immer offener zutage tretenden
programmatischen Abweichungen zu zeigen. Unsere Sub-Propagandagruppen sind
klein. Die IBT kann bis jetzt nur selten in exemplarischen Aktionen das
trotzkistische Programm umsetzen. Wir haben auch nicht das Geld, Dutzende von
Mitgliedern aus anderen Sektionen einzufliegen, Mittel, die z.B. der
IKL-Führung durch Auspressung ihrer Genossen zur Verfügung stehen.
Unser Motto jedoch heißt "Zuerst das Programm", und genau auf
dieser Grundlage fusionierten die Gruppen Permanent Revolution Group
(Neuseeland), Bolschewistische Tendenz (Kanada, USA, BRD) und Gruppe IV.
Internationale (BRD) zur Internationalen Bolschewistischen Tendenz (deren
deutsche Sektion heute Gruppe Spartakus heißt); genau auf dieser Linie
gedenken wir unsere Tendenz auszubauen. Auf der programmatischen Ebene
sehen wir deshalb auch den Schwerpunkt unserer Auseinandersetzung mit der IKL.
Wir gehen davon aus, daß uns die IKL (wie in der
Vergangenheit) der Lüge über die in dieser Broschüre
beschriebenen Fakten bezichtigen wird. In den letzten Jahren ist auf unsere
Polemiken mit einer Flut von Verleumdungen reagiert worden. Wir wurden als
"blutrünstige", "anti-kommunistische", "anti-sowjetische",
"anti-semitische" "Faschistensympathisanten" beschimpft, als
"Sozialdemokraten", "Gewerkschaftsbürokraten" und "Mossad-Agenten" (die
Reihe ließe sich fortsetzen). Auf IKL-Veranstaltungen werden Mitgliedern
der IBT besondere, bewachte Plätze zugeteilt; unsere Redezeit wird
beschnitten bzw. Interventionen werden, entgegen den Normen der
Arbeiterdemokratie, gänzlich unterdrückt (so können Mitglieder
der Gruppe Spartakus - trotz offener Rednerliste - oft nur einmal sprechen).
Durch Schüren eines blinden Hasses unter ihren Mitgliedern gegen uns sucht
die IKL-Führung das Klima für eine physische Konfrontation zu
schaffen. Aber wir lassen uns nicht beirren. Wir halten fest am leninistischen
Standard einer sorgfältig und sauber geführten Polemik. Zudem belegen
wir unsere Analyse der IKL/SpAD-Praxis durch interne Dokumente, wobei die
Sicherheitsbelange der IKL berücksichtigt wurden.
Im ersten Teil der Broschüre charakterisieren wir die
Intervention der IKL in die DDR vorrangig von ihrer programmatischen Seite her.
Ausgehend von der Kritik ihrer fundamental falschen Situationseinschatzung
("proletarische politische Revolution" in der DDR 1989/90) analysieren wir die
Kapitulation der IKL vor dem Stalinismus in dieser "Periode: ihr Umschleichen
der Modrow-Regierung verbunden mit der Suche nach einem Blockpartner in der
Bürokratie - dem zugeordnet - die opportunistische Praxis der TLD/SpAD am
Beispiel der antifaschistischen Massenkundgebung in Treptow. Ferner beschreiben
wir ihre Haltung gegenüber den stalinistischen Militärs, ihre
stalinophile Solidarisierung mit "unserer DDR" (u.a. in der Frauenfrage) bis
zur Desavouierung von ökonomischen Streiks der DDR-Arbeiterklasse. Unsere
Analyse umfaßt darüber hinaus die Wende, die die IKL ab Ende Januar
1990 vollzog - weg von der Orientierung auf die SED-PDS. Sie versuchte, v.a. in
den März- und Dezember-Wahlkämpfen 1990, sich als . die
revolutionäre Massenaltemative darzustellen. Diese (kläglich
gescheiterte) Politik koppelt die SpAD/IKL seitdem mit einer Propaganda gegen
das "IV. Reich". Die Kehrseite der SpAD-Praxis, auf die wir eingehen, vor und
nach ihrer "Wende", besteht in einer ultralinken Phobie gegenüber der
Sozialdemokratie, die in einer prinzipiellen Ablehnung der Betriebsräte
gipfelt.
Im Teil II geben wir einen kurzen Abriß der Geschichte der
revisionistischen Abweichungen dieser Tendenz. Teil III besteht aus dem Bericht
über die innere Situation der TLD/SpAD im politisch wichtigen Zeitraum,
Dezember 1989 - März 1990, während Teil IV die Dokumentation
ausgewählter interner IKL-Materialien dieser Periode umfaßt.
Einleitung: Wer ist die SpAD?
Unter dem massiven Druck der antikommunistischen Propaganda aus
dem Westen kapitulierte die DDR-Linke von der SED-PDS bis hin zur Vereinigten
Linken und akzeptierte die kapitalistische Wiedervereinigung. Die
Trotzkistische Liga Deutschlands (TLD), Vorläuferin der SpAD, unterschied
sich jedoch in diesem zentralen Punkt vom politischen Spektrum. Sie
intervenierte, aus der BRD und Westberlin kommend, für die Verteidigung
der kollektiven Eigentumsformen und der zentralen Planwirtschaft der DDR und
sprach sich gegen den Anschluß aus. Ihre Politik verteidigte sie
allerdings durch eine Propaganda, die oftmals schematisch, mechanisch und
ultimatistisch war.
Gemessen an ihrer Größe intervenierte die IKL massiv in
die DDR. Ihr gelang die Rekrutierung einer Handvoll neuer Mitglieder;
natürlich war damit keine Verankerung in der Arbeiterklasse zu erreichen.
Wie überall gelang es auch in der DDR nicht, die Isolation zu
durchbrechen; vielmehr verlor die SpAD auch hier wieder Mitglieder. Die
IKL-Führung versucht aber immer wieder durch den Aufbau "Potemkinscher
Dörfer" von ihren Niederlagen abzulenken - so auch bei der internationalen
Präsentation ihrer DDR-Intervention.
Als Instrument ihrer ostdeutschen Arbeit diente der IKL damals die
Trotzkistische Liga Deutschlands (TLD). Dieser Organisation hatte man schon
etliche Jahre vorher das Rückgrat gebrochen. Im Laufe ihrer Entwicklung
war diese Gruppe - ehemals eine kleine, aber nichtsdestoweniger energische
revolutionäre Propagandagruppe - durch wiederholte bürokratische
Säuberungen demoralisiert worden. Die TLD wurde das Opfer einer Serie von
tiefgreifenden bürokratischen Attacken, die von Jim Robertson (dem Chef
der IKL) und seiner in den USA residierenden Führungsclique organisiert
wurden. Die Krise der TLD erreichte einen ersten Höhepunkt auf ihrer
Septemberkonferenz 1981, als Robertson die Säuberung von
sozialdemokratischen Elementen befahl (s. Teil II) Von nun an ging
es erst richtig bergab; die folgenden Cliquen-Kämpfe zermürbten die
TLD.
Die politische Arbeit der TLD in der BRD wurde von der
Robertson-Führung als Reflex des deutschen Nationalismus und Kapitulation
vor dem Antisemitismus denunziert. Die Agenten des Internationalen Sekretariats
(IS) beschimpften die TLD-Mitglieder in einem widerlichen "Lager"-Jargon, bei
dem sie als "Gauleiter" und die Mitglieder als "KZ-Insassen" füngierten
(s. Teil IV, Dokument 6). Der Tiefpunkt war 1985 erreicht, die deutsche Sektion
wurde aufgelöst und alle "loyalen" Mitglieder zur "Umerziehung" ins Exil
beordert. Nach zwei Jahren brachte man die traumatisierten Zombi-Reste in die
BRD zurück und gründete die TLD erneut.
Als das SED-Regime Ende 1989 zusammenbrach, sah die IKL ihre
große Chance gekommen. Trotz massiven Einsatzes von Geld und Personal war
die TLD/SpAD jedoch strukturell unfähig, sie zu nutzen. Das
Unvermögen, die Realität zu verstehen, führte anstelle des
erhofften Durchbruchs zu programmatischer Konfusion. Die politische Strategie
der SpAD/iKL in der DDR reichte von der Kapitulation vor der stalinistischen
Bürokratie bis zur ultralinken, blinden Phobie gegenüber der
Sozialdemokratie. Dies führte zu Substitutionalismus in Form eines
Pseudo-Massenavantgardismus und damit zur Liquidierung einer
Umgruppierungsperspektive gegenüber anderen linken Organisationen. Mit all
den Zickzacks, die mit wüsten Beschimpfungen der politischen Gegner
einhergingen, konnte die SpAD nur durch eine extrem bürokratische
Kontrolle aus New York zusammengehalten werden.
Teil I: Die DDR-Intervention der SpAD/IKL
"...die Versäumnisse der frühen Periode (waren)
- wie Lenins Probleme 1905 - in erster Linie darauf zurückzuführen,
daß es politischen Widerstand dagegen gab, uns den Massen zuzuwenden,
sowie auf historische Schwächen der TLD selbst, die mehr oder weniger hin-
und herschwankte zwischen Sektierertum und Passivität und der Tendenz,
sich in eine strategische Einheitsfront zu liquidieren". (IKL-Führer St.
John in Spartacist 45/46)
Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!
(alte Volksweisheit)
1. Die imaginäre "politische Revolution" der IKL
"'In Rußland wurde der Funke entfacht - in Deutschland wird
es zur Flamme!': diese Losung der KPD aus den 20er Jahren verkündete ein
Banner auf der Massendemonstration am 4. November in Ostberlin", berichtet das
erste Flugblatt, das die TLD in der DDR verteilte (15.11.1989). Der TLD fiel
dabei gar nicht auf, daß mit dieser Parole nicht auf Lenin 1917 sondern
auf Gorbatschow 1989 Bezug genommen wurde. Drei Wochen später sah sich die
TLD prompt im Flammenmeer und sprach von "...der sich entfaltenden politischen
Revolution" (Arbeiterpressekorrespondenz (APK) 1 / 07.12.89) und erklärte:
"Heute entwickelt sich in der DDR eine proletarische politische Revolution"
(APK 13 / 27.12.89). Der angebliche proletarische Charakter dieser "Revolution"
wurde auch in den "internationalistischen Grüßen" verdeutlicht, die
die TLD, stellvertretend für das deutsche Proletariat, an die polnischen,
vietnamesischen, kubanischen und sowjetischen Genossen richtete: "In diesem
Winter reicht euch. Genossen Sowjetoffiziere und Sowjetsoldaten, die ihr Wache
steht gegen den westlichen Imperialismus, die politische Revolution der
deutschen Arbeiter die Hand der internationalistischen Solidarität!" (APK
7 / 15.12.89). Dieser erste Gruß (weitere sollten folgen) schloss mit dem
Trinkspruch "Glasnost! Freundschaft! Solidarität!" - der politische Kater
war vorprogrammiert.
Wie sah es in der DDR im Winter 1989 wirklich aus? Es existierte
eine vorrevolutionäre Situation, die sowohl offen für die
Möglichkeit einer proletarischen politischen Revolution wie auch
der sozialen Konterrevolution war. Was vor drei Monaten als heterogene
Massenbewegung für Demokratie und Reisefreiheit begann, polarisierte sich
rasant in ein Milieu von Deutschland-einig-Vaterland-Grölern, in dem die
Nazis versuchen Fuß zu fassen und jenen Teil, der wie diffus auch immer,
am 'Sozialismus in den Farben der DDR' festhalten möchte" (Bulletin 1),
schrieb die Gruppe IV. Internationale, eine der Vorläuferorganisationen
der Gruppe Spartakus, zusammenfassend im Januar 1990. Statt Illusionen und
unangebrachtes Hurra-Geschrei zu verbreiten, war es notwendig, das durch
vierzig Jahre stalinistischen Betrugs verschüttete
Klassenbewußtsein, der Arbeiter in der DDR wieder zu heben. Dazu
mußte vor dem BRD-Imperialismus und dem wachsenden Einfluß der
pro-imperialistischen SPD gewarnt werden, ohne vor der SED, die die
Arbeiterbewegung damals noch dominierte, zu kapitulieren. "Das ostdeutsche
Proletariat ist als Klasse (von einigen Warnstreiks abgesehen) noch nicht zur
Aktion übergegangen. Die einzelnen Arbeiter verlieren sich zunächst
in der amorphen Volksbewegung; ihre Mobilisierung muß das Ziel einer
revolutionären, von Sozialdemokratie und Stalinismus unabhängigen,
trotzkistischen Partei sein" (Flugblatt der Gruppe IV. Internationale /
10.11.89). Nur indem man klar aussprach, was war, konnte eine Polarisierung der
klassenübergreifenden Oppositionsbewegung vorangetrieben werden. Die IKL
dagegen log sich über den Stand des Klassenbewußtseins, und dessen
Widersprüchlichkeit in die Tasche und müßte heute,
wäre sie ernsthaft, erklären, wie sich organisch aus einer
proletarischen politischen Revolution eine soziale Konterrevolution entwickeln
konnte.
Lenin charakterisierte eine revolutionäre Situation einmal
als eine, in der "die 'Unterschichten' das Alte nicht mehr wollen
und die 'Oberschichten' in der alten Weise nicht mehr können, ..."
(LW 31, S. 71). Doch woran ist diese Klassenkonstellation festzumachen? Lenin
konkretisierte die zwei zentralen Aspekte: zum einen die Regierungskrise der
politisch Herrschenden, "... die sogar die rückständigsten Massen in
die Politik hineinzieht...,die Regierung kraftlos macht..." und zum
zweiten "... daß die Mehrheit der Arbeiter (oder jedenfalls die Mehrheit
der klassenbewußten (!), denkenden, politisch aktiven Arbeiter (!)) die
Notwendigkeit des Umsturzes völlig begreift... (ebenda, S. 72).
Bezogen auf revolutionäre Situationen in bürokratisch
deformierten Arbeiterstaaten gaben dafür die ungarischen Arbeiter 1956 mit
ihrer Revolution gegen die stalinistische Bürokratie und für den
Sozialismus ein Beispiel. Die ostdeutschen Arbeiter waren 1953 vorangegangen,
als sie trotz aller Illusionen in die Sozialdemokratie an einer proletarischen
Klassenherrschaft festhalten wollten. Z.B. riefen die Hennigsdorfer Arbeiter zu
einer "Metallarbeiterregierung" auf. Doch in der DDR 1989/90 sah es anders aus:
Hier war nicht die Arbeiterklasse tonangebend, die sich
klassenunabhängig in Betriebskomitees oder
Arbeiterräten organisierte. Vielmehr fielen die Arbeiter in der
klassenübergreifenden "Demokratie-Bewegung", mangels einer
revolutionären Alternative, den prokapitalistischen Kräften zum
Opfer.
"Die IKL charakterisierte die politische Situation in dieser
Periode dagegen folgendermaßen: "Aber jetzt blühen solche Räte
in verschiedenen Orten der DDR auf (APK 15 / 04.01.90). Später
versuchte sie diese Position zu vertuschen: "Die Arbeiterklasse der DDR hat
noch nicht ihre Stimme erhoben als eine organisierte Kraft, die für ihre
eigenen Klasseninteressen kämpft", verkündete sie plötzlich in
AKP 29 am 27. März 1990. Drei Monate vorher hatte sie noch erklärt:
"Soldaten wollen sozialistische Errungenschaften" (APK 11 / 21.12.89). Da half
es auch nicht, daß ZK-Mitglied Zierenberg auf der Veranstaltung der
Gruppe IV. Internationale am 10. März 1990 daherlog, die IKL hätte
immer nur von einer politischen Revolution gesprochen, reichte doch "... die
proletarische politische Revolution in Deutschland ..." den kubanischen
Klassenbrüdern in APK5 /13.12.89 bereits die Hand. Die Fälschung der
eigenen Geschichte soll die generelle Desorientierung der IKL und ihre
Kapitulation vor der stalinistischen Bürokratie kaschieren.
Die Bolschewistische Tendenz (BT) kommentierte dazu am 23. Februar
1990: "Die SpAD/IKL behaupten, daß eine proletarische politische
Revolution bereits im Gange sei; sie können jedoch nicht sagen, wo genau
sie stattfindet, wer sie macht und gegen wen - tatsächlich eine sehr
seltsame 'Revolution'. Diese Vorstellung einer politischen Revolution, die
irgendwo im Raum schwebt und sich einfach entfaltet als eine Art
körperloser, halbautomatischer Prozess kann nur die, die sie ernst nehmen
desorientieren (Offener Brief an die Spartakist-Arbeiterpartei
Deutschlands).
2.1. Die SpAD versucht die Modrow-Regierung zu umgehen
Die bis dahin allmächtig und unangreifbar erscheinende
stalinistische Bürokratie wurde nicht durch eine proletarische politische
Revolution erschüttert; es genügte schon das Schlupfloch Ungarn, um
den rapide voranschreitenden Machtverlust der SED auszulösen.
Nach dem Sturz Honeckers siegte zuerst die Linie von Krenz, die
die Privilegien der Bürokratie ohne Infragestellung der ökonomische
Grundlagen des Arbeiterstaates sichern sollte. Dem massiven Druck der
Bevölkerung ausgesetzt, wurde Krenz dann durch die Fraktion Modrow,
unterstützt von Gysi, ersetzt. Diese Fraktion vertrat den Teil der
Bürokratie, der sich durch noch weitergehende Konzessionen an das Kapital
sowie an die nach rechts gehende Demokratie-Bewegung" retten wollte.
Alle Fraktionen der SED-Bürokratie, von den Resten der
Betonfraktion über die Modrow-Gruppe bis zu den offen kapitalistischen
Reformern, fürchteten nichts mehr als die unabhängige
revolutionäre Mobilisierung des Proletariats, die den Schmarotzern
insgesamt den Garaus gemacht hätte. Kein Flügel der SED versuchte das
Proletariat zur Verteidigung der kollektiven Eigentumsformen der DDR zu
aktivieren. Im Gegenteil: Mittels ihrer Position in den Betrieben und
Kombinaten als auch durch den von ihr dominierten FDGB unternahmen die
stalinistischen Funktionäre alles, um die Arbeiter in Passivität zu
halten.
Premierminister Modrow hatte schon zur Regierungsbildung am 17.
November 1989 mit seiner Perspektive einer "BRD-DDR-Vertragsgemeinschaft" die
Bereitschaft zur Kapitulation vor dem BRD-Imperialismus signalisiert. Die
offerierten Konzessionen brachten aber nicht die erhoffte Atempause für
die Bürokratie, sondern waren stattdessen Wasser auf die Mühlen der
konterrevolutionären Kräfte. Die Rechte gewann an Boden während
sich Konfusion unter den politisch bewußteren Teilen der Arbeiterklasse
breit machte, die dem "integren, geläuterten" Stalinisten vertrauten. Das
machte die besondere Gefährlichkeit dieser Regierung aus, vor der
die Arbeiter gewarnt werden mußten.
Die Modrow-Regierung sah ihre zentrale Aufgabe darin, gemeinsam
mit den Kräften des Runden Tischs, Ruhe im Land des Zusammenbruchs zu
wahren. Das eigenständige Vorgehen des Dzierzynski-Regiments gegen die
Vernichtung von Stasi-Akten sowie erste vereinzelte Streikaktionen verbreiteten
Unruhe sowohl in den Reihen der bürgerlichen Opposition als auch in der
stalinistischen Bürokratie. Trotz Ungewißheit über die
Loyalität der bewaffneten Formationen erklärte sich Modrow zur
Ausrufung des Ausnahmezustands bereit, falls ihn die demokratische Opposition
darin unterstütze.
Die wachsende Stärke des rechten Flügels der
DDR-Opposition und die schärfer werdenden Forderungen des BRD-Kapitals
trieben die Regierung Modrow zu einem immer schnelleren ökonomischen und
politischen Ausverkauf. Auf der Spitze schlug es um: Die immer dünner
gewordenen Fäden des bonapartistischen Regimes zur ökonomischen
proletarischen Grundlage der DDR (der Verfügungsgewalt des Staates
über die Produktionsmittel) zerrissen. Mit der Bildung einer
Großen Koalition Ende Januar leistete Modrow seinen
Offenbarungseid. Modrow, hatte sich nach Bildung dieser bürgerlichen
Koalition vom Ausverkäufer des Arbeiterstaates zum DDR zum
Einkäufer für das BRD-Kapital, zu dessen direkten Vetreter,
gewandelt. Damals schrieb die Gruppe IV. Internationale:
"Eine neue Regierung Modrow mit dominierendem
Einfluß der bürgerlichen Opposition hat als prokapitalistische
Regierung die Aufgabe, die soziale Konterrevolution durch Anschlußpolitik
an die BRD sicherzustellen. Vom imperialistischen Druck an die Wand gequetscht,
bedroht von der Auflösung ihres Machtapparates, setzt die rechte Fraktion
der stalinistischen Bürokratie zur Rettung ihrer Privilegien auf die
kapitalistische Karte und macht sich zum direkten Agenten der Bourgeoisie.
Berghofers eiliger Übertritt zur demokratischen Konterrevolution ist
beispielhaft für diese Schmarotzer und Karrieristen in Staatsapparat und
Fabrikmanagement, die bei der Herausbildung einer neuen Bourgeoisie und
Wiederherstellung alter kapitalistischer Zustände nicht leer ausgehen
wollen. Der schwächliche Bonaparte Modrow distanziert sich von der SED-PDS
und zeigt seine definitive Kapitulation an mit dem Abbau der letzten
Hürden für das deutsche Kapital..." (Bulletin 1).
Die Gruppe IV. Internationale hat gleich zu Beginn der
Ablösung Krenz durch Modrow auf die drohende Kapitulation der Stalinisten,
auf die Gefahr der Bildung einer prokapitalistischen Regierung hingewiesen.
Dagegen unterstützte der überwältigende Teil der anderen, dem
Anspruch nach sozialistische Organisationen, direkt oder indirekt, den
populären Modrow. Wir hielten uns an Trotzki, der sagte: "Wir sind keine
Regierungspartei; wir sind die Partei der unversöhnlichen Opposition,
nicht nur in den kapitalistischen Ländern, sondern auch in der UdSSR" (Die
UdSSR im Krieg in: Trotzki Schriften, Bd. 1.2, S. 1290).
Und woran hielt sich die IKL? Wie wir noch zeigen werden hoffte
sie auf eine potentiell revolutionäre Fraktion in der Bürokratie (s.
Teil I, 2.2.). Einer scharfen Konfrontation mit der Regierung Modrow ist die
IKL aus dem Weg gegangen. Ein solches Vorgehen sah sie als inopportune
Konfrontation mit der SED-PDS an und fürchtete eine Isolation, da ja alle
Strömungen in der stalinistischen Partei Modrow bis zum Schluß
unterstützten. Ihre "SED-Einheit"-Politik wäre gefährdet
gewesen.
In der Debatte der DDR-Linken vertraten die Genossen der Gruppe
IV. Internationale von Anfang an die Losung "Nein zur Regierung Modrow -
Hauptgefahr für die DDR!" (s. z.B./taz 28.11.89) und wurden deshalb auf
Demonstrationen und Veranstaltungen als "Nestbeschmutzer" angegriffen (so
drohten PDS-Mitglieder auf der Anti-Kohl-Demonstration am 19. Dezember 1989 in
Ostberlin unseren Block wegen dieser Parole auseinander zu nehmen). Die TLD
verleumdete unsere Position. Sie fälschte Modrow = Hauptgefahr um
in Modrow = Hauptfeind der Arbeiterklasse und denunzierte uns als
Wasserträger der Sozialdemokratie, die die gleiche Parole habe (so z.B.
die Redakteurin von Spartakist, Kohn, auf der Veranstaltung der TLD am 27.
Dezember 1989 in Westberlin). Durch diese Verdrehung versuchte die TLD die
Tatsache zu negieren, daß Modrow, unterstützt vor Gysi, den Kampf
gegen die demokratische Konterrevolution unterminierte. Eine
Einheitsfront zur Verteidigung der DDR war nur gegen diese Politik zu
verwirklichen - die IKL versuchte dagegen Modrow zu umgehen, um vielleicht
später, mittels SED - PDS - Einfluß, Druck auf diese Regierung
ausüben zu können.
In dieser Periode attackierte die IKL Modrow nirgendwo
zentral als Ausverkäufer, den die Arbeiter bei der Verteidigung der
DDR hätten hinwegfegen müssen. Stattdessen kritisierten sie ihn nur
beiläufig (s. z.B. APK 7 / 15.12.89). So konnte in APK 14 / 29.12.89 der
Halbsatz gelesen werden "... Modrow und Kohl das Handwerk zu legen". Um
möglichen Protesten von Seiten der gesuchten stalinistischen Blockpartner
zuvor zu kommen, erschien dieser Artikel des späteren Spitzenkandidaten
der SpAD, Endruweit, statt im Namen der TLD sicherheitshalber signiert.
Neu war in dem Artikel Endruweits auch, daß der Runde Tisch
eine Erwähnung fand. Wochenlang hatte dieses Gremium, in dem die
bürgerliche Konterrevolution in der DDR ihr politisches Sprachrohr fand,
für die IKL schlichtweg nicht existiert. Im Artikel beklagte sich
Endruweit u.a., daß dem Runden Tisch "... die Einflußnahme
verwehrt" wird - Endruweit verlangte also damit - de facto - mehr
kapitalistischen Einfluß! Die Gruppe IV. Internationale vertrat
dagegen folgende Position:
"Der Runde Tisch, ursprünglich von der
Bürokratie als Zugeständnis an die Opposition und zu deren
Integration installiert, entwickelte sich unter Anleitung der BRD zur
bürgerlichen Gegenmacht" (Bulletin 1).
Der Runde Tisch diente den Stalinisten zur Legitimierung ihres
Ausverkaufs und hattet zur Aufgabe, die bürgerlichen Wahlen vorzubereiten.
Gegen diese (von der Linken respektierte) konterrevolutionäre Institution
forderte die Gruppe IV. Internationale: "Kein Dialog mit stalinistischen
Bürokraten und pro-kapitalistischen Kräften - kippt den 'runden
Tisch'!" (Forderungskatalog der Gruppe IV. Internationale / 11.12.89). Gegen
die demokratischen Illusionen in der DDR-Arbeiterklasse konnte die IKL nicht
angehen - sie existierten für sie nicht - die Arbeiter befanden sich ja
auf dem Marsch! Zudem wollte die IKL auch nicht dagegen auftreten, da
sie sonst die Position: Modrow = Hauptgefahr hätte übernehmen
müssen.
Die IKL hat somit die Verantwortung für die Desorientierung
des Proletariats mitzutragen. Sie half bei der politischen Entwaffnung der
Arbeiter. Die Erklärung für die Weichheit gegenüber der
Modrow-Regierung ist in ihrer stalinophilen Suche nach einer "Einheit mit der
SED" zu finden.
2.2. Auf der Suche nach der "Einheit mit der SED"
Das pseudo-revolutionäre Geschrei von der stattfindenden
proletarischen politischen Revolution stand in engem Zusammenhang mit der von
der IKL schon bekannten Tendenz zur Kapitulation vor der stalinistischen
Bürokratie (s. dazu auch Teil II).
Eine proletarische politische Revolution kann nur erfolgreich
geführt werden, wenn es der revolutionären Partei gelingt, das
Vertrauen wesentlicher Teile der Arbeiterklasse zu gewinnen. Trotzki ließ
keinen Zweifel: "Der unvermeidliche Zusammenbruch des Stalinschen politischen
Regimes wird lediglich dann zur Wiederherstellung der Sowjetdemokratie
führen, wenn die Beseitigung des Bonapartismus von der proletarischen
Avantgarde in einem bewußten Akt vollzogen wird" (Arbeiterstaat,
Thermidor und Bonapartismus in: Trotzki Schriften, Bd. 1.1, S. 608). Bei der
Beantwortung der Fragen: "Wie ist eine Reorganisation des Sowjetstaates
möglich? Und: Läßt sich diese Aufgabe mit friedlichen Mitteln
lösen?" betont Trotzki: "Stellen wir zuerst das unerschütterliche
Axiom auf, daß nur eine revolutionäre Partei diese Aufgabe
lösen kann" (Der Klassencharakter des Sowjetstaates in: ebenda, S. 489).
Die Schaffung der revolutionären, trotzkistischen
Arbeiterpartei war entscheidende Voraussetzung für die Verteidigung
der DDR hin zum Sturz der stalinistischen Bürokratie durch eine
Arbeiterrevolution. Der IKL jedoch ging es nicht um die Lösung dieser
Aufgabe. Ohne Verankerung im Proletariat war es ihr unmöglich, einen
direkten Einfluß auf die Situation in der DDR zu nehmen. Der Druck der
rasanten politischen Entwicklung verlangte aber nach einer Antwort. Die SED war
damals die einzige Organisation, die entscheidenden Einfluß auf noch
links-orientierte Teile der Arbeiterklasse hatte. Die IKL-Führung gab dem
Druck nach und versuchte einen Block mit Teilen der erschütterten
SED-Bürokratie herzustellen, was sie geradewegs in den
Opportunismus führte. Robertsons Anstrengungen, eine Abkürzung
auf dem Weg des Parteiaufbaus zu finden, gab dem Revisionismus der IKL einen
erneuten Schub.
Die Entwicklungen in der SED-PDS waren ein wichtiges Element
für die Herausbildung des revolutionären Faktors. Um die Basis der
SED-PDS von ihren reformistischen Führern zu brechen, sagte die Gruppe IV.
Internationale: SED-Mitglieder! 'Statt 'dritten Weg' - zieht die
revolutionären Konsequenzen aus dem stalinistischen Verrat! Keine
Neuauflage der stalinistischen SED - Kampf dem pro-sozialdemokratischen Kurs
von Gysi, Modrow und Berghofer - Für eine leninistisch-trotzkistische
Partei (Forderungskatalog / 11.12.89). Revolutionäre wissen,
daß in Zeiten, in denen es gilt "gegen den Strom zu schwimmen",
Autorität nicht über populäres Anschmiegen, sondern nur durch
klare Positionsbestimmung zu erlangen ist. "Notwendig ist die Bildung einer
leninistischen-trotzkistischen Fraktion in der SED..." propagierten
deshalb unsere Genossen (Bulletin1).
Die IKL dagegen versuchte mitzuschwimmen. Mit Formeln wie "Wir
brauchen eine neue kommunistische Partei, basierend auf leninistischen Normen!"
(APK 5/13.12.89), ließ sie es bewußt im Unklaren, wie sich
kommunistisch Gesinnte in der SED gegen die Gysi-Führung und deren
Unterstützung für die Modrow-Regierung zu organisieren hatten. Es
wurde offengelassen, ob die propagierte leninistische Partei eine
reformierte SED sein könne oder nicht. Der IKL ging es gar nicht darum,
den gefährlichen Einfluß der klassenkollaborationsistischen SED
zurückzudrängen und die SED-Arbeiterbasis von den Illusionen
über die verschiedenen Strömungen der Reform-Stalinisten
zu brechen, d. h. diese Partei entlang einer revolutionären Linie zu
spalten. Ihre Propaganda vermittelte vielmehr den Eindruck, daß es
lediglich nötig sei, die aktuelle SED-Führung zu ersetzen.
Daran änderte auch die mitunter markige, aber eben doch loyale Kritik u.a.
an Gysi nichts (s. z.B. APK 3 / 11.12.89 und 5 / 13.12.89).
Beispielhaft für dieses anti-leninistische
Parteiaufbaukonzept sind die beiden Grußadressen der IKL-Führung an
den außerordentlichen Parteitag der SED Mitte Dezember 1989: Kein Wort
wird hier verloren über die aktuelle Politik der SED! Stattdessen
gab es viel Oberlehrerhaftes, z.B. Appelle, die Auffassungen Lenins zu teilen
(APK 8 / 18.12.89; APK 9 / 19.12.89). Vom Internationalen Sekretariat der IKL
wurden der SED zudem noch ein paar Tipps zur Stabilisierung der Wirtschaft
gegeben, so als ob diese konfuse, demoralisierte und zunehmend machtlose Partei
an der Spitze einer pro-sozialistischen, aufständischen Arbeiterbewegung
stände. Diese Parodie auf den Trotzkismus gipfelte in einem Kodex von
Verhaltensmaßregeln, der beschrieb, bei welchen Streiks das Proletariat
auf die Unterstützung der IKL-Führung zählen könne. Zu
Streiks für Lohn und bessere Arbeitsbedingungen, die zu dieser Zeit
stattfanden und von der SED / FDGB-Bürokratie abgewürgt wurden,
wollte man keine Position beziehen (s. Teil I, 2.6.). Genosse Melt, einer der
ersten DDR-Kontakte und später Mitglied des ZK der TLD/SpAD,
theoretisierte das, was die IKL ihm als Trotzkismus verkaufte: "Der konsequente
Bruch mit dem Stalinismus besteht deshalb in einer Neuformierung (!) der SED im
Geiste des demokratischen Zentralismus" (APK3 / 11.12.89). Das entsprach genau
der IKL-Politik, mit der die TLD/SpAD darauf spekulierte, die SED-Spitze im
Block mit linken Bürokraten abzulösen.
Die verschiedenen Kräfte in der SED-Führung entschieden
sich jedoch nicht für das TLD-ZK, sondern für die Unterstützung
des sozialdemokratischen "dritten Weges" wenn nicht gar gleich für den
Eintritt in die SPD. Die IKL war unfähig, den ehrlichen Kommunisten in der
SED eine revolutionäre Orientierung zu geben. Ihre einmalige
Erwähnung: "... angesichts ernsthafter und gefährlicher Probleme
(sind) Parteispaltungen manchmal notwendig ..."(APK5 / 13.12.89) unterstreicht
nur den Zynismus dieser Organisation wissen worum es geht, den
Konsequenzen allerdings bewußt ausweichen!
Diese Politik des Anschmierens an die Stalinisten versucht die IKL
mit Trotzkis Analyse der Bürokratie zu rechtfertigen. Auch die IKL
weiß, daß die Bürokratie eines deformierten Arbeiterstaates
nicht homogen ist. Die Politik der Stalinisten ist widersprüchlich: Auf
der einen Seite treibt sie der Druck des Imperialismus zu immer weitergehender
Kapitulation auf Kosten der Arbeiterklasse. Auf der anderen Seite versucht sie,
so gut es eben geht, ihre Macht und Privilegien, die sich aus der
Verfügungsgewalt des proletarischen Staates über die
Produktionsmittel herleiten, gegen die Kapitalisten zu schützen. "Wie die
Geschichte zeigt, werden Teile der Bürokratie in einer politischen
Revolution auf die Seite der Arbeiter übergehen", schrieb die TLD in APK 4
/ 12.12.89 sehr richtig. Ungarn 1956 ist dafür ein klassisches Beispiel.
Doch machte die IKL bei der Anwendung dieser trotzkistischen Theorie zwei
entscheidende Fehler: Erstens hängt die Entwicklung eines zu den Arbeitern
übergehenden Flügels der Bürokratie entscheidend vom
Klassenkampf der Arbeiter ab. "Einen wirklichen Bürgerkrieg
könnte es nicht zwischen der Stalin-Bürokratie und dem sich
erhebenden Proletariat, sondern nur zwischen dem Proletariat und den aktiven
Kräften der Konterrevolution geben. Im Fall eines Konflikts zwischen zwei
Massen-Lagern könnte von einer selbständigen Rolle der
Bürokratie gar keine Rede sein Ihre einander entgegengesetzten Flügel
würden auf verschiedenen Seiten der Barrikade zu stehen kommen" (Trotzki,
Der Klassencharakter des Sowjetstaats in: Trotzki Schriften, Bd. 1.1, S. 491).
Also nur durch einen eindeutigen Kampf gegen alle Fraktionen der
Bürokratie sind Teile dieser Kaste auf die revolutionäre Seite zu
ziehen eine Politik, die die IKL in opportunistischer Weise
unterließ.
Zweitens lief die Entwicklung in der DDR nicht in dieser von
Trotzki hier prognostizierten Art und Weise ab. Die auf dem Gebiet der SBZ
durchgeführte soziale Revolution von oben ging einher mit der
systematischen Vernichtung der unabhängigen Bestrebungen des ostdeutschen
Proletariats. Die folgende vierzigjährige stalinistische
Unterdrückung verfestigte die Illusionen über die Sozialdemokratie
und deren "erfolgreiche" Organisierung der "sozialen Marktwirtschaft". Der
Stand des Klassenbewußtseins in den einzelnen Sektoren der
DDR-Arbeiterklasse war zwar keineswegs als einheitlich, generell jedoch als
niedrig einzustufen. Zudem war den Arbeitern nach dem Sturz Honeckers keine
Zeit gelassen worden, ihr politisches Bewußtsein entsprechend den
Aufgaben zu entwickeln. Revolutionäre Klassenkämpfe fanden
nicht statt. Vor diesem Hintergrund ist die Kapitulation der Stalinisten auf
der ganzen Linie nicht weiter verwunderlich. Noch einmal: Entgegen der
These der IKL von der proletarischen politischen Revolution sowie ihrem Hoffen
auf Teile der Bürokratie kein Flügel der Stalinisten war
bereit aktiv und offen für die Verteidigung der DDR einzutreten.
So hing die opportunistische IKL-Politik erst richtig in der Luft:
"Viele Tausende von SED-Mitgliedern, Teile der Führung(!) nicht
ausgeschlossen,... wollen wirklich den Stalinismus mit der Wurzel
ausreißen und die kollektivierte Grundlage der DDR gegen kapitalistische
Wiedervereinnahmung verteidigen" (Spartakist 66 / 03.01.90).
Die anhand der Publikationen der TLD/SpAD nachvollziehbare
Kapitulation der IKL wird in den internen Dokumenten dieser Gruppe nur
unterstrichen. So ist z.B. das Schlagwort "Einheit mit der SED" nicht eine
Erfindung von uns (s. dazu Teil IV, z.B. Dokument 3). Der bizarre
opportunistische Kurs erhielt seine "Massentaufe" auf der antifaschistischen
Kundgebung in Treptow.
2.3. Das Debakel der SpAD in Treptow
Am 3. Januar 1990 strömten 250.000 nach Berlin-Treptow, um
gegen die Nazi-Schmierereien am sowjetischen Ehrenmal zu protestieren. Diese
gewaltige Kundgebung ließ die deutsche Bourgeoisie und ihre Lakaien in
der DDR aufschrecken, die eine solche Massenmanifestation gegen Rechts vor
allem von Seiten der SED-Basis nicht mehr für möglich gehalten
hatten. Die bürgerliche Presse antwortete mit einem antikommunistischen
Aufschrei; sie klagte die SED-PDS an, die Schmierereien selbst veranlaßt
zu haben, um eine faschistische Bedrohung, die gar nicht existiere,
heraufzubeschwören und so ihren Machterhalt zu rechtfertigen. Der Druck
auf die Regierung Modrow wurde daraufhin massiv erhöht, die Isolierung der
Stalinisten vorangetrieben.
Je weiter Treptow in die Vergangenheit rückt, desto
größer wird die SpAD-Legendenbildung um dieses Ereignis. Laut
Spartakist 72 vom 5. Juni 1990 war es so: Unsere deutschen Genossen
initiierten einen Aufruf zu einer massiven Arbeitereinheitsfrontaktion, um die
Faschisten zu stoppen. Wir brachten den Aufruf direkt zur SED-Führung und
forderten sie auf, daran teilzunehmen. Die SED war so weit entfernt von der
Arbeiterklasse und fürchtete sie so sehr, daß sie zuerst unseren
Vorschlag ablehnte. Aber als unser Aufruf in Fabriken in ganz Berlin verteilt
wurde, mobilisierten die Stalinisten ihre Kräfte und übernahmen
schließlich die Demonstration". Wie war es wirklich? Melt und Dahinaus
stellten für die TLD den Kontakt zum SED-PDS-Vorstand her und erst nach
dessen Zusage wurde der Aufruf zu Treptow in Druck gegeben Eine
Massenmobilisierung des Ostberliner Proletariats konnte und kann die TLD / SpAD
nicht organisieren.
"Soviel zur Wahrheit nun zur politischen Linie. Endlich
ging die Taktik, über Gysis Büro zu arbeiten, auf; die
"SED-Einheit"-Politik konnte jetzt vor größerem Publikum
durchgezogen werden. Im eigenen TLD-Aufruf zur Kundgebung gab es
keinerlei Kritik am Kapitulationskurs der SED-PDS und kein
Sterbenswörtchen zu Modrows Kniefall vor BRD-Imperialismus und
deutschem Nationalismus. Gerade deren Ausverkaufspolitik hatte die Nazis zu
ihren Angriffen aber erst recht ermuntert.
In ihrer Rede lag Dahlhaus voll auf "SED-Einheit"-Linie:
Unsere (!) Wirtschaft leidet unter Verschwendung und Veralterung. Die
Diktatur der SED-Partei hat gezeigt, daß sie untauglich (!) ist, dagegen
anzugehen" (APK 15 / 04.01.90). Das und "...das Machtmonopol der SED ist
gebrochen" war alles, was zur Politik der Stalinisten zu hören war
(vergleiche ebenda). In der Rede wurde nur die Honecker-SED erwähnt, mit
der die Kundgebungsteilnehmer sowieso nichts mehr zu tun haben wollten, nicht
aber die aktuellen Illusionen über die "reformierte" SED-PDS
angegriffen.
Am nächsten Tag präsentierte die TLD den Mythos,
daß die Rede wegen ihrer "scharfen politischen Kritik an der SED" mit
einem Pfeifkonzert von Zehntausenden beantwortet worden war (vergleiche
ebenda). Doch was war der wirkliche Grund der Pfiffe? Dahlhaus benutzte das
Wort "Ostdeutschland", was die Massen aufschreien ließ. Zurecht wurde
dieser Begriff mit der traditionellen Nichtanerkennung der DDR durch den Westen
verbunden. Arme Genossin, sie hatte diese Rede (in Englisch)
gerade aus New York erhalten und war bei der ad-hoc-Übersetzung über
"East-Germany" gestolpert! Nach diesem Fehltritt war auf dem Platz kaum mehr
etwas zu hören. Als "Genosse" wollte von dieser Genossin keiner mehr
angesprochen werden. Traurig, aber mit diesem Bewußtseinsstand hätte
man rechnen müssen! Die IKL hatte es geschafft, sich - und was noch
schlimmer ist - den Trotzkismus bei Zehntausenden von DDR-Linken zu
diskreditieren.
Heute soll in der SpAD-Propaganda der Anschein erweckt werden, als
ob Treptow der Beginn der proletarischen Einheitsfront, eine Aktion zur
Zerschlagung der Nazis gewesen sei. Das war nicht der Fall, stattdessen
handelte es sich um eine Protestkundgebung, die zur Mobilisierung
gegen die Nazis hätte genutzt werden müssen. Daß reine
Propaganda und moralische Appelle allein nicht ausreichen, um die Faschisten zu
stoppen, wurde in der arroganten, sektiererischen Ansprache gar nicht
erwähnt. Damit überließ man den Reformisten und Liberalen
das Feld, die auf der Kundgebung einen pazifistischen und legalistischen Weg in
die Niederlage propagierten. Die Verweise auf ein notwendiges gemeinsames
Vorgehen mit Angehörigen von Volkspolizei und NVA-Soldaten gab es, aber
nichts über die Notwendigkeit von Arbeitermilizen als Grundlage
anti-faschistischer Aktionen! Noch Wochen nach Treptow lehnte die
IKL-Führung Vorschläge von ihren DDR-Genossen ab, in Leipzig
Aktionseinheiten gegen Nazis zu initiieren, mit der Begründung, daß
damit die SpAD-Wahlkampagne (!) gefährdet würde (s. Teil III). So
etwas nennt man parlamentarischen Kretinismus.
Was war möglich und notwendig zu Treptow? Eine kleine
Propagandagruppe konnte offensichtlich mehr in Bewegung setzen, als die vielen
linken Realpolitiker ihr zutrauten. Doch, auch wenn die TLD jetzt die
Kundgebung als eine machtvolle prosowjetische Demonstration und als
...eine Gegenmobilisierung gegen den Druck auf Wiedervereinigung aus
Bonn... (Spartakist 77 / 09.10.90) ausgibt: Nicht das revolutionäre
Proletariat kam, sondern in überwältigender Mehrzahl Arbeiter mit
Illusionen über den Reformweg der SED-PDS-Führung. Es bot sich die
einzigartige Chance, diese Mobilisierung für die Perspektive
anti-faschistischer Aktionen zu nutzen. Das schloß ein, den Aufruf zur
Aktionseinheit auch an die Sozialdemokratie zu richten (s. dazu Teil I,
3.2), was die TLD-Führung trotz Kritik aus den eigenen Reihen ablehnte.
Die Gruppe IV. Internationale beteiligte sich an der Kundgebung in Treptow und
griff scharf die Sozialdemokratie an, ohne die opportunistische Rolle der
damals noch politisch entscheidenden SED-Spitze dabei zu verschweigen. Eine
massenwirksame Arbeit zur politischen Loslösung der Arbeiter vom
stalinistischen Einfluß hätte vier Wochen später, z. B. auf dem
außerordentlichen FDGB-Kongreß, ihre Früchte tragen
können. Dort verließen Dutzende von Gewerkschafter spontan den Saal,
erschüttert durch die Nachricht, daß ihr Hoffnungsträger Modrow
auf Deutschland einig Vaterland setze. Die IKL hatte die Chance,
eine Rolle bei der politischen Formierung der Arbeiterklasse zu spielen, die
sie aufgrund ihres Opportunismus und ihrer Unfähigkeit jedoch nicht nutzen
konnte.
2.4. Die friedliche Revolution und die Illusionen der
IKL in den Militärflügel der Bürokratie
Die vorgegebene politische proletarische Revolution entfaltete
sich laut IKL nur deshalb friedvoll, weil sie unter dem Schutz der sowjetischen
Armee stand: Genossen was ihr wißt, das Machtmonopol der SED ist
gebrochen. Die Massen können frei ihre Meinung vertreten. Lernt ihnen
zuzuhören. Es ist nur möglich durch den gütigen Druck der
sowjetischen Armee, verkündete Dahlhaus auf der Treptow-Kundgebung
(APK 15 / 04.01.90). Bereits im Offenen Brief an ihren Genossen
General Snetkov, damaliger Kommandant der Sowjetischen Streitkräfte
in Deutschland, verbeugte sich die TLD vor seinem maßgeblichen
Einfluß beim Verlauf der Revolution: Zu der Zeit, wo
die ostdeutschen Werktätigen dieses Land vom stalinistischen
Mißbrauch lösen wollen, hat sich die Rote Armee geweigert, sich
für ein Blutbad benutzen zu lassen (Spartakist 66 / 03.01.90).
Wäre es zu einer revolutionären Situation in der DDR gekommen, d. h.
zur Doppelmachtsituation zwischen Organen der Arbeiterklasse und der
Modrow-Regierung, wäre weder ein unblutiger Verlauf noch das Verhalten der
sowjetischen Generäle ausgemacht gewesen. Die Rolle der sowjetischen
Truppen auf ein Bollwerk gegen Faschismus und NATO (ebenda) zu
reduzieren, ist eine einseitige und damit falsche
Charakterisierung, die die arbeiterfeindliche Rolle des sowjetischen
Militärs ignoriert, das für vier Jahrzehnte eben auch die Herrschaft
der korrupten stalinistischen Parasiten verteidigte.
Die Haltung von Revolutionären gegenüber den Armeen
eines bürokratisch deformierten Arbeiterstaates ist grundsätzlich die
gleiche wie die gegenüber dem Arbeiterstaat unter bürokratischer
Führung. Die Militärbürokratie, eine Fraktion des
stalinistischen Apparates, muß durch die proletarische politische
Revolution zerschlagen werden. Unsere konkrete Haltung gegenüber den
Aktionen der sowjetischen Armee oder damals gegenüber der NVA muß
sich entlang des Programms der Befreiung des Proletariats bestimmen.
Wäre es nicht viel einfacher zu fragen: und in den Fällen, wo
die Rote Armee in der UdSSR Arbeiterstreiks oder gegen die Bürokratie
gerichtete Bauernproteste zerschlägt, müssen wir sie dann
unterstützen? Die Außenpolitik setzt die Innenpolitik fort. Wir
haben nie versprochen, alle Operationen der Roten Armee zu unterstützen,
die ein Werkzeug in den Händen der bonapartistischen Bürokratie ist.
Wir haben lediglich versprochen , die UdSSR als Arbeiterstaat zu verteidigen,
und auch nur das, was an ihr Arbeiterstaat ist (Trotzki, Noch einmal zum
Charakter der UdSSR in Trotzkis Schriften, Bd. 1.2, S. 1304). Wenn sowjetische
Truppen gegen den Imperialismus vorgehen (etwa im II. Weltkrieg gegen Hitler)
oder die interne Konterrevolution bekämpfen, rufen wir die Arbeiter zu
einem militärischen Block mit diesen auf. Dort, wo diese Armeen
gegen die Arbeiterklasse geführt werden (DDR 1953/Ungarn 1956), sind wir
für ihren sofortigen Rückzug und kämpfen gegen die
stalinistischen Militärs. In der DDR 1989/90 spielte die sowjetische Armee
während der Ereignisse keine direkte Rolle. Wenn jedoch Arbeiterräte
nach der politischen Macht gegriffen hätten, hätte die Politik der
Verbrüderung mit den sowjetischen Soldaten ihre Früchte tragen
müssen. Im Kampf gegen die kapitalistischen Restaurationstendenzen sind
wir der antikommunistischen Forderung nach Abzug der sowjetischen Truppen, wie
sie in der Linken, z.B. von der Gruppe Arbeitermacht (GAM) oder der Vereinigten
Linken, propagiert wurde, immer scharf entgegen getreten.
In einem Interview mit einem Mitglied eines NVA-Soldatenrates
stellte die TLD fest: "Im Prinzip muß man sagen, daß es in einem
Heer in einem Arbeiterstaat, obwohl bürokratisch deformiert, keine
Klassenlinie zwischen den Offizieren und den Soldaten gibt" (APK 11 /2l.12.89).
Das ist zwar richtig nur die Genossen der IKL unterschlagen in krimineller
Weise, daß es eine Blutlinie zwischen den einfachen Soldaten und
ihren Offizieren gibt, vergleichbar der Linie, die die Arbeiterklasse von der
stalinistischen Kaste trennt. Die IKL-Revision des Trotzkismus in dieser Frage
besteht darin, daß sie die einfachen Soldaten mit den
Militärbürokraten gleichsetzt. "Wir Internationalisten",
hieß es u.a. im Offenen Brief an Snetkov & Co (28.12.89), in dem sich
die IKL mit den Bürokraten auf eine Stufe stellte.
"Internationalistische Grüße an unsere Genossen, die
sowjetischen Soldaten und (!) Offiziere!" (APK 7 / 15.12.89) sind Schläge
ins Gesicht der sowjetischen Soldaten, die (auch in der DDR) kaserniert unter
den miserabelsten Umständen leben müssen und von Offizieren der
sogenannten "Roten Armee" schikaniert werden. Bei den einfachen Soldaten
("Arbeiter in Uniform") wird die Arbeiterklasse im Zuge der revolutionären
Mobilisierung sehr schnell Unterstützung finden. Am Grad der Effizienz der
Aktionen wird es liegen, wie groß der Teil der Offiziere sein wird, den
sie zu sich herüberziehen bzw. neutralisieren kann gegenüber
denjenigen Militärbürokraten, die bekämpft werden müssen.
Bei ihrer Suche nach einem Ersatz für die Mobilisierung des
Proletariats liebäugelte die SpAD/IKL schon immer mit den sowjetischen
Militärs. Ein Ausdruck davon ist die immer wiederkehrende Gleichsetzung
der revolutionären Roten Armee unter Trotzki mit der sowjetischen Armee
unter dem politischen Monopol der Kreml-Stalinisten (s. dazu Teil II). In einer
Kritik z.B. gegen die GAM/LRKI beginnt die IKL zwar mit einem korrekten Punkt:
"Zu erklären, daß der einzige Kampf, den die sowjetischen Truppen
gerührt haben, die Unterdrückung des osteuropäischen
Proletariats gewesen ist, zeigt eine Haltung, die selbst den Ablauf der
Geschichte leugnet", um dann fortzufahren: "Was ist mit 1. dem Bürgerkrieg
in Rußland 1918/19, 2. dem Krieg gegen Pilsudskis Polen 1920, 3. gegen
Japan in der Mandschurei 1937 und 1939, 4. der Invasion von Finnland, 5. dem
Krieg gegen Nazideutschland 1941, 6. der Intervention in Afghanistan 1979?"
(Spartakist 72/05.06.90). Für die IKL gibt es hier offensichtlich eine
ungebrochene revolutionäre Kontinuität von 1917 bis heute. Zur
kritischen Wahlunterstützung der SpAD im Dezember 1990 schrieb die Gruppe
Spartakus:
"Die SpAD ist eine der wenigen vorgeblich
revolutionären Gruppen, die für die militärische Verteidigung
des Iraks gegen die imperialistisch geführte, militärische und
ökonomische Aggression eintritt. Sie weckt allerdings die Illusion,
daß ein Flügel der sowjetischen Bürokratie den Irak verteidigt.
In ihrem Wahlprogramm sowie in einem Offenen Brief an verschiedene Botschaften
(mit Kopie an ihren Lieblingsgeneral Snetkov) fordert die SpAD, daß die
UdSSR das Waffenembargo aufhebt und Waffen an den Irak schickt. Hier wird
bewußt die Tatsache geleugnet, daß alle Flügel der
sowjetischen Bürokratie, inklusive Ligatschow und den Militärs, vor
Gorbatschows offener Zusammenarbeit mit dem Imperialismus gegen den Irak
kapitulieren ... Die Forderung an die sowjetische Bürokratie das
Waffenembargo aufzuheben, ist gefährlich desorientierend! Natürlich
ist es prinzipiell nicht falsch, Forderungen an die Stalinisten zu stellen.
Dies macht allerdings nur dann Sinn, wenn diese zumindest vorgeben, für
die Unterdrückten gegen die imperialistischen Unterdrücker
einzutreten. Wenn die Stalinisten jedoch klarmachen, daß sie auf der
Seite der Imperialisten stehen, wie sie es seit Beginn der Golf-Krise getan
haben, sind solche Forderungen absurd" (Flugblatt / 17.11.90).
"Drushba" rief dagegen die IKL und erhob das Glas auf das Wohl der
stalinistischen Militärbürokraten (APK 7/15.12.89)!
2.5. Die SpAD, "unser Arbeiterstaat"...
"Verteidigt die Errungenschaften unseres Arbeiterstaats!" prangte
es von der Spartakist-Titelseite am 20. März 1990; immer und immer wieder
sprach die TLD/SpAD von "unseren VEB's", "unserer Wirtschaft", "unserem
Arbeiterstaat", ohne zu erkennen, daß die Werktätigen der DDR aus
guten Gründen eine gänzlich andere Haltung zu "ihrem" Staat hatten.
Da griffen Wahlkampf-Femsehauftritte daneben, in denen die SpAD dafür
eintrat,"... daß das, was in der DDR geschaffen worden ist, erhalten wird
und ausgebaut wird" (APK 29 / 27.03.90)
Bevor die Arbeiterklasse der DDR von "ihrem" Arbeiterstaatsprechen
konnte, fehlte ihr eine ganze Kleinigkeit. Die BT formulierte in diesem
Zusammenhang: Tatsächlich ist die DDR, wie all die anderen Staaten
Osteuropas, ein deformierter Arbeiterstaat. Um ihn zu einem gesunden
Arbeiterstaat zu transformieren, ist ein revolutionärer Kampf zum Sturz
der stalinistischen Herrschaft und die Zerstörung der Reste des
Unterdrückungsapparates notwendig. Vom Standpunkt der Trotzkisten ist
diese Auslassung ein elementarer Fehler, der, wenn man die erhebliche
politische Erfahrung der Führer der IKL bedenkt, wohl kaum zufällig
sein dürfte" Offener Brief / 23.02.90).
Ein revolutionärer Arbeiterstaat, der sich auf die direkte
Demokratie der Räte stützt, wird die notwendigerweise auftretenden
Mängel, Halbheiten und Widersprüche in der Periode des
Übergangs bis zur Entlastung durch die internationale Revolution
bekämpfen bzw. mildem können. Die parasitäre stalinistische
Bürokratie hingegen steigert die Probleme des Arbeiterstaates ins
Unermeßliche. Eingeklemmt in die trübe Aussicht des Aufbaus des
"Sozialismus in einem halben Land" und den Illusionen in den "goldenen Westen"
gab ein Teil der Bevölkerung Fersengeld. Die während der Fluchtwelle
(ab Sommer 1989) einsetzende heterogene Massenbewegung suchte nach einer
politischen Lösung ihres Unmuts über Bespitzelung, bürokratische
Willkür und stalinistische Mißwirtschaft.
Die Unzufriedenheit mit der Situation in der DDR war einer der
treibenden Faktoren, die zur "Wahl der D-Mark" am 18. März rührten.
Die SpAD verwischte den Unterschied zwischen der bedingungslosen Verteidigung
des Arbeiterstaates gegen die Konterrevolution und der Verteidigung des
(bürokratischen) Status quo. Die proletarische politische Revolution,
die letztlich - einzig effektive Form der Verteidigung der
Arbeiterstaaten, bedeutet umfassende, radikale sozialistische
Reorganisation der ehemals von der Bürokratie unterdrückten
Gesellschaft. Bei dem jetzt heraufziehenden Bürgerkrieg um den Erhalt der
UdSSR sollte jeder sowjetische Arbeiter einer Partei mißtrauen, die auch
nur den Schatten von Verantwortung für das System der bankrotten
Stalinisten, für "deren" Arbeiterstaat übernimmt.
Die SpAD setzte diese Tendenz in ihrer Propaganda fort, als sie
verkündete: "In der DDR gab es nicht zu viel, sondern zu wenig
Kommunismus" (Wahlspot der SpAD, Radio Aktuell, 27.11.90). In der DDR
existierte ein bürokratisch deformierter Arbeiterstaat und kein
Kommunismus und wir wollen hier nicht Trotzkis Antwort auf Stalin wiederholen,
als letzterer selbstgefällig in der UdSSR bereits neunzehntel des
Sozialismus verwirklicht sah.
Die Konsequenzen des IKL-Spagats zwischen trotzkistischer
Orthodoxie und stalinophilen Sentimentalitäten a la "unser Arbeiterstaat"
lassen sich auch anhand der SpAD-Position zur Frauenfrage konkretisieren.
... und die Frauenfrage in der DDR
Während ihrer Orientierung auf die SED-PDS war die
Frauenfrage für die SpAD kein zentrales Thema. An dieser für
SED-Proletarier sensiblen Frage wollte sie damals nicht rühren und
kämpfte nicht gegen den männlichen Chauvinismus in der
SED-Programmatik, mit der die Stalinisten die ganze DDR-Gesellschaft
durchseucht haben. Im Aufruf Was wollen die Spartakisten" (APK 18 /
07.12.89 und folgende) wird die Frauenfrage in der DDR noch nicht einmal
angesprochen. Forderungen nach "kostenlose(n) Betreuungseinrichtungen für
Kinder rund-um-die-Uhr" tauchten in den ersten Monaten nur beiläufig auf
(s. z.B. APK 18 / 12.01.90).
Im Programm zur Volkskammerwahl erweiterte die SpAD ihren
Forderungskatalog um "Vergesellschaftung der Hausarbeit", "Verteidigung des
Abtreibungsrechts" und "Beibehaltung sozial gerechtfertigter (?!)
Subventionen". Die dort ebenfalls aufgestellte Parole für die
"völlige Gleichberechtigung der Frau" beschränkte sich auf den
gesetzlichen Rahmen der Situation für Frauen in der DDR. Nirgendwo gab die
IKL jedoch die kommunistische Perspektive der Befreiung der Frau als
Bestandteil des Kampfes für den Sozialismus bzw. Kommunismus an. Vielmehr
reduzierte sie die Frauenfrage auf deren soziale Unterdrückung.
Das ist der erste Kritikpunkt, den Kommunisten an einer solchen
vulgären, ökonomistischen Methode zu machen haben:
Während der Kampf für die soziale Befreiung der Frau (im Zusammenhang
mit der Entfaltung der Produktivkräfte) unabdingbar ist, muß er
einhergehen mit dem bewußten Kampf gegen alle
Unterdrückungsformen in allen gesellschaftlichen Bereichen, z.B. in
Politik und Kultur.
Femer halten wir es für einen schlechten Witz der IKL, die
Unterdrückung der Frau in den bürokratisch deformierten
Arbeiterstaaten mit dem Hinweis auf deren weitgehende Integration in den
Arbeitsprozeß herunterzuspielen. Fast alle Frauen in der DDR
konnten arbeiten - und das war gut so, eine entscheidende Voraussetzung
für das kommunistische Ziel der Befreiung der Frau. Nur in welchen Jobs
und unter welchen persönlichen/familiären Umständen - das
interessierte die SpAD bei ihrer stalinophilen Verteidigung der DDR
höchstens am Rande.
Gleich zu Beginn des Zusammenbruchs des SED-Regimes schrieb die
Gruppe IV. Internationale:
"Während in der DDR im Gegensatz zum Westen fast
alle Frauen einen Arbeitsplatz finden, womit grundsätzlich eine
ökonomische Unabhängigkeit vom Mann hergestellt ist, führt die
nach wie vor mangelnde Ersetzung der Hausarbeit durch gesellschaftliche
Einrichtungen zur unerträglichen Doppelbelastung. Auf ihren Arbeitsstellen
trifft sie zudem der von der stalinistischen Bürokratie konservierte
bürgerliche Chauvinismus und versperrt ihnen, trotz guter Ausbildung und
Qualifikation, eine anteilige Übernahme von Verantwortung bei
entsprechender Entlohnung. Die Einlösung der Forderung nach Emanzipation
der Frau ist die Aufgabe der gesamten Arbeiterbewegung. Die gesellschaftliche
Übernahme von Reproduktionsarbeit muß sichergestellt werden, d.h.
mehr Kindergärten und zwar geöffnet rund um die Uhr, mehr
Speisegaststätten, Wohnungen etc. Damit einhergehen muß der Kampf
gegen den 'alltäglichen' Chauvinismus, der mit der Absage an die
stalinistische Ideologie der 'sozialistischen Familie' beginnt"
(Flugblatt/10.11.89).
Angesichts der drohenden Konterrevolution mußten
selbstverständlich die Akzente auf die Mobilisierung zur Verteidigung der
Errungenschaften gesetzt werden, wobei Kommunisten dabei nie beim Status quo
hängen bleiben: "Die Frauen gehören zu den ersten Opfern der
bürgerlichen Offensive. Die geplanten Entlassungen müssen
zurückgeschlagen werden! Schluß mit dem Skandal, daß 75% aller
Frauen in traditionell weiblichen, schlecht entlohnten Berufen arbeiten. Der
Doppelbelastung durch Betrieb und Familie muß mit radikalem Ausbau der
sozialen Einrichtungen begegnet werden! Für eine kommunistische
Frauenbewegung!" (Bulletin 1).
Dieses Ziel einer Frauenmassenorganisation der
revolutionären Arbeiterpartei zur Forcierung des Kampfes für die
Emanzipation der Frau hat die SpAD offensichtlich aufgegeben. Es taucht in
ihrer Propaganda nur noch an Feiertagen auf. Die SpAD hantierte vielmehr mit
ihrem ökonomistischen Frauen-Minimalprogramm, das die Frauen in der DDR zu
Recht als Fortsetzung der bisherigen, stalinistischen Frauenpolitik
interpretieren mußten. In "unserem Arbeiterstaat" DDR trat sie somit auf
der Stelle. Die SpAD verteidigte das DDR-Abtreibungsrecht und "vergaß" in
ihrem Volkskammer-Wahlprogramm die Forderung nach ersatzloser Streichung des
Abtreibungsparagraphen. Sie verteidigte die Beschäftigung der Frauen in
der DDR und "vergaß" die Forderung nach ihrer Beschäftigung
gemäß ihrer Qualifikation verbunden mit einer beruflichen
Frauenförderung. Sie verwies auf die zukünftige
"kommunistische Welt" und "vergaß" den Sexismus ihrer stalinistischen
Blockpartner in spe.
2.6. TLD/SpAD gegen ökonomische Streiks
Nach dem Sturz des Honecker-Regimes war die entscheidende Frage,
ob die Arbeiterklasse ihre tiefe Entpolitisierung durch jahrzehntelange
stalinistische Unterdrückung überwinden und rechtzeitig eine
unabhängige Rolle spielen würde. Viele Arbeiter hatten sich in der
"Demokratiebewegung" verloren. Andere, die gegen den Kapitalismus eingestellt
waren, schauten auf Modrow /Gysi und wurden paralysiert durch die
SED-PDS-Appelle, die Wirtschaft nicht zu schädigen und Vertrauen in die
Regierung zu setzen, die "das Beste" vom "Sozialismus in den Farben der DDR"
schon retten würde.
Kommunisten wissen, daß die Arbeiter Klassenbewußtsein
vor allem durch Klassenkämpfe entwickeln. Die Serie von ökonomischen
Streiks, die ab Winter 1989/90 einsetzte, war in dieser Hinsicht von besonderer
Bedeutung. Erfolgreiche Verteidigungsstreiks hätten die
"Demokratiebewegung" entlang der Klassenlinie polarisieren und eine erste
Verteidigungsposition gegen die prokapitalistischen Kräfte und ihre
Förderer in der Modrow-Regierung aufbauen können.
Natürlich mußten Revolutionäre sorgfältig den
politischen Kontext der Streiks beachten. Die Unterstützung oder Ablehnung
von Streiks mußte an deren vorrangigen Zielen festgemacht werden. Die
Gruppe IV. Internationale warnte vor der "Gefahr, daß Arbeiteraktionen zu
Stützen der Konterrevolution werden und z.B. in reaktionären Streiks
für die Wiedervereinigung münden, statt der Kapitaloffensive
zu begegnen" (Bulletin 1). Trotzkisten waren gegen Streiks, die sich den
Hinauswurf von SED-Mitgliedern aus den Betrieben zum Ziel setzten oder darauf
aus waren. Fabrikdirektoren zum Abschluß von Joint-Venture-Abkommen mit
BRD-Kapitalisten zu zwingen.
Welche Position vertrat nun die TLD/IKL? Auf einer Veranstaltung
am 18. November 1989 sprach sich ZK-Sprecher Schütz gegen Streiks aus, da
die Arbeiter nicht gegen sich selbst und ihre eigenen Interessen streiken
sollten. Im Verlauf der weiteren Entwicklung in der DDR wollte die TLD dann
keine Stellungnahme mehr zu diesem Punkt abgeben. Zu ihrer Haltung zum
BVB-Streik (Berliner Verkehrsbetriebe) im Dezember 1989 immer wieder befragt,
verweigerten die TLD-Genossen die Aussage.
Dieser Streik der Bus- und Straßenbahnfahrer war jedoch ein
wichtiges Beispiel für eine Kampfaktion, die eben nicht reaktionär
war und von Trotzkisten hätte vertieft werden können. Die BVB-ler
wehrten sich gegen die erhöhten Strafabzüge vom Lohn, eine
Maßnahme, mit der die "Arbeitsdisziplin" verbessert werden sollte. Zu
Recht antworteten sie: "Wie sollen sie denn 'Qualitätsarbeit' liefern,
wenn die 'Arbeitsmittel' nichts taugen. Die Busse seien doch 'der letzte
Dreck', ..." (taz / 21.12.89). Die SED-PDS Betriebsgewerkschaftsleitung wollte
diesen Streik nicht unterstützen, ihnen war "das Thema Lohn viel zu
heiß" (ebenda).
Die IKL trat offiziell nur für Streiks gegen Faschisten und
für die Verteidigung der DDR ein:
"Jeder Streik, besonders in der DDR, muß sich durchaus
anhand seiner Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung und die Arbeiter
rechtfertigen lassen. Wenn die Arbeiter einer Fabrik in ihrem Betrieb die
Produktion auch nur für einen Tag einstellen, um eine revanchistische
neofaschistische Mobilisierung oder ein Pogrom gegen eingewanderte Arbeiter zu
zerschlagen, oder wenn es Kämpfe gäbe gegen die Liquidierung der DDR,
dann wären diese Aktionen nicht nur gerechtfertigt, sondern lebenswichtig.
Dies sind nur einige Beispiele von Entscheidungen, die Arbeiterräte in der
DDR treffen müßten" (Erklärung des Internationalen
Sekretariats der IKL, APK 9/19.12.89).
Warum versuchte die IKL die Frage der ökonomischen Streiks zu
umgehen? Solche Streiks widersprächen ihrem Konzept von der anvisierten
Einheit mit der SED-PDS; eine Unterstützung der Streiks hätte zu
einer direkten Konfrontation mit der von der SED-PDS gestützten
Modrow-Regierung geführt. Die IKL übernahm vielmehr Verantwortung
für die stalinistische Mißwirtschaft: "Arbeitet besser, sauberer,
ordentlicher! Kein Betrieb darf unökonomisch sein", forderte ein Mitglied
der Spartakist-Gruppen am 4. Februar 1990 unter Zustimmung der
TLD/IKL-Führung (APK 22 / 08.02.90). Die TLD/SpAD unterstützte somit
die arbeiterfeindliche Austeritätspolitik Modrows!
Trotzkisten lehnen dagegen jegliche Verantwortung für die
verstaatlichte Wirtschaft ab, solange die Arbeiter politisch nicht entscheiden
können, wie diese in ihrem wie im Interesse der gesamten Bevölkerung
zu organisieren ist. Bis zum Sturz der Bürokratie und der Errichtung der
politischen Herrschaft des Proletariats gilt auch hier Trotzkis Maxime:
"Es ist eine Sache, sich mit Stalin zu solidarisieren,
seine Politik zu verteidigen, Verantwortung dafür zu übernehmen - wie
es die dreifach berüchtigte Komintern tut - , es ist eine andere Sache,
der Weltarbeiterklasse zu erklären, daß wir es nicht zulassen
können - welcher Verbrechen Stalin auch immer schuldig sein mag - ,
daß der Weltimperialismus die Sowjetunion zerschmettert, den Kapitalismus
wieder einführt und das Land der Oktoberrevolution in eine Kolonie
verwandelt" (Verteidigung des Marxismus, S. 272).
"Die Planwirtschaft ist grundlegend gesund ...", meinte die IKL
(APK 25 / 27.02.90) und reichte somit den Stalinisten die Hand. Man muß
kein Trotzkist sein, um zu erkennen, daß die stalinistische
Planwirtschaft todkrank und nicht zu retten ist. Ohne Arbeiterdemokratie
und sozialistischer Räteregierung, ohne proletarischer Reorganisierung
der Wirtschaft in Perspektive der internationalen Ausweitung der
kollektiven Eigentumsformen ist die in den bürokratisch deformierten
Arbeiterstaaten erfolgte Enteignung der Kapitalistenklasse nicht zu
verteidigen.
Mit diesem Verständnis mußten Trotzkisten sich an
ökonomischen Streiks, wo immer möglich, beteiligen. Ausgehend von der
Verteidigung der unmittelbaren Arbeiterinteressen mußte versucht werden,
die Kämpfe weiter zu treiben hin zur Kontrolle der Arbeiter über
die Produktion, für die Organisierung von Arbeiterräten.
Bestandteil solcher Kämpfe hätte u.a. die Überwindung
syndikalistischer Konzepte (Betriebliche Selbstverwaltung" u.a.) sein
müssen, wie sie von linken Organisationen in der DDR, z.B. der Vereinigten
Linken, vertreten wurden. Die IKL hingegen, da sie gegen ökonomische
Streiks in der DDR Position bezog, stellte mechanisch die Perspektive
der Arbeiterräte den ersten Regungen des Klassenbewußtseins
entgegen. Zur Freude Modrows: Erst die zukünftig zu bildenden
Arbeiterräte sollten über die Recht- oder Unrechtmäßigkeit
von Streiks entscheiden (s.o. IS-Erklärung, APK 9 / 19.12.89).
3. Die Wende der SpAD - weg von der SED-PDS
In den vorherigen Kapiteln haben wir die desorientierende Rolle
der TLD-SpAD/IKL gegenüber dem Stalinismus beschrieben. In der
entscheidenden Phase nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes unter Honecker,
also als es darauf ankam, einen unabhängigen revolutionären Pol zu
verankern, gab die IKL mit ihrer Kapitulation vor der SED-PDS dem Druck
klassenfremder Kräfte nach.
Jetzt, nach einem Jahr, fühlt die IKL-Führung sich
bemüßigt, die 'Tendenz (ihrer deutschen Genossen, Anm. von uns),
sich in eine strategische Einheitsfront zu liquidieren", zu vermerken (s.
Nachwort Teil I).
Dabei hat doch vor allem die Clique um Robertson in New York die
Schuld für das SpAD-Desaster zu übernehmen, denn schließlich
leitete sie die Intervention in der DDR an. Der Workers Vanguard-Chefredakteur
Jan Norden war für die redaktionelle Linie von APK und Spartakist
verantwortlich, Helene Brosius aus dem IS kümmerte sich um die
organisatorische Seite. Einer der IKL-Kronprinzen, AI Nelson, überwachte
die Koordination und hatte Robertson per Funktelefon immer im Rücken.
Mitte Januar 1990 kam sogar der Guru höchst persönlich nach Berlin
und trieb den versuchten Block mit den stalinistischen Bürokraten auf die
Spitze.
Es war Robertsons Initiative, direkt mit Snetkov und Wolf bzw.
Gysi konferieren zu wollen! Robertson wollte bei diesem Treffen auf die massive
Wahlkampfintervention der Westparteien hinweisen und die Sowjets auffordern,
durch kostenlose, umweltschonende Erdgaslieferungen der bürgerlichen
Propaganda entgegen zu wirken. In diesem Zusammenhang wollte er Snetkov auch
fragen, ob der es denn gerne sähe, daß NATO-Truppen an der
Oder-Neiße-Grenze stünden, falls den imperialistischen Kräften
nicht Einhalt geboten würde.
"Arbeiterführer Robertson trifft führende
Repräsentanten der sowjetischen Generalität und der Staatspartei der
DDR" - so oder ähnlich hätte die Schlagzeile in Workers Vanguard und
Spartakist lauten können. Pech - daß die SED-PDS abwinkte (s. dazu
auch Teil III). Allein diese Initiative Robertsons ist wirklich bemerkenswert.
Sie beweist nicht nur die vollständige Fehleinschätzung insbesondere
der Rolle der sowjetischen Stalinisten; sie gibt darüber hinaus
Aufschluß über den erlittenen Realitätsverlust dieses
Lilliput-Diktators, der meinte, die Kreml-Herren doch noch in einen
"revolutionären" Block zwingen zu können. Absurdes Theater! Robertson
ließ nicht von dem Versuch ab, Teile der SED-Bonzen vor seinen Karren zu
spannen.
Trotz der intern auftretenden Widersprüche über die
einzuschlagende Politik gegenüber der SED-PDS, wurde noch Anfang Februar
1990 die "SED-Einheit"-Linie wiederholt:
"Jedenfalls wurde mehrfach festgestellt, wir wollen
Einheit durch revolutionäre programmatische Umgruppierung, was sich
konkret festmachen läßt an vielleicht rund sechs Punkten: Aufbau
revolutionärer Parteien im Westen, Verteidigung der Sowjetunion; Bruch mit
dem Stalinismus in der DDR, Schutz des gesellschaftlichen Eigentums in der DDR;
Keine Massenliquidation (keine 'Kollektivschuld') der DDR-Regierung" (Teil IV,
Dokument 3).
Genossin Lizzy, die mit ihrem Brief als direktes Sprachrohr
Robertsons fungierte, "vergaß" die Notwendigkeit des Aufbaus einer
trotzkistischen Partei in der DDR, von einer
leninistisch-trotzkistischen Fraktion in der SED-PDS ganz abgesehen.
Ab Mitte/Ende Januar 1990 vollzog die IKL-Führung konfus
tastend und ohne offene Diskussion ihrer bisherigen Politik, eine Wende weg von
der SED-PDS. Die verfügbaren finanziellen Ressourcen erschöpften sich
(s. Teil IV, Dokument 2). Die PDS-Führung und General Snetkov hatten die
IKL verschmäht, Gorbatschow sein Placet zur Wiedervereinigung gegeben -
kurzum, die Kapitulation der Stalinisten war ebensowenig zu leugnen wie auch
das Scheitern der opportunistischen "SED-Einheit-Politik.
Um von der eigenen Verantwortung abzulenken mußten Robertson
und seine Clique die Spuren verwischen. Rechtzeitig hatte sich der Meister
wieder nach New York abgesetzt, um, wie es hieß, einen Finanzstreit (!)
in der Zentrale zu schlichten. Hier konnte er dann, aus sicherer Entfernung,
verlauten lassen:
"Jim (Robertson, Anm. von uns) hat wiederum betont,
daß wir damit aufhören sollten, uns so viele gedanken um die SED zu
machen, denn sie löst sich selbst auf, und das unser Hauptrivale auf der
Linken die KPD ist" (Teil IV, Dokument 3).
Zur bisherigen Linie gegenüber der SED, die Robertson voll
mitgetragen hatte und an entscheidender Stelle sogar persönlich
versucht hatte umzusetzen (Snetkov-Initiative), ließ er in seiner
üblichen zynischen Art verlauten:
"Zur Frage der 'Einheit mit der SED', Genossen haben das
Gefühl, daß dies nicht nur das Prodkt einer einzeln Person ist, die
sich verhört hatte und fälschlicherweise etwas wiederholt hat, was
Jim erzählt hat, sondern daß dies teilweise das Resultat der
Erschöpfung der führenden Kader dort war und teilweise die Panik
wiederspiegelt, der viele in der DDR erliegen, ..." (ebenda).
Man kann nur Ekel über die Feigheit dieser
Führungsclique empfinden, die ihre politische Verantwortung auf Subalterne
abschiebt. Und wehe denjenigen, die nicht bereit sind, Robertsons Manöver
mitzuspielen und versuchen, nach tieferen politischen Gründen zu forschen
- sie befinden sich bald außerhalb der Organisation! Genossen in der IBT
kennen diese Vorgehensweise aus eigener Erfahrung. Die Führung der IKL
muß unfehlbar sein - sonst bricht das Kartenhaus zusammen!
Ein fortgesetzter Kurs auf die SED-PDS versprach unter den
gegebenen Umständen wenig Erfolg; Entrismus z.B., zumal auf dem bisherigen
stalinophilen Programm, hätte die Kontrolle New Yorks über die
eigenen Mitglieder in Frage gestellt. Die SpAD begann jetzt ihre Politik zu
modifizieren und nahm Kurs auf das "massenorientierte",
eigenständige Auftreten. An der in der vorherigen Periode
entwickelten Methode mußte wenig geändert werden. Da die PDS die
Verteidigung der DDR nicht organisieren wollte, proklamierte nun die SpAD, dies
an deren Stelle durchführen zu wollen. Das korrekte Verhältnis
zwischen einer kleinen Propagandagruppe und ihren Aufgaben (vorrangige
Konzentrierung auf die Gewinnung von Linken, Umgruppierungsarbeit) war auf
Grundlage der IKL/SpAD-Programmatik nicht zu erwarten.
Nach einem New York Times-Artikel, der verkündete,
daß ein Viertel der DDR-Bevölkerung gegen die kapitalistische
Wiedervereinigung eingestellt sei, verlangte Nelson vom ZK der SpAD diese
Massen zu organisieren. Als Vehikel für ein solches Manöver sollte
der SpAD-Volkskammerwahlkampf dienen. Die SpAD schritt zur Organisierung ihrer
nächsten Niederlage.
3.1. Von der Wahl-Kampagne Nr. 1: "Millionen wollen
Sozialismus"...
Noch im März verfolgten die Schatten der politischen
Revolution die SpAD. Fünf Tage bevor die Mehrheit des DDR-Proletariats
ihre Stimme den bürgerlichen Parteien gab, posaunten sie: "...Millionen
Arbeiter in Osteuropa, besonders in der DDR, (wollen) das Kollektiveigentum
verteidigen und eine wirklich sozialistische Gesellschaft aufbauen" (APK
27/13.03.90). Die Massen zu führen war die SpAD, nun ohne den Umweg
über die SED-PDS, angetreten: "Millionen Werktätige wollen
schützen, was wir durch unsere Arbeit in 45 Jahren aufgebaut haben - trotz
der stalinistischen Deformation der DDR - und sind bereit, ein Viertes Reich
auf deutschem Boden zu verhindern, das die ganze Menschheit bedrohen
würde. Indem wir unerschütterlich gegen die kapitalistische
Wiedervereinigung auftreten, wollen wir ihre Stimme sein" (ebenda).
Gemessen an ihrem Anspruch "ein eindrucksvolles Nein zur
kapitalistischen Wiedervereinigung zu organisieren" (APK 26/06.03.90) war es
für die SpAD eine schwere Niederlage, von den Millionen nur 2396 Stimmen
erhalten zu haben. Daß es überhaupt so viele wurden, mußte
angesichts der von der SpAD geführten Kampagne überraschen: Die
Kraftmeierei dieser Politzwerge, das organisatorische Chaos und die
bürokratischen Manöver gegen Linke auf den schwach besuchten
SpAD-Veranstaltungen, machten diese Gruppierung nicht gerade attraktiver.
Die Abkehr von der opportunistischen Orientierung auf Teile der
stalinistischen Bürokratie wurde "klammheimlich" vollzogen. In der
Öffentlichkeit verteidigte jedoch die SpAD nach wie vor ihre ehemalige
politische Linie. Eine ultrasektiererische Haltung gegenüber der
Sozialdemokratie sowie ein genereller Abstentionismus gegenüber der
Arbeiterbewegung trugen, wie wir noch zeigen werden, zur verheerend niedrigen
Stimmabgabe für die SpAD bei.
Darüber hinaus war die SpAD/IKL unfähig, eine
marxistische Analyse der Vokskammerwahlen zu liefern. Sie verbreitete Konfusion
mit ihrem Gerede über einen "... (verzerrten) Volksentscheid ... über
die weitere Existenz der DDR" (APK 27 / 13.03.90), wobei sie nirgendwo
erklärte, was denn nun darunter genau zu verstehen sei. Wir vermuten,
daß diese Konfusion u.a. der Tatsache geschuldet ist, daß ihr
erster Entwurf des Programms für die Volkskammerwahl von einem
PDS-Mitglied geschrieben wurde. Die SpAD konnte nicht erklären, zu was sie
überhaupt angetreten war!
Ausgehend von der Vorarbeit der prokapitalistischen
Modrow-Regierung konstatierte die Gruppe IV. Internationale:
"Die Wahl am 18. März soll die bürgerlich
demokratische Legitimation für die schrankenlose kapitalistische
Ausbeutung der Werktätigen liefern" (Flugblatt/26.02.90) und in ihrer
Analyse der Wahlen schrieb die Gruppe IV. Internationale: "Im Unterschied zur
bonapartistischen Modrow-Regierung kann sich die Regierung aus Allianz, SPD und
Liberalen nun sogar 'demokratisch' legitimieren. Sie ist eine
prokapitalistische Regierung auf bürgerlich-parlamentarischer
Grundlage, deren Aufgabe darin besteht, den deformierten Arbeiterstaat DDR
endgültig zu Fall zu bringen und durch Anschlußpolitik an die BRD
den Kapitalismus zu restaurieren" (Bulletin 2).
Trotz aller Kritik riefen die Genossen der BT und der Gruppe IV.
Internationale zur Wahl der SpAD auf. Wir entschieden uns für diese Taktik
der kritischen Wahlunterstützung, um das revolutionäre Programm
entlang der Fragestellung "Für oder gegen kapitalistische
Wiedervereinigung" propagandistisch zuzuspitzen. Die sich schon damals stolz
"gesamt-deutsch" nennende SpAD war bei aller Widersprüchlichkeit
dennoch die einzige zur Wahl antretende Gruppierung, die mit Nachdruck gegen
die Wiedervereinigung auftrat. Vor politischem Vertrauen in die, zum Zweck der
Wahl gegründete, "Pandeutsche" Sektion warnten wir von Anfang an
(über die Vorgänge um die Gründung der SpAD s. Teil III).
Insbesondere die Führung der SpAD/IKL zeigte sich empfindlich
gegenüber unserer revolutionären Kritik. Eine Flut von
Schmähungen, Kübel von Dreck gossen diese Herrschaften über uns,
unfähig auch nur ein politisches Argument zu parieren. Wir störten
offensichtlich bei dem Selbsthypnoseversuch der marschierenden
Arbeitermassenpartei.
Die von der SpAD initiierte "Kampfdemonstration" am 6. März
1990 ("Berliner Arbeiter: Jetzt ist die Stunde des Kampfes!" (APK 26 /
06.03.90)) veranschaulichte exemplarisch das Sektierertum der SpAD. Andere
linke Organisationen konnten sich nicht beteiligen, selbst wenn sie es gewollt
hätten. Der Aufruf zur Demonstration kam erst am gleichen Tag heraus, an
dem diese stattfand! Kaum vierzig Teilnehmer "kämpften" dann vor der
Volkskammer. Und warum waren es so wenige? "Wegen der kurzen Vorbereitungszeit
(!) und strömendem Regen (!!) sind nur wenige Menschen gekommen" (APK 27 /
13.03.90). Dümmer ging's nimmer!
... hin zum Wahldesaster Nr.2:
Großdeutschland = faschistisches Reich?
Die aufschneiderische "Massenmethode" der SpAD hat sich bis auf
den heutigen Tag gehalten, geändert haben sich die Schlagworte: "Das
Vierte Reich hat in den Volkskammerwahlen gewonnen" (APK 30 / 10.04.90). Die
SpAD modifizierte jetzt ihre Linie der Verteidigung der DDR, wobei der Kampf
gegen das "Vierte Reich" nun zu einem zentralen Bestandteil ihrer Propaganda
wurde. Jeder halbwegs politisch Interessierte, national wie international,
assoziiert mit der Herrschaft des Vierten Reichs das Regime des Dritten:
Hitlers Terror. Die SpAD identifiziert tendenziell die BRD mit dem
Faschismus. Mit diesem neuen Mobilisierungstrick sollte eine kritische
Reflexion der Mitglieder über die SpAD-Wahlkampagne sowie über die
gesamte bisherige Intervention der IKL in die DDR gleich im Ansatz unterbunden
werden. Nicht denken, sondern lenken! Wer wollte schon quer schießen, so
mögen sich viele der Mitglieder gedacht haben, wenn der Faschismus ins
Haus steht?
Wer die IKL etwas genauer kennt, dem ist diese Art der Erzeugung
von Katastrophenstimmung nicht unbekannt. 1983 schrieb die TLD: "Konfrontiert
mit der schwersten (!) Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren (!) und
mit den mächtigsten Mobilisierungen des Proletariats seit 1932 (!) stellt
die Bourgeoisie die ausländischen Arbeiter als Sündenbock hin"
(Flugblatt/25.02.83). Während der Diaspora der TLD-Mitglieder feilte New
York an einem come back in Deutschland und machte wieder einmal alles falsch:
'Türkische Arbeiter im Vierten Reich" hieß die Schlagzeile im
März 1986 (Spartacist 12, deutsche Ausgabe).
Ab Mitte 1990 wurde die SpAD-Propaganda immer hysterischer:
"AldiSupermarkt des Vierten Reichs" (Spartakist 72/05.06.90), "Wessen
Kreatur ist Kohl? Der Mann, der Führer sein möchte" (Spartakist
73/03.07.90): "Was Hitler mit der Wehrmacht nicht gelungen ist, wollen sie
gegenwärtig mit der D-Mark schaffen. Und daran sind alle Parteien des
'demokratischen' (!) Vierten Reichs beteiligt, besonders die Sozialdemokratie
..." (ebenda). "Schließt euch dem Klassenkampf-Wahlkampf der Spartakisten
an! Für Arbeiterwiderstand gegen das Vierte Reich!" (Spartakist
77/09.10.90). In einer Hut von Vierten Reich-Berichten gingen Bemerkungen wie
"Das Vierte Reich ist nicht das Dritte Reich, und die kapitalistische Ordnung
östlich der Elbe ist noch nicht konsolidiert worden" (ebenda) vollkommen
unter. Sie waren auch nicht dazu gedacht, die falsche Linie zu korrigieren
sondern dienen vielmehr zur "trotzkistischen" Absicherung.
Der zentrale Kritikpunkt der Gruppe Spartakus in der
Faschismusfrage an die Adresse der IKL lautet:
"Aber die SpAD entwaffnet die Arbeiterklasse, indem sie
den Eindruck erweckt, daß wir schon im Faschismus leben. Sie spielt damit
die furchtbare Wirklichkeit des Faschismus an der Macht herunter, was dazu
führt, von der Notwendigkeit abzulenken, die faschistischen Banden zu
zerschlagen, wenn sie noch klein sind" (Flugblatt/17.11.90).
Denn was ist Faschismus? Auch wer sich nur oberflächlich mit
Trotzkis Polemik gegen die ultralinke Stalin-Thälmann-Linie der KPD
beschäftigt hat, weiß: Faschismus bedeutet die terroristische
Herrschaft der Monopolbourgeoisie, die durch die faschistische Massenpartei
organisiert wird und sich gründet auf die Zertrümmerung der
Arbeiterbewegung einschließlich der Liquidierung der bürgerlich
parlamentarischen Demokratie. Aktuell ist das deutsche Großkapital
nicht gezwungen seine politischen Geschäfte faschistischen Abenteurern zu
überlassen, da bis dato die Einbindung der Arbeiterklasse vor allem
über SPD und DGB-Bürokratie zur vollsten Zufriedenheit funktioniert.
Faschismus und Demokratie sind sich gegenseitig ausschließende
Formen bürgerlicher Herrschart, wie Trotzki analysierte. Ein schleichender
Übergang von der einen zur anderen Form, eine "Faschisierung", kann nicht
stattfinden. Ein solcher Begriff dient vielmehr zur Desorientierung der
Arbeiterklasse bei der Einschätzung von Entwicklungen im bürgerlichen
Lager.
Wie ist dann die aktuelle Situation in der BRD zu
charakterisieren? Im Zuge der Wiedervereinigung ist ein Rechtsruck des
bürgerlich parlamentarischen Systems erfolgt, von dem faschistische
Gruppen außerhalb des Parlaments profitieren. Ein Ausdruck dieser
Rechtsentwicklung ist der sich steigernde deutsche Nationalismus, der
sich auf die gewachsene internationale Bedeutung des BRD-Imperialismus
gründet. Die ersten Ziele und Opfer sind die Immigranten; darüber
hinaus soll der Widerstand der gesamten Arbeiterklasse in Deutschland
kleingehalten werden, wie die Verfolgung der PDS durch die Bourgeoisie zeigt.
Die Exekutierung eines nach wie vor drohenden PDS-Verbots wäre kein Beweis
für die Existenz des Faschismus in Deutschland (so wenig wie das
KPD-Verbot 1956), sondern wäre vielmehr ein Ausdruck der jetzt
praktizierten demokratischen Politik, mit polizeilichen
Repressionsmitteln Errungenschaften der Arbeiterklasse in der bürgerlichen
Demokratie zu beschneiden (anstatt sie allesamt zu zerschlagen).
Gleichzeitig hält der bürgerliche Staat die faschistischen Gruppen an
der langen Leine und läßt sie bei ihrer mörderischen Arbeit
gegen Ausländer und Rote gewähren. Aktuell will er die
Faschisten jedoch nicht über die Stränge schlagen lassen.
Die Aufgabe der Arbeiterbewegung besteht darin, im Zuge der
allgemeinen Mobilisierung für sozialistische Ziele: erstens
diese Beschneidung der bürgerlich demokratischen Rechte zu verhindern. In
diesem Zusammenhang erhält die von uns erhobene Forderung nach vollen
staatsbürgerlichen Rechten für Immigranten eine zentrale
Bedeutung. Zweitens die Faschisten heute von der Straße zu fegen, damit
sie morgen keine Massenbewegung organisieren; d.h. mit Aktionseinheiten der
Linken und Arbeiter, mit gewerkschaftlich organisierten
Selbstverteidigungsgruppen der braunen Pest entgegen zu treten.
Die SpAD-Propaganda erweckt bewußt den Anschein, daß
das Vierte Reich gesiegt habe und bereits seinen Triumph auf den Knochen der
Arbeiterbewegung feiert. Es geht nicht um eine "Numerierung" bürgerlicher
Herrschaft in Deutschland, wie man uns auf SpAD-Veranstaltungen weismachen
wollte. Mit einer solchen Politik wird von den wirklichen Protagonisten eines
Vierten Reichs abgelenkt: Am 20. Oktober 1990 z.B. marschierte Kühnen mit
500 FAP-Mitgliedern unter Polizeischutz durch Dresden! Selbst in den eigenen
Reihen konstatiert die SpAD jetzt eine Konfusion über ihre Parole des
"Vierten Reichs".
Die Gründe, die hinter dieser bizarren SpAD-Propagandaachse
stehen, sind vielfältig. Zur TLD-SpAD-Geschichtsbewältigung
gehört u.a. das Trauma der selbstbescheinigten Kapitulation gegenüber
dem Nationalismus (Auflösungserklärung der TLD, Spartacist 12,
deutsche Ausgabe), der "Lager-Jargon ihrer internationalen Führung
(s. Teil IV, Dokument 6) sowie ihre üblen Denunziationen von Linken als
Spitzel, Faschisten bzw. Faschistenunterstützer. Davon sind nicht nur die
Mitglieder der IBT betroffen; z.B. beschimpfte die TLD in der Vergangenheit die
Autonomen als "trübes lumpenproletarisches Milieu, das auch
Polizeiprovokateuren zugänglich ist" (Spartakist 55/Jan./Feb. 1988). Ein
anderer Grund ist auch in der Ausrichtung des SpAD-Wahlkampfes zu finden: Mit
ihren Anklängen an die ultralinke Periode Stalins/Thälmanns 1928-33
versuchte die Organisation im stalinistischen Wasser zu fischen.
Mit 679 Stimmen weniger als im März bekam die selbsternannte
Avantgarde der deutschen Arbeiterklasse die Quittung für ihre Politik. Der
Spartakist wagte nicht, diese erneute Schlappe überhaupt zu diskutieren!
Wie uns kritische Geister in der SpAD mitteilen, gelang es der
SpAD-Führung noch nicht einmal, sämtliche Mitglieder von ihrer
internen Wertung - "Erfolg" - zu überzeugen. Diese Weigerung, die
bisherige Politik offen und ehrlich zu bilanzieren, sollte die
SpAD-Unterstützer, die bisher auf revolutionäre Besserung der
SpAD/IKL setzten, an ihrer Hoffnung zweifeln lassen.
4. Die Phobie der SpAD gegenüber der Sozialdemokratie...
Wir verstehen unter Wende der SpAD die Ablösung
ihrer SED-Einheit-Orientierung durch die kraftmeierische
Selbstdarstellung als revolutionäre Massenalternative. In
ihrer sektiererischen Haltung den sozialdemokratischen Arbeitern gegenüber
gab es keine Wende; sie prägt die Politik der TLD/SpAD seit 1989. Ihre
Phobie gegenüber der SPD bringt sie durch rituelle Wiederholungen von
Schlagwörtern wie "Bluthunde der SPD" zum Ausdruck. Nebenbei bemerkt, wir
können uns nicht daran erinnern, in den IKL-Publikationen der letzten
Jahre Trotzkis (ebenfalls allgemein korrekte) Charakterisierung des Stalinismus
als "Pest der internationalen Arbeiterbewegung" gelesen zu haben.
In der Vergangenheit wurde die SPD als "Trojanisches Pferd der
Konterrevolution in der DDR" bezeichnet - ein unsinniger Rückgriff auf die
Antike, da doch die Trojaner keine Ahnung über den Inhalt des Pferdes
hatten. In der DDR jedoch wußte jeder, daß von den
Oppositionsgruppen vor allem die SDP/SPD für den kapitalistischen
Anschluß kämpfte. Hypnotisiert von der (angeblich) marschierenden
proletarischen politischen Revolution, starren Blickes auf die SED-PDS, hielt
es die IKL gar nicht für nötig, sich Gedanken über den
wachsenden Einfluß der SPD in der DDR-Arbeiterklasse zu machen.
In ihrem ersten Flugblatt setzte sie die SDP mit den Windbeuteln
vom Neuen Forum gleich: "Die massenhaften Protestdemonstrationen, mit ihrer
eindrucksvollen Disziplin, sind weiterhin von kleinbürgerlichen
Kräften wie dem Neuen Forum und den Sozialdemokraten (SDP) dominiert"
(15.11.89; Hervorh. von uns). Erst später merkte sie einmal an: Die
Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands betont, daß die SPD das
Trojanische Pferd der Konterrevolution in der DDR ist. Die SPD ist in Lenins
Worten eine bürgerliche Arbeiterpartei, eine Partei, die auf den
Organisationen der Arbeiterklasse basiert, jedoch verpflichtet ist auf die
Verteidigung des Kapitalismus" (APK 27/13.03.90). Eine formal korrekte Position
- nur hatte sie keine Folgen, denn sie ist wiederum ausschließlich als
orthodoxes Feigenblatt gedacht.
Über die konterrevolutionäre Rolle der Sozialdemokratie
als bürgerliche Agentur in den Reihen der Arbeiter wollen wir uns mit der
SpAD/IKL gar nicht streiten. Kurz nach dem Zusammenbruch des Honecker-Regimes
schrieb die Gruppe IV. Internationale: "Die Kundgebung aller Parteien des
Abgeordnetenhauses, die Pfiffe für Kohl und der Jubel für Brandt und
Momper, unterstreichen noch einmal die Tatsache, daß vor allem die SPD
fähig ist, bis tief in die DDR hinein Illusionen in 'Freiheit und
'demokratischen Sozialismus' für die revanchistischen Ziele des
BRD-Imperialismus zu nutzen" (Flugblatt / 10.11.89). Unsere propagandistische
Stoßrichtung: "Keine Illusionen in SPD und SDP - nein zum Programm der
demokratischen Konterrevolution" (Forderungskatalog / 11.12.89) war umso
wichtiger, da sich die Illusionen der ostdeutschen Arbeiterklasse über die
SPD in den Jahrzehnten der SED-Alleinherrschaft hatten halten können -
erzeugt u.a. durch die Politik der Stalinisten selbst.
Mit der propagandistischen Aufdeckung dieser Rolle der SPD als
Speerspitze des deutschen Imperialismus in der DDR-Arbeiterklasse war aber
die Aufgabe von Leninisten keineswegs erfüllt. Für die IKL haben
Lenins Schrift "Der Linke Radikalismus ...", die Beschlüsse des in. und
IV. Weltkongresses der Komintern als auch Trotzkis Kampf gegen den deutschen
Faschismus keinerlei Bedeutung. Lenin und Trotzki zeigten die Notwendigkeit von
Einheitsfrontaktionen mit sozialdemokratischen Parteien, unter Voraussetzung
von Arbeitermassenillusionen über diese Agenturen, ohne auch nur ein
Jota vor der Politik der sozialdemokratischen Führungen
zurückzuweichen. Für die IKL war und ist das kein Thema.
Unter diesem Aspekt sei hier noch einmal Treptow erwähnt.
Eine Aufforderung an die SDP/SPD, sich an der Massenkundgebung gegen die
Faschisten zu beteiligen, war unabdingbar. Es ging auch darum, Arbeiter von der
SPD wegzubrechen. Eine Möglichkeit, deren Klassenbewußtsein zu
heben, war, die SPD-Führung vor der Kundgebung zu einer Stellungnahme
herauszufordern. Als Vogel, Böhme, Meckel & Co. dann nach dem
3. Januar 1990 die bürgerliche Hetze gegen die
Treptow-Kundgebungsteilnehmer initiierten, mußte natürlich die
antifaschistische Mobilisierung gegen die SPD-Kanaillen verteidigt werden.
Revolutionäre mußten für diese Verteidigung auch versuchen, die
Unterstützung von SDP-Arbeitern und SDP-Untergliederungen zu erhalten.
Zwei Wochen später skandierten faschistische Elemente auf der Leipziger
Montagsdemo "SDP = SED-PDS; Rote Raus". Dieses Beispiel, erläutert durch
eine revolutionäre Propaganda und verbunden mit einer leninistischen
Einheitsfrontpolitik, hätte SDP-Mitgliedern die Notwendigkeit eines
gemeinsamen Vorgehens gegen die Faschisten und ihre westdeutschen Drahtzieher
klarmachen können. Ein kleiner Schritt auf dem Weg der Verteidigung der
DDR wäre getan gewesen.
Die IKL dagegen weigerte sich, die SDP in eine Aktionseinheit
einzubeziehen und begründete dies eine Woche später damit, daß
die SDP keine "proletarische Massenbasis" habe (APK 18/12.01.90). Mit dieser
falschen Begründung wurde darüber hinweggegangen, daß gerade zu
Beginn des Zerfalls der DDR, als die Sozialdemokratie dort noch organisatorisch
schwach war. Revolutionäre an diesem dünnen Standbein zu sägen
hatten. Die TLD richtete ihre Aufforderung zu Treptow bewußt
ausschließlich an die SED-PDS. Für sie waren die
SDP/SPD-Arbeiter offensichtlich Bestandteil der "reaktionären Masse",
wobei sie auch noch die Stirn hatte, Trotzkis Schriften gegen den Faschismus
als Begründung dafür anzugeben (s. APK 16/08.01.90).
Wir behaupten, daß die IKL schon lange die Hoffnung auf die
Revolution aufgegeben hat. Trotz allen Geschreis - in Wahrheit hält es
diese Organisation für unmöglich, daß das Proletariat mit Hilfe
der Kommunisten im Klassenkampf den Reformismus überwinden kann. Das
läßt sich nicht nur festmachen an ihrer Haltung gegenüber
SDP/SPD-Arbeitern, sondern zeigt sich an ihrem Abstentionismus
gegenüber der reformistisch dominierten Arbeiterbewegung generell.
... und ihr Abstentionismus gegenüber den Betriebsräten
Eintags-Interventionen wie letztens in den Reichsbahnerstreik sind
beispielhaft für viele andere Streik-Nachlauf-Operationen der IKL in der
Vergangenheit. Sie sollen von der Unfähigkeit einer systematischen
Arbeit in Betrieben und Gewerkschaften ablenken.
Eine Bestätigung dieser These läßt sich nicht nur
durch eine Analyse der Praxis der SpAD/IKL finden, sondern wird auch durch die
Programmatik der IKL deutlich. Als Beispiel wollen wir die Haltung der SpAD zu
den Betriebsräten nennen. "Westdeutschlands Betriebsräte sind
schlicht und einfach Organe der Klassenkollaboration". "Betriebsräte
dienen im besten Fall eher (?!) der Spaltung der Arbeiterklasse, statt zu ihrer
Einheit beizutragen. .."(Spartakist 68 / 01.03.90), tönte die SpAD
während der westdeutschen Betriebsrätewahlen 1990 und verleumdete
damit kurzerhand alle linken Gewerkschaftsmilitanten. Dabei gehört es zum
ABC der revolutionären Betriebsarbeit, den Betriebsrat - ein Produkt der
deutschen Revolution von 1918-23 - wieder unter die direkte Kontrolle der
Belegschaft zu bringen. Auch in den Betriebsräten müssen Kommunisten
den Kampf gegen sozialdemokratische Klassenkollaboration, gegen das
Betriebsverfassungsgesetz und die darin enthaltene Verpflichtung zur
"vertrauensvollen Zusammenarbeit" mit den Kapitalisten, aufnehmen mit der
Perspektive der Bildung von Arbeiterräten.
In einer Polemik gegen R. Well (alias Sobolevicius, ein
Stalin-Agent in den Reihen der deutschen Trotzkisten vor 1933) schrieb Trotzki:
"Sie (die Well-Gruppe, Anm. von uns) stellen den
Betriebsräten, den Gewerkschaften, dem Parlamentarismus das -
Räte-System entgegen. Dazu gibt es im Deutschen einen schönen Vers:
'Schön ist ein Zylinderhut, wenn man ihn besitzen tut. Sie haben
nicht nur keine Räte, sondern noch nicht einmal eine Brücke zu ihnen,
keine Straße zu dieser Brücke, keinen Fußweg zu dieser
Straße. Pfemferts 'Aktion' verwandelt die Sowjets (Räte) in einen
Fetisch, in ein übersoziales Gespenst, einen religiösen Mythos. Jede
Mythologie dient den Menschen dazu, ihre eigene Schwäche zu verdecken oder
mindestens, sich mit ihr zu trösten... 'Weil wir auf den Tod
ohnmächtig sind, weil wir in den Betrieben nichts machen können,
so... so steigen wir zum Lohn dafür auf einmal in eine solche Höhe,
daß zu unserer Hilfe die Räte vom Himmel fallen'.- Da haben Sie die
ganze Philosophie der deutschen Ultra-Linken. Nein, mit dieser Politik habe ich
nichts gemein. Unsere Meinungsverschiedenheiten betreffen ganz und gar nicht
das deutsche 'Betriebsrätegesetz", sondern die marxistischen Gesetze der
proletarischen Revolution" (Schriften über Deutschland, S. 140).
Als wäre es für die IKL und insbesondere für deren
Intervention in die zusammenbrechende DDR geschrieben! Zu Tausenden suchten
Arbeiter Hilfe zum Aufbau von Betriebsvertretungen, um sich vor den Angriffen
der Kapitalisten und den "wendehälsigen" Fabrikdirektoren zu
schützen. Die "Hilfe", die sie fanden, war die des DGB und seiner
sozialdemokratischen Führung. Anstatt nun an diesen entstehenden Organen
der Arbeiterklasse anzusetzen und die Notwendigkeit von
Arbeiterräten zu entwickeln, und in diesem Kontext die
"sozialdemokratischen, mitbestimmungsorientierten sozialpartnerschaftlichen
Betriebsräte nach bundesdeutschem Vorbild" zu bekämpfen (s. Bulletin
2), stellte die SpAD mit ihrem schematischen, sektiererischen Propagandismus
die Arbeiterräte diesen Ansätzen entgegen. "So dient der
Aufruf zu Betriebsräten oft (?) dazu, ein Programm für die
Restauration des Kapitalismus zu verschleiern. Dagegen (!) ruft die
Spartakist-Arbeiterpartei auf: 'Arbeiter- und Soldatenräte an die Macht!'"
(Spartakist 68/01.03.90). Bei ihrer aktuellen Neuorientierung auf Betriebe und
Gewerkschaften plant die SpAD auf dieser programmatischen Grundlage nur ein
erneutes Desaster ein: "Wir kämpfen für die Unabhängigkeit der
Arbeiterklasse, das heißt unversöhnliche Opposition gegen die
klassenkollaborationistischen Einrichtungen wie Betriebsräte" (Aufgaben
und Perspektiven in: Internes Diskussionsbulletin 16, Februar 1991).
In ihrer Haltung zu den Betriebsräten bestätigt die SpAD
die Einschätzung, daß die IKL in Wirklichkeit schon seit langem den
tagtäglichen Kampf gegen das bürgerliche Bewußtsein in der
Arbeiterklasse (inklusive seiner sozialdemokratischen Variante) aufgegeben hat.
1980-81 "befreite" sich die Spartacist League (SL) - Führung (die
amerikanische Sektion der IKL) von allen führenden SL-Gewerkschaftern,
indem sie diese aus der Organisation säuberte; 1982 zog sie fast
sämtliche ihrer Betriebsräte zurück und liquidierte damit die
Ergebnisse von mehr als zehnjähriger harter revolutionärer
Gewerkschaftsarbeit. In Deutschland hat es die TLD/SpAD nicht geschafft, nach
über fünfzehnjähriger Existenz auch nur in einem Betrieb eine
minimale Verankerung zu erreichen; frühe Ansätze Ende der siebziger
Jahre wurden vom IKL-Regime zunichte gemacht.
Ultralinkes Sektierertum ist nur die Kehrseite des rechten
Opportunismus. Diese marxistische Binsen-Weisheit fand ihre Bestätigung am
1. Mai 1990. Trotz aller Phobie gegenüber der Sozialdemokratie formierte
die SpAD einen Block auf der SPD-dominierten Demonstration für
"Wiedervereinigung" (Aufruf der DGB-Bürokratie: "Wir wollen ein einiges
Deutschland") und passierte mit den Sozialdemokraten in trauter Eintracht...
das Brandenburger Tor.
Nachwort:
Robertson zieht offiziell Bilanz: Spuren verwischen,
Verantwortung abschieben, Lügen...
Als wir den größten Teil der vorliegenden
Broschüre bereits geschrieben hatten, erhielten wir Kenntnis vom aktuellen
IKL-Diskussionsstand über "den Kollaps des Stalinismus" (Spartacist 45-46,
englische Ausgabe). Die Mitgliedschaft der IKL scheint zunehmend unruhig zu
werden. Es gibt gute Gründe für diese Unruhe. Die IKL-Führung
weckte mit ihrer grotesken und falschen Darstellung der Ereignisse in der DDR
(eine proletarische politische Revolution statt eines vorübergehenden
Machtvakuums, entstanden aus dem Zusammenbruch der stalinistischen
Bürokratie) vollkommen unrealistische Erwartungen bei den
Unterstützern. In den Bemühungen, die Vorstellungen der Führung
zu erfüllen, wurde die Mitgliedschaft bis zum Äußersten
getrieben. Die Taktik der IKL war eine Mischung aus politischer Anlehnung an
die Stalinisten und einem Ersatz-Massenavantgardismus.
Die pseudo-theoretische Diskussion in Spartacist dient dazu, die
Verantwortung der Führung für das DDR-Fiasko vor der Mitgliedschaft
zu vertuschen. Das wirklich Unverschämte und für SpAD-Mitglieder
besonders Peinliche ist die Art der Umschreibung der jüngsten Geschichte
durch die IKL-Führung. Das beginnt mit der Form: Robertson wagt sich
vorerst nicht, in einem offiziellen Dokument Bilanz zu ziehen, sondern schickt
seine Schreiberlinge, Seymour und St. John, in gezeichneten Artikeln vor, die
"nicht notwendigerweise in allen Punkten die Meinung der Organisation
repräsentieren" (Spartacist-Impressum). Was dann "offiziös" von St.
John zur DDR vom Stapel gelassen wird, ist eine Mischung aus Entschuldigungen,
Schuldzuweisungen, Halbwahrheiten bis hin zu ausgemachten Lügen.
Besonders auffällig bei St. John ist das Herumscharwenzeln um
den "Genossen Andrews", der viermal in dem Artikel erwähnt wird,
während keinerlei Bezug genommen wird zu anderen Diskussionsteilnehmern.
Der Zynismus der Führung tritt klar zu Tage in St. John's Stellungnahme.
"Wir haben nie im Voraus beurteilt, was das Ergebnis unserer
Anstrengungen sein würde, die Partei und die Führung zu schmieden,
die für eine erfolgreiche politische Revolution in der DDR notwendig war"
(St. John in: Spartacist 45-46, SpAD-Übersetzung). Dies ist eine
ausgemachte Lüge, denn genau dieser Anspruch wurde vor und nach der
SpAD-Wende vertreten und war der tiefere Grund für die Euphorie und Panik
von Robertson & Co. Ohne auch nur ein Wort der Erklärung rückt
die IKL von ihrer zentralen Prämisse der proletarischen politischen
Revolution ab. St. John spricht von einer "potentiell revolutionären
Situation" (hört, hört!), Robertsons Redaktionskollektiv von einer
"anti-bürokratischen Revolution, der es von Anfang an an einer
organisierten Arbeiterklassen-Beteiligung mangelte, die rapide in die soziale
Konterrevolution hinüberglitt" (Spartacist 45-46). Wir haben belegt, wovon
die IKL früher ausging.
Nachdem die IKL-Führung auf der Grundlage einer erfundenen
politischen Revolution ihre Mitgliedschaft auf das erfolglose Nachjagen einer
nicht existierenden SED/PDS-Linke ausgerichtet hatte, verkündet sie nun,
daß das Programm der PDS, sowie das der anderen Linken in der DDR "...
den Interessen und den periodischen Impulsen der Arbeiterklasse um 180 Grad
zuwider liefen" (St. John, ebenda). Eine Antwort auf die Frage warum "... das
Proletariat in der DDR nicht in Aktion trat...", gibt St. John, indem er
Trotzki zitiert: "Arbeiter brechen gewöhnlich nicht ohne weiteres mit der
Partei, die sie zum bewußten Leben erweckt hat...". In der Tat
widerspiegelt die Illusion, "... die SED sei reformierbar ..." das "... falsche
Bewußtsein und das Kleben an der SED ..." (St. John, ebenda). Beim Lesen
dieses Textes scheint es schwer vorstellbar, daß die TLD eine Politik der
Anlehnung an die SED und/oder ihren imaginären linken Flügel
verfolgte, statt zu einem Bruch mit der SED aufzurufen. Nachdem der Nebel sich
gelichtet hatte und es offensichtlich wurde, daß keine politische
Revolution stattgefunden hatte, sondern der politische Zusammenbruch des
herrschenden stalinistischen Apparates, versucht die IKL immer noch vorzugeben,
daß ihre Analyse wenigstene teilweise sich bewahrheitet habe. St. John
berichtet: "In der DDR brach das stalinistische Regime zusammen, gefangen
zwischen Gorbatschow und der allgemeinen Empörung, und seine
Überbleibsel lieferten lieber den ostdeutschen Arbeiterstaat an den
deutschen Imperialismus aus, als das Proletariat an der Macht zu sehen"
(ebenda, Hervorh. von uns). Dieses würde auf Stalin in Spanien zutreffen,
als die Komintern die proletarische Revolution abwürgte, hier aber
läuft die Empörung der IKL darauf hinaus, der SED vorzuwerfen sich
nicht an die Spitze der proletarischen Revolution gestellt zu haben!
Während die BT und die Gruppe IV. Internationale zu einem Bruch mit der
SED und für die Organisierung von Arbeiterräten als Instrument
für den proletarischen Kampf um die Macht aufriefen, suchte die IKL einen
Block mit der SED. Das Flugblatt der BT von Januar 1990 warnte:
"Für die Arbeiter in der DDR besteht jetzt eine
kritische Gefahr. Keine der größeren Oppositionsgruppen hat das
Programm, um die DDR davor zu bewahren, eine zweitklassige Plantage des
westlichen Kapitalismus zu werden. Die Sozialdemokraten der SDP wollen
ausdrücklich zurück zum Kapitalismus, während die SED/PDS
Reformer ein konfuses Programm für einen nichtexistierenden 'dritten Weg"
durch 'soziale Marktwirtschaft' propagieren. Alle diese Wege führen
früher oder später zur kapitalistischen Konterrevolution. Die
Intellektuellen und Kombinatsmanager zeigen bereits unverhohlen ihren Appetit
auf die Bürokraten- und Führungsposten im Dienste des
BRD-Kapitalismus. Es gibt einen Weg, der weder zurück zum Kapitalismus
noch zurück zum Kommandismus der stalinistischen Bürokratie
führt. Seit Stalin den revolutionären egalitären Geist der
Dritten Internationale liquidiert hat, ließ nirgendwo ein stalinistisches
Regime die Existenz wirklicher Arbeitermacht auf der Basis demokratisch
gewählter Arbeiterräte zu. Überall stimmen die Stalinisten mit
den kapitalistischen Feinden der Arbeiterklasse darin überein, daß
das ökonomische Versagen der Staaten, die sie regten haben, beweist,
daß eine auf kollektiven Eigentumsformen basierende Planwirtschaft nicht
funktionieren kann. Gorbatschows Abbau der zentralisierten Planwirtschaft
zugunsten einer sogenannten Marktkonkurrenz führt zu ökonomischem
Chaos, Verarmung der Arbeiterklasse und antiproletarischem Nationalismus.
Gorbatschow, Modrow, Jaruzelski, Illiescu und Co. haben der Arbeiterklasse nie
getraut und sind unfähig, wirklichen proletarischen Internationalismus zu
verwirklichen. Nirgendwo hat selbst die weitestgehende "Reform" durch
Stalinisten zum Aufbau von Arbeiterräten aufgerufen oder diese Forderung
als Basis für die Macht im Staat unterstützt wie Lenin es 1917 tat.
Dies ist kein Zufall. Der Aufbau solcher Gremien kann nur durch die
Zerstörung aller Flügel der Bürokratie erfolgen" (1917,
Extra-Ausgabe, Januar 1990).
Die Zyniker der IKL versuchen ihre Aktivitäten und ihre Linie
dieser Periode neu zu interpretieren, um sie der grundsätzlich korrekten
Orientierung unserer beiden Vorgängerorganisationen anzugleichen. Sie
rühren dabei Trotzkis Analyse zu 1917 so aus: "... daß die
Bolschewistische Partei, obwohl sie Anfang 1917 eine kleine Partei mit
unbedeutender Unterstützung in der Arbeiterklasse war, sich eine
Massenbasis aneignen konnte, weil zuerst Lenin und dann die übrige Partei
eine sehr klare revolutionäre Konzeption hatten, die dem
tatsächlichen Verlauf der Revolution entsprach" (ebenda, Spartacist
45-46, Hervorh. von uns). Genau die fehlte der IKL.
Und warum erfüllte denn nun die DDR-Operation nicht die
Hoffnungen St. Johns, die er im Nachhinein als ganz bescheidene verstanden
wissen will? "..., die Versäumnisse der früheren Periode
(waren)wie Lenins (!) Probleme 1905 in erster Linie darauf
zurückzuführen, daß es politischen Widerstand dagegen gab, uns
den Massen zuzuwenden, sowie auf historische Schwächen der TLD selbst,
die mehr oder weniger hin- und herschwankte zwischen Sektierertum und
Passivität und der Tendenz, sich in eine strategischen Einheitsfront zu
liquidieren" (ebenda, Hervorh. von uns). Hat man Worte! Diejenigen, die
ihre Genossen in Deutschland in den Sumpf gerührt haben und Kontrolle
über jede einzelne Aktivität hatten, putzen ihre willigen Handlanger
als Sektierer und Kapitulanten herunter. Jetzt will man auch noch Robertson mit
Lenin vergleichen! Noch einmal: Kann man sich etwas Feigeres vorstellen als
diese Clique in New York, die, um ihre kleinen Posten und Privilegien zitternd,
jede politische Verantwortung auf ihre Subalternen ablädt?
Der von St. John geleisteten politischen Charakterisierung der TLD
können wir nur zustimmen; sie muß allerdings auf die gesamte IKL,
insbesondere auf ihre Führung ausgeweitet werden! "Abschließend sehe
ich keine Basis für die Sorgen, die von manchen geäußert
wurden, daß Genossen politisch entwaffnet sind, oder daß die
Ereignisse in Deutschland und Osteuropa theoretisch problematisch seien"
(ebenda). Wir von der IBT schon, angesichts einer derartig heuchlerischen
Aufarbeitung der eigenen Geschichte! Die Genossen in der IKL sollten sich erst
recht Sorgen machen und... Konsequenzen ziehen, angesichts der angelaufenen
Intervention ihrer Organisation in die Sowjetunion. Während Workers
Vanguard wieder daherkommt mit einer revolutionären Kritik des
Militärflügels der Bürokratie, müßten Parolen wie
"Stalins Erben verkaufen unser Mutterland aus" (WV 515/30.11.90) hellhörig
machen. Besonders nach den Erfahrungen der IKL in der DDR ist es klar,
daß der Chefkoch Robertson noch so manches ungenießbare
Süppchen auf dem Feuer stehen hat! St. John lüftet zudem ein wenig
den Vorhang über die impressionistischen Kalküle der IKL-Führung
in ihrer anfänglichen Euphorie über Teile der Stalinisten und
Sowjet-Kommandeure, wenn er auf Leipzig Oktober 1989 zu sprechen kommt
"Außerdem wurde Berichten zufolge auf Befehl des obersten sowjetischen
Befehlhabers in der DDR gegen die Massendemonstrationen in Leipzig am 9.
Oktober keine Waffengewalt angewendet. So war es einerseits Moskaus Politik,
daß weder die Rote Armee noch das ostdeutsche Militär irgendeine
Maßnahme zur Verteidigung des gefallenen Honecker-Regimes ergriff. Der
Ablauf ohne Blutvergießen erlaubte unseren Kräften einen sehr
breiten Handlungsspielraum" (Spartacist 45-46). Da ist er wieder, der
"gütige Druck der Roten Armee", der eine "friedliche politische
Revolution" möglich machte. Auch wir haben von diesen Gerüchten
über das Verhalten der Sowjetgeneralität gehört. Nur, ob wahr
oder falsch, es ändert nichts an der prinzipiellen Haltung von
Revolutionären gegenüber den sowjetischen
Militärbürokraten. Die IKL verbuchte deren defensives Verhalten als
irgendwo revolutionär. Wie wäre es dagegen mit der Erklärung,
daß die Passivität der Sowjetkommandierenden in der DDR als ein
Bestandteil des Kapitulationskurses Gorbatschows gegenüber dem
Imperialismus anzusehen ist?
Schließlich tischt uns die IKL eine bisher nie gehörte
Interpretation der DDR-Geschichte auf: Der Verrat der Stalinisten ließe
sich zentral an der Auflösung der ... Betriebskampfgruppen festmachen.
Nach St. John hatten sie "... das sehr reale Potential, der organisatorische,
politisch/militärische Dreh- und Angelpunkt der politischen Revolution zu
werden" (ebenda). Die Betriebskampfgruppen sind demnach für die IKL
heute so etwas wie das mögliche Zentrum der proletarischen
politischen Revolution gewesen. Mit dieser absurden Hoffnung enthüllt die
IKL ihre völlige politische Desorientierung. Die stalinistische
Bürokratie hatte die Betriebskampfgruppen aufgebaut, um ihre Macht zu
sichern und sie löste sie in dem Moment auf, wo sie meinte, ihre
Herrschaft nicht mehr halten zu können. Die Betriebskampfgruppen waren
ein Teil des bürokratischen Apparates- wie es scheint, wird ihnen
von der IKL eine Neigung zur politischen Revolution nur deshalb zugeschrieben,
weil sie eine "nationale interne Struktur" hatten. Vielleicht war es ja die
nationale interne Struktur der SED, die die IKL dazu bewog, diese Partei, oder
jedenfalls einen Flügel von ihr, als Instrument für eine politische
Revolution in Betracht zu ziehen.
Die Betriebskampfgruppen waren eine der Massenorganisationen der
stalinistischen Bürokratie, mit der diese Kaste ihre prekäre,
isolierte politische und soziale Stellung absichern wollte. Eine proletarische
politische Revolution, gestützt auf Arbeiterräte, hätte
auch diese stalinistische Formation aufgelöst. Neu aufzubauende
Arbeitermilizen hätten natürlich wesentliche Teile der
ehemaligen Betriebskampfgruppen inklusive ihres Waffenarsenals integrieren
müssen. Das ist aber etwas fundamental anderes als die
stalino-militaristische Sicht der IKL, in stalinistischen Organisationsformen
den Springquell der proletarischen politischen Revolution bzw. den Garanten
für die Verteidigung der Arbeiterstaaten zu sehen.
Teil II: Zur Geschichte der iST/IKL
1. Regime und Politik
Es ist nicht ausreichend, die einzelnen Zickzacks und die oft
widersprüchliche Politik der SpAD nur mit dem Begriff Zentrismus zu
charakterisieren. Wir werden im Folgenden kurz die Degeneration der IKL von
einer genuin revolutionären trotzkistischen Tendenz zu einer zunehmend
bizarren Organisation darstellen, deren politische Wendungen nicht aus einer
kohärenten politischen Theorie herrühren, sondern ihre Grundlage in
den bornierten persönlichen und organisatorischen Interessen der zentralen
Führungsclique haben.
In den sechziger und siebziger Jahren war die Spartacist League
die einzige revolutionäre Gruppe in der Welt. Ende der siebziger Jahre
jedoch begann die Gruppe sich von den revolution& |