Internationale Bolschewistische Tendenz (IBT) — Kapitalismus und Homophobie. Marxismus und der Kampf für die Rechte von Schwulen und Lesben In: Bolschewik 22 (2013) Nr. 30. S. 32, 23-31. — Version: 2013-01-17. — Geladen: 2017-12-11
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Kapitalismus und Homophobie

Marxismus und der Kampf für die Rechte von Schwulen und Lesben

Revolutionäre müssen danach streben, die Schwulenfrage sowohl aus wissenschaftlichen wie programmatischen Gründen zu verstehen. Marxisten haben immer danach gestrebt, die Gesellschaft als Ganze zu verstehen und eine historisch-materialistische Analyse aller sozialen Phänomene zu entwickeln — von den Produktionsverhältnissen über die Religion zur Familie und so weiter. Wie Lenin in Was Tun? bemerkte, reicht es nicht aus, nur solchen Fragen Aufmerksamkeit zu widmen, die unmittelbar das Proletariat betreffen:

Das Bewußtsein der Arbeitermassen kann kein wahrhaftes Klassenbewußtsein sein, wenn die Arbeiter es nicht an konkreten und dazu unbedingt an brennenden (aktuellen) politischen Tatsachen und Ereignissen lernen, jede andere Klasse der Gesellschaft in allen Erscheinungsformen des geistigen, moralischen und politischen Lebens dieser Klassen zu beobachten; wenn sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und materialistische Beurteilung aller Seiten der Tätigkeit und des Lebens aller Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden.
— W. I. Lenin, Was tun?, LW Bd. 5, S.426

Wir halten am leninistischen Parteikonzept der Partei des Proletariats als „Volkstribun“ fest, die danach strebt, die Arbeiterklasse in den Kampf gegen alle Formen von Unterdrückung im Kapitalismus zu führen und die Kämpfe der Unterdrückten mit dem Kampf für Arbeitermacht zu verbinden. Marxisten sind gegen jegliche kapitalistische Unterdrückung und sind in diesem Geist klar gegen die Verfolgung von sowohl männlichen als auch weiblichen Homosexuellen und anderen, die auf der Grundlage sexual-bezogenen Verhaltens unterdrückt sind, wie Transvestiten und Transsexuelle, Sado-Masochisten etc. So lange es ein informiertes Einverständnis zwischen den Beteiligten gibt, sind wir unnachgiebig gegen staatliche Intervention.

Der Kapitalismus konzentriert das Leid, das er verursacht, nicht in einer einzigen identifizierbaren Klasse, die leicht als vereinigte Kraft mobilisierbar wäre. Wenn das der Fall wäre, würde es unsere Aufgabe vereinfachen. Der Kapitalismus erzeugt Leid in scheinbar chaotischen Mustern, das es den Opfern überlässt, für ihre Interessen in Isolation von den anderen zu kämpfen — den Behindertengruppen, Migranten, religiösen Minderheiten, den Rentnern und Jugendlichen. Es ist die Aufgabe der revolutionären Partei die Interessen aller Unterdrückten zu verfechten und ihre Kämpfe um die Achse der proletarischen Revolution zu organisieren.

Volkstribun

Wie Lenin erklärte, muss ein Marxist:

der Volkstribun sein ..., der es versteht, auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen, der es versteht, an allen diesen Erscheinungen das Gesamtbild der Polizeiwillkür und der kapitalistischen Ausbeutung zu zeigen, der es versteht, jede Kleinigkeit zu benutzen, um vor aller Welt seine sozialistischen Überzeugungen und seine demokratischen Forderungen darzulegen, um allen und jedermann die welthistorische Bedeutung des Befreiungskampfes des Proletariats klarzumachen.
— W. I. Lenin, Was tun?, LW Bd. 5, S. 437

Dieses Konzept war kein temporärer taktischer Standpunkt, der vom unreifen Lenin angenommen wurde; die Verteidigung demokratischer Rechte und der Unterdrückten war integraler Bestandteil des Bolschewismus. Lenin war explizit gegen die Ansicht, als Marxist müsse man sich „nur mit der eigenen Klasse beschäftigen“ und lehnte den Rat der Menschewiki ab, von „den ‚blanquistischen Träumen‘, alle revolutionären Elemente des Volkes“ anzuführen, abzulassen. (W. I. Lenin, Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland, LW Bd. 16, S. 386f)

Der klassische Fall, in dem sich das Thema einer marxistischen Avantgarde als Volkstribun stellte, war die Dreyfus-Affäre. 1894 wurde der Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus, ein jüdischer Offizier des französischen Generalstabs, für Verrat vor ein Standgericht gestellt, degradiert und ins Gefängnis gesteckt. Als schließlich klar wurde, dass er unschuldig war, tat der rechte, klerikalistische, antisemitische Generalstab alles, um die Wahrheit zu unterdrücken. Von 1898 bis 1899 fanden regelmäßig Straßenschlachten zwischen Dreyfusiards (Intellektuelle, Sozialisten und bürgerliche Radikale) und der französischen Rechten statt. Während einige Linke argumentierten, dass die Arbeiterklasse kein Interesse daran hätte, einen bürgerlichen Militäroffizier zu verteidigen, der keine Verbindung mit der Arbeiterbewegung habe, erschütterte der Konflikt die Dritte Republik fast bis in ihre Grundfeste. Die Mehrheit der französischen Sozialisten verstand die Wichtigkeit, demokratische Rechte hochzuhalten und diesen Kampf mit der Bewegung gegen kapitalistische Herrschaft zu verbinden.

Historisch wurde Homosexualität aufgrund ihrer „Unnatürlichkeit“ und der vermeintlichen Bedrohung, die sie für die Reproduktion der Spezies darstellt, verfolgt. Diese beiden Rationalisierungen sind tatsächlich eng miteinander verbunden, da das, was angeblich an homosexueller Aktivität „unnatürlich“ ist, die Tatsache ist, dass sie nicht fortpflan­zungsfähig ist. Tatsächlich gibt es keinen Grund anzunehmen, Homosexualität hätte größeren Einfluss auf die Reproduk­tionsstatistiken als der zur Unterhaltung dienende heterosexuelle Geschlechtsverkehr, Masturbation oder Keuschheit.

Es ist einfach nicht möglich, sicher zu wissen, wie organische und soziale Konditionen interagieren, um sexuelle Präferenzen zu bestimmen, während es keine nachgewiesene biologische Funktion für einseitige Sexualität gibt, obwohl es klar ist, dass in der gegenwärtigen Gesellschaft es sehr substantiellen sozialen Druck gibt, der ausschließlich heterosexuelle Orientierung ermuntert. Eine tolerantere gesellschaftliche Atmosphäre könnte zu einem Anstieg homosexuellen Verhaltens führen, aber das impliziert nicht notwendigerweise einen proportionalen Anstieg von Leuten mit homosexuellen Bevorzugungen oder einen Rückgang im reproduktiv bedeutsamen heterosexuellen Verhalten. Sicherlich ist die Notwendigkeit, die menschliche Bevölkerung zu reproduzieren nicht durch Homosexualität bedroht; die Masse heterosexueller Aktivität, die für reproduktive Zwecke nötig ist, ist ein kleiner Anteil dessen, was vor sich geht.

Homosexualität vor dem Kapitalismus

Die Intensität des gesellschaftlichen Vorurteils und der rechtlichen Sanktionen, die gegen männliche und weibliche Homosexuelle angewendet werden, haben bedeutend in Zeit und Ort variiert. Im klassischen Altertum wurde Homosexualität (in bestimmten Formen) im allgemeinen akzeptiert. 1980 veröffentlichte ein Professor der Universität Yale, John Boswell, Christianity, Tolerance and Homosexuality, das beschrieb, wie es Mitte des elften bis Mitte des zwölften Jahrhunderts im katholischen Europa innerhalb des Priestertums eine wahrhafte Blüte explizit schwuler Aktivität und Schriften gab, einschließlich erotischer Lyrik. Dies deckte sich mit der Durchsetzung des Verbots priesterlicher Heirat, die bis dahin erlaubt gewesen war (wie noch heute in der osteuropäischen Kirche). Homosexuelle Priester waren unter den stärksten Unterstützern für das Verbot heterosexueller Heirat, aber die fundamentale Basis für die Änderung war, dass es für die Kirche notwendig wurde, sich an die feudale Produktionsweise anzupassen. In den meisten Feudalgesellschaften wurde das Land an den ältesten Sohn vererbt und dieses Prinzip hätte schnell die kirchlichen Ländereien dezimiert. Daher war es notwendig, den Klerus von der Heirat abzuhalten und Söhne zu bekommen.

Das Verbot heterosexueller Aktivität im Priestertum bedurfte entweder der Akzeptanz von Homosexualität als Norm oder, alternativ, ebenso des Verbots von homosexueller Aktivität. Über die Angelegenheit wurde auf dem Dritten Lateralen Rat 1179 entschieden, auf dem Strafen für Homosexualität eingeführt wurden. Diese Entscheidung spiegelte sich nicht sofort in den örtlichen Gesetzgebungen wider, aber zwischen 1250 und 1300 wandelte sich der Status von Sodomie in den meisten Ländern Europas von legal bis zur Todesstrafe.

Obwohl ihre Ursprünge in den Erfordernissen der Kirche lagen, ist es kaum verwunderlich, dass die Doktrin der Sodomie als eine besonders schändliche Sünde überall angewandt wurde oder dass sie bald ein kirchliches Verbrechen für die gesamte Bevölkerung und später ein Verbrechen vor den königlichen Gerichten wurde. Noch muss man sich darüber wundern, dass es eine ungleichmäßige Tendenz über einen Zeitraum hinweg gab, in dem das Verbot schrittweise seine Wirkung verlor.

Kapitalismus und die Kernfamilie

Die Verfolgung Homosexueller sank vom 14. bis zum 19. Jahrhundert und stieg dann bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stark an. Dieser Ausbruch der Homophobie steht eindeutig im Zusammenhang mit der Förderung der Familie als soziale Norm und dem damit verbundenen Verbot außerehelichen Geschlechtsverkehrs.

Im Kommunistischen Manifest von 1848 beschrieben Marx und Engels die proletarische Familie (im Unterschied zur bürgerlichen Familie) als rudimentäre und im Niedergang begriffene Institution. Dennoch wurde innerhalb von ein paar Generationen die Familie fest als charakteristische Form proletarischen häuslichen Lebens im Kapitalismus etabliert.

Die kapitalistische Produktionsweise benötigt keine besondere Form häuslichen Arrangements für die Arbeiterklasse. So lange es hinreichenden Nachschub neuer Arbeiter gibt, die ihre Arbeitskraft verkaufen, sollte die Art, wie sich die Reproduktion der Arbeiterklasse abspielt, zumindest abstrakt, kein Grund zentraler Besorgnis für die Bourgeoisie sein. In den frühen Tagen der industriellen Revolution war das proletarische häusliche Leben durch niedergehende vorkapitalistische, generationenübergreifende Familienformen gekennzeichnet. Der Übergang vom Feld zur Fabrik war traumatisch, gekennzeichnet durch massive soziale Beeinträchtigung und heimische Unordnung (verbunden mit Alkoholismus, Kindesmissbrauch usw.). Die Einstellung von Männern, Frauen und Kindern zu sehr langer Arbeitszeit zu geringsten Löhnen erwies sich als Hindernis für die Entwicklung der Kernfamilie. Das beschreibt das Manifest als „die bürgerlichen Redensarten über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern“ als die Entwicklung der Großindustrie bedeutete, dass „alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden.“ (MEW Bd. 4, S. 478)

Das Nichtvorhandensein stark strukturierter häuslicher Arrangements im frühen Proletariat diente dem Kapitalismus nicht gut. Es erwies sich nicht als einfach, das Kinderkriegen, Stillen und das Aufziehen in Fabriken und andere Unternehmen zu integrieren. Mit der Zeit akzeptierte die bürgerliche Gesellschaft, dass diese Funktionen am besten außerhalb der Fabriken stattfinden könnten. Das ist die materielle Grundlage der proletarischen Kernfamilie. Das ist ihr Ursprung und selbst heute ist das ihr Lebenszweck.

Die historische Entwicklung der Familie wurde durch die Notwendigkeit bestimmt, junge Arbeiter zu sozialisieren, sich um die Alten zu kümmern und ein Gesundheitswesen und emotionale Unterstützung für die arbeitende Bevölkerung zu gewähren. Sie wurde ideologisch durch die Praxis der herrschenden Klasse geformt (vorher entwickelt, um ihren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden).

Die Kernfamilie lieferte auch einen Maßstab an sozialem Zusammenhalt und Stabilität für die bürgerliche Ordnung. Ein männlicher Erwerbstätiger, auf der Arbeit erniedrigt, konnte sein Schicksal williger akzeptieren, wenn seinen sozialen Bedürfnissen zu Hause entsprochen wurden, wo er der „Boss“ war. Er wurde dadurch ein wichtiger Teilnehmer an der Prägung der nächsten Generation von Arbeitern zur Akzeptanz der hierarchischen Natur der Klassengesellschaft. Gleichzeitig bekräftigten seine häuslichen Verantwortlichkeiten die Macht des Unternehmers — ein Arbeiter musste seine abhängige Ehefrau und die Kinder berücksichtigen, bevor er den Vorarbeiter schlagen oder für einen Streik stimmen konnte.

Trotz all ihrer Nützlichkeit erwies sich die Familie als schwer in das Proletariat einzupflanzen und bedurfte bemerkenswerter ideologischer wie auch rechtlicher und materieller Unterstützung. In England gab es eine Reihe von Requisiten — von Fabrikgesetzgebungen, die die Arbeitsstunden von Frauen und Kindern begrenzten, über die Betonung plebejischer Keuschheit, bis zu Enthaltsamkeit und Selbstaufopferung durch zahlreiche nonkonformistische christliche Glaubensgemeinschaften. Am Ende des 19. Jahrhunderts, als die Hegemonie der Kernfamilie schrittweise etabliert war, verlängerte sich die Kindheit, Mutterschaft wurde als gehörige Vollzeitbeschäftigung für Frauen gefördert, Prostitution wurde ein gesetzloser Beruf und Homosexuelle wurden verachtet und schikaniert.

Die proletarische Kernfamilie und Homophobie

Die von Marx und Engels diskutierte Kernfamilie basierte auf der Prämisse, dass ein individueller bürgerlicher Mann ausschließlichen Zugriff auf seine Ehefrau haben musste (um zu garantieren, dass sein Eigentum schließlich durch seine eigenen Blutsverwandten geerbt wurde). Das bedurfte nicht des Verbots außerehelichen Geschlechtsverkehrs (ob hetero- oder auch homosexuell) für den Ehemann. Solche Aktivitäten bedrohten nicht die Eigentumserbfolge, also gab es keine offensichtliche Notwendigkeit für ihr Verbot. Jedoch machte die Errichtung der Kernfamilie als der primären häuslichen sozialen Institution für das Proletariat und andere plebejische Schichten solche Tabus notwendig.

Teilweise war das einfach eine Frage der Unterdrückung der Alternativen zur Kernfamilie mit ihren möglichen Effekten als Gegenbeispiele. Wenn man versucht, eine Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Glückseligkeit darin besteht, dass der Mann in der Fabrik arbeitet und seine Frau sich zuhause um die fünf Kinder kümmert — keine inhärent einfache Aufgabe — dann ist es nicht nützlich, akzeptablere häusliche Konstellationen zuzulassen. Homosexuelle Paare oder Single-Gruppen mit Zugang zu Prostituierten oder anderen bohemischeren Verbindungen könnten als interessanter, erfüllender oder materiell komfortabler betrachtet werden, als die Zugehörigkeit zu einer proletarischen Familie.

Es gibt einen weiteren, damit verbundenen Zusammenhang in der Entstehung der modernen Homophobie. Während des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts war eine wichtige, konditionierende Tatsache des häuslichen proletarischen Lebens, dass die Gesamtkosten des Aufziehens der nächsten Generation eine private Verantwortung waren statt einer gesellschaftlichen. Kinder konnten sich nicht selbst finanziell unterstützen, noch konnten das ihre Betreuer. Die Kernfamilie verlangte, dass Mütter und Kinder durch einen Mann unterstützt wurden, der produktiv genug sein musste, um einen ausreichenden Lohn für diesen Zweck zu besitzen. Das machte erforderlich, dass sich das Kinderkriegen verzögerte, was wegen des Mangels an modernen Technologien der Familienplanung einen hohen Grad an Keuschheit unter Teenagern verlangte. Das wurde nicht einfach erreicht. Es schloss einen gewissen Grad an Frustration und sozialen Spannungen mit ein und erforderte die Unterstützung durch eine respekteinflößende Religion wie auch staatliche Intervention durch Volljährigkeitsgesetze und dergleichen.

Es macht Schwierigkeiten, heterosexuellen Geschlechtsverkehr von Teenagern zu verbieten, wenn man homosexuelle Aktivität zulässt, es sei denn, die Homosexualität von Teenagern wird vorsichtig institutionalisiert, wie in englischen Public Schools. Daher gab es im späten 19. Jahrhundert eine bemerkenswerte Angst, dass ohne mächtigen Gegendruck libidinöse männliche Teenager ihre sexuellen Energien in eine homsexuelle Richtung kanalisieren würden. Die Furcht, Heterosexualität würde dem homosexuellen Ansturm unterliegen, wurde in dieser Zeit oft als Rechtfertigung für anti-homosexuelle Maßnahmen genannt. Die Angst vor der „Korrumpierung der Jugend“ zusammen mit der Wichtigkeit, die Macht des Vaters in der Familie gegen einen homosexuellen Rivalen aufrechtzuerhalten, waren die Leitmotive der anklagenden Anwälte, Richter und Zeitungen während des Prozesses gegen Oscar Wilde in den 1890er Jahren, die in der Artikulierung und Strukturierung schwulenfeindlicher Moral in Britannien und anderswo zentral waren (siehe beispielsweise H. Montgomery Hyde, Oskar Wilde, 1976).

Frauen wurden als gesellschaftlich weniger wichtig und im wesentlichen als asexuell betrachtet. Ihr Sexualleben war daher nicht solch aktiver Verfolgung unterworfen. Junge Frauen wurden weit strenger überwacht als Männer und waren weit häufiger an das Haus gebunden. Der größere Erfolg in der Unterdrückung weiblicher Sexualität von Teenagern bedeutete, dass Lesbentum größtenteils ignoriert wurde und allgemein die Extreme homophober Vorurteile den Männern vorbehalten waren. Lesbische Aktivität wurde generell beschrieben als Frauen, die „männliches“ Verhalten an den Tag legen.

Die frühen Sozialisten und Homophobie:
der Fall Schweitzer

Es gibt eine nennenswerte Geschichte der Opposition gegen die Unterdrückung von Homosexuellen in der Arbeiterbewegung, besonders in Deutschland, Heimat der größten und einflussreichsten sozialistischen Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Im August 1862 genossen zwei ältere Damen einen ruhigen Spaziergang durch einen öffentlichen Park in Mannheim, als sie an einem jungen talentierten Rechtsanwalt mit Namen Johann Baptist von Schweitzer und einem nicht identifizierten Jugendlichen in einer höchst kompromittierten Situation vorbei kamen. Als Ergebnis dessen verbrachte von Schweitzer zwei Wochen im Gefängnis und ihm wurde die Lizenz entzogen. Es wurde nahe gelegt, dass dieser Vorfall ihn für die Mitgliedschaft in Ferdinand Lassalles Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein untauglich machte (siehe James D. Steakley, the Homosexual Emancipation Movement in Germany, 1975). Lassalle verteidigte Schweitzer wie folgt:

Was Schweitzer gemacht hat, ist nicht schön, aber ich betrachte es kaum als Verbrechen. In jedem Fall können wir jemanden mit solch großer Fähigkeit nicht verlieren, in der Tat eine phänomenale Persönlichkeit. Langfristig ist sexuelle Aktivität eine Frage des Geschmacks und sollte jeder Person überlassen werden,sofern er nicht die Interessen eines anderen beeinträchtigt. Ich würde aber meine Tochter nicht einem solchen Mann zur Heirat geben.
— John Lauritsen und David Thorstad, The early Homosexual Rights Movement (1864-1935), New York, 1974 [Eig. Übers.]

Lassalle starb 1864 als Resultat eines Duells (um eine Frau) und Schweitzer wurde die nächsten acht Jahre Anführer der Lassalleaner. Während die Eisenacher, die Gruppe, die Marx und Engels unterstützten, sich scharfe politische Debatten mit den Lassalleanern lieferten, schienen diese Polemiken nicht durch Schwulenfeindlichkeit vergiftet gewesen zu sein. Im Mai 1875 fusionierten die zwei Gruppen, um die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) zu bilden, die die leitende Sektion der Zweiten (Sozialistischen) Internationale wurde.

Die SPD und die Schwulenfrage

August Bebel (ein Führer der Eisenacher und die überragende Führungsperson der SPD) sprach sich in einer Reihe von Fällen im Reichstag für die Verteidigung von Homosexuellen und gegen die Strafvorschriften des Gesetzbuches aus. Er wird zitiert, einmal gesagt zu haben:

Aber Herrschaften, Sie haben keine Ahnung, wie viele respektable, ehrenhafte und mutige Männer in hohen und den höchsten Positionen von Jahr zu Jahr in den Selbstmord getrieben werden, einer aus Scham, ein weiterer aus Angst vor dem Erpresser.
— Lauritsen und Thorstad, ebenda, [Eig. Übers.]

Ein Fall, den deutsche Marxisten aufgriffen, war der von Oscar Wilde in England, der 1895 unter dem Labouchere Amendment strafverfolgt wurde, das homosexuelle Aktivität kriminalisierte. Eduard Bernstein, ein führender Theoretiker des rechten Flügels der SPD, schrieb einen umfangreichen Artikel, der Wilde verteidigte, in den April- und Mai-Ausgaben 1895 der Neuen Zeit. Bernstein kommentierte:

Obwohl der Gegenstand des Sexlebens als geringe Priorität für den ökonomischen und politischen Kampf der Sozialdemokratie erscheinen mag, bedeutet das trotzdem nicht, dass es nicht obligatorisch wäre, einen Standard auch für die Beurteilung diese Seite des gesellschaftlichen Lebens zu finden, einen Standard, basierend auf einer wissenschaftlichen Herangehensweise und Wissen, statt mehr oder weniger willkürlichen moralischen Kon­zepten.
— Ebenda [Eig. Übers.]

Er wies die Ansicht zurück, dass homosexuelle Handlungen als „unnatürlich“ verfolgt werden sollten, und strich heraus, dass sehr wenige der Dinge, die Menschen tun, „natürlich“ sind — einschließlich der Durchführung einer schriftlichen Diskussion. Er bemerkte, dass Urteile darüber, was natürlich oder unnatürlich für Menschen ist, Reflexionen des Entwicklungsstands der Gesellschaft, und nicht der Natur, seien, und stellte fest, dass „moralische Einstellungen historische Phänomene“ sind. Bernstein bemerkte, dass in den meisten großen Zivilisationen des Altertums (Ägypter, Griechen und Römer) homosexuelle Liebe frei praktiziert wurde, und führte aus, dass: „gleichgeschlechtlicher Sex so alt und weitverbreitet ist, dass es keine Stufe der menschlichen Kultur gibt, von der wir mit Sicherheit sagen könnten, dass sie frei von diesem Phänomen war.“ [Eig. Übers.] Er verurteilte Theorien von Homosexualität als Krankheit als eine Form des versteckten Moralismus, was ein anderer Sozialdemokrat, Adolf Thiele, in einer Debatte im Reichstag 1905 als Thema aufgriff. Karl Kautsky, der den linken Flügel der SPD repräsentierte, wandte sich ebenfalls gegen die Unterdrückung Homosexueller. Trotz der öffentlichen Erklärungen vieler ihrer prominentesten Repräsentanten bezog die Partei als Ganze dennoch keine Position zu dem Thema.

Die Gründer der marxistischen Bewegung teilten viele der Vorurteile ihrer Zeit zur Homosexualität. Marx machte anscheinend nur eine einzige schriftliche Bemerkung zu der Frage, obwohl er 1869 Engels ein Buch von K. H. Ulrich zu dem Thema weitergab, der der Erste war, der ernsthaft für die Liberalisierung des Gesetzes zur Homosexualität wirkte. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Marx das Buch überhaupt gelesen hatte (höchstwahrscheinlich Die Geschlechtsnatur des mannliebenden Urnings), das ihm von Wilhelm Strohn geliehen wurde, einem deutschen Kommunisten, der in Bradford lebte. In einem Brief an Engels vom 17. Dezember 1869 bemerkte Marx: „Strohn kehrt von hier nach Bradford zurück und wünscht, daß Du ihm die Urnings, oder wie das Päderastenbuch heißt, zuschickst.“ (MEW Bd. 32, S. 421) Engels hatte das Buch in einem Brief an Marx vom 22. Juni 1869 kommentiert. Er leitete seine Ausführungen mit einer Beschwerde ein, dass Wilhelm Liebknecht, ihr deutscher Gesinnungsgenosse, gegenüber den Lassalleanern zu nachgiebig sei, die von Schweitzer geführt wurden:

Das ist ja ein ganz kurioser „Urning“, den Du mir da geschickt hast. Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an, sich zu zählen und finden, daß sie eine Macht im Staate bilden. Nur die Organisation fehlte, aber hiernach scheint sie bereits im geheimen zu bestehen. Und da sie ja in allen alten und selbst neuen Parteien, von Rösing zu Schweitzer, so bedeutende Männer zählen, kann ihnen der Sieg nicht ausbleiben. „Guerre aux cons, paix aux trous-de-cul“ [Krieg den vorderen, Friede den hinteren Leibesöffnungen — Übersetzung: MEW], wird es jetzt heißen. Es ist nur ein Glück, daß wir persönlich zu alt sind, als daß wir noch beim Sieg dieser Partei fürchten müßten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen. Aber die junge Generation! Übrigens auch nur in Deutschland möglich, daß so ein Bursche auftritt, die Schweinerei in eine Theorie umsetzt und einladet: introite [tretet ein — Übersetzung: MEW] usw. ... Wenn der Schweitzer zu etwas zu brauchen wäre, so wäre es, diesem sonderbaren Biedermann die Personalien über die hohen und höchsten Päderasten abzulocken, was ihm als Geistesverwandtem gewiß nicht schwer wäre.
— MEW Bd. 32, S. 324f

In seinem veröffentlichten Werk machte Engels nur drei unaufgeklärte und moralistische Bemerkungen (alle innerhalb eines kurzen Teils des zweiten Kapitels seines wegweisenden Werkes Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats).

Homosexualität im zaristischen Russland

Im Russland unter den Zaren war das Klima relativ liberal. Russland hatte nicht die feudale Welle der Homophobie erlebt, die durch Westeuropa schwappte. Die Romanow-Dynastie versuchte Ende des 19. Jahrhunderts, kapitalisti­sche Industrie zu implantieren, aber sie drängte nicht darauf, die proletarische Kernfamilie zu fördern. Es gab nur zwei Paragraphen im zaristischen Strafgesetzbuch, die mit Homosexualität zusammenhingen. Paragraph 995 verbot Analsex (aber keine anderen homosexuellen Aktivitäten) und Paragraph 996 behandelte homosexuelle Vergewaltigung und die Verführung von männlichen Minderjährigen oder geistig zurückgebliebenen Männern (siehe: Simon Karlinsky in Hidden from History: Reclaiming the Gay and Lesbian Past, London 1989 [Eig. Übers.]). Ein von Karlinsky zitierter Historiker behauptet, dass die einzige bekannte Verfolgung unter diesen Paragraphen in den 1890ern einen männlichen Lehrer betraf, der einen dreizehnjährigen Schüler verführte — innerhalb von fünf Jahren war der Lehrer zurück an seinem Arbeitsplatz.

In den 1890ern gab es eine Reihe prominenter schwuler Gruppen in Russland. Der flamboyante Großherzog Sergei Alexandrowitsch nahm seinen derzeitigen Liebhaber regelmäßig zu öffentlichen Auftritten mit. Die Gruppe um Diaghilew versteckte ihre Homosexualität nicht und es gab auch ein sehr bedeutendes schwules literarisches Milieu, einschließlich der nationalen Berühmtheiten Kusmin und Kliujew. „Ihre Homosexualität war allen bekannt und bereitete in ihrem sozialen und beruflichen Leben keine Probleme“ (Karlinsky, ebenda [Eig. Übers.]).

In diesem relativ liberalen Klima waren die Bolschewiki (wie vor ihnen Marx und Engels) nicht gezwungen, das Thema der Unterdrückung von Homosexuellen anzusprechen und man nimmt an, dass weder Lenin noch Trotzki irgendetwas über das Thema vor oder nach der Oktoberrevolution geschrieben haben. Es ist jedoch ziemlich klar, dass Trotzki eine entspannte und tolerante Einstellung zu der Frage hatte. In Literatur und Revolution, veröffentlicht 1924, schrieb er einige Literaturkritiken von offen homosexueller Poesie ohne homophobe Voreingenommenheit. Er schrieb auch einen sympathisierenden — beinahe zärtlichen — Nachruf in der Prawda vom 19. Januar 1926 auf Sergei Esenin, einen öffentlich bisexuellen Poeten (siehe Leon Trotsky on Literature and Art, New York 1972).

Homosexualität nach der Russischen Revolution

Nach der Russischen Revolution verwarf das revolutionäre Regime alle zaristischen Gesetze, die „revolutionärem Gewissen und revolutionärem Rechtsbewusstsein“ zu widersprechen schienen (Dekret zu Rechtsfragen des Rats der Volkskommissare, 5. Dezember [22. November] 1917). Dieses Vorgehen dekriminalisierte implizit Homosexualität und so war, als das neue Strafgesetzbuch nach dem Bürgerkrieg 1922 bekannt gemacht wurde, jegliche Erwähnung der Homosexualität entfernt.

Die progressive Einstellung des Regimes zur Schwulenfrage wurde durch die Anstellung von Georgi Tschitscherin, einem extravaganten und offen schwulen Volkskommissar für Außenpolitik Anfang 1918 gezeigt. Kein bürgerlicher Staat hätte einer solchen Person die Verantwortung für die Außenpolitik übertragen.

(Tschitscherins frühe Beziehung und fortgesetzte Korre­spondenz mit dem überragenden schwulen russischen Poe­ten, Michail Kusmin, wurde von John E. Malmstead dokumentiert, Mikhail Kuzmin: A Chronicle of His Life and Times [auf Englisch] in Band III von Kusmins gesammelter Poesie, Sobranie stikhotvorenii [auf Russisch], herausgegeben von Malmsted und Vladimir Markow, München 1977. Eine Darstellung seiner unkonventionellen Kleidung und seines Arbeitsstils als Außenpolitischer Kommissar kann in Alexander Barmines One Who Survived: The Life Story of a Russian under the Soviets, New York, 1945 gefunden werden.)

Die wissenschaftliche Meinung in der frühen Sowjetunion wurde nicht durch eine „Generallinie“ bestimmt, aber viele frühe sowjetische Sexualwissenschaftler scheinen eine pro­gressive Einstellung gegenüber der Homosexualität gehabt zu haben. 1923 schrieb Dr. Grigorii Batkis, der Direktor des Moskauer Instituts für Sozialhygiene, die folgende zustimmende Beschrei­bung des neuen Gesetzbuches:

Sowjetische Gesetzgebung gründet sich auf das folgende Prinzip: Sie erklärt absolute Nichteinmischung des Staats und der Gesellschaft in sexuelle Fragen, solange niemandes Interessen verletzt werden. Was Homosexualität, Sodomie und zahlreiche weitere Formen sexueller Befriedigung betrifft, die in europäi­scher Gesetzgebung als Verstöße gegen die öffentliche Moral gewertet werden — behandelt die Sowjetge­setzgebung diese genauso wie sogenannten „natürlichen“ Verkehr. Nur wenn Zwang oder Nötigung angewendet wird, wie im allge­mei­nen wenn es eine Verletzung oder einen Missbrauch der Rechte einer anderen Person gibt, ist sie eine Frage der Strafverfolgung.
Die Sexualrevolution in Russland (Berlin 1925, scheinbar wurde ein Nachdruck eines russischen Originals, 1923 veröffentlicht, zitiert in Lauritsen und Thorstad, ebenda) [Eig. Übers.]

Zur gleichen Zeit verharrten jedoch auch Experten auf der Ansicht, Homosexualität sei eine ernsthafte Krankheit. In Sexual Life of Contemporary Youth, veröffentlicht 1923 vom State Publishing House, behauptete Israel Gel'man:

Die Wissenschaft hat nun mit einer Präzision herausgefunden, die jegliche Zweifel ausschließt, [dass Homosexualität] keine böse Absicht oder ein Verbrechen, sondern eine Krankheit ist... Die Welt einer weiblichen oder eines männlichen Homosexuellen ist pervertiert, sie ist der normalen sexuellen Attraktion fremd, die in einer normalen Person existiert.
— zitiert von Karlinsky, ebenda [Eig. Übers.]

Mit der Zeit, als die stalinistische Bürokratie schrittweise die Machthebel im sowjetischen Arbeiterstaat übernahm, gewann diese Sichtweise der Homosexualität an Einfluss. Ein Symptom der sich verschlechternden Situation der Schwulen war der schnelle Verlust von Tschitscherins Einfluss nach Lenins Tod Anfang 1924. Als das Große Medizinische Lexikon 1929 veröffentlicht wurde, war die Homosexualität als völlig krankhaft eingestuft. Homosexuelle wurden zunehmend verfolgt — die alte deutsche Revolutionärin Klara Zetkin intervenierte zugunsten einiger der Opfer.

Schließlich wurde Homosexualität 1933/34 erneut formal kriminalisiert. Die Wiedereinführung staatlich unterstützter Homophobie, wie die damit einhergehenden Angriffe auf Frauenrechte (zum Beispiel die neuerliche Kriminalisierung von Abtreibung) zielte auf die Stärkung der Kernfamilie als Grundeinheit einer konservativen Gesellschaftsordnung ab.

Stonewall und danach

In den letzten paar Jahrzehnten ist die Sichtbarkeit und die politische Schlagkraft der homosexuellen Bevölkerung bemerkenswert gewachsen, besonders in Europa, Nordamerika und Australasien. Ein wichtiger Faktor dieser Entwicklung waren die militanten politischen Kämpfe für Homosexuellenrechte, signalisiert durch das Stonewall Riot von 1969 in New Yorks Greenwich Village. Die aggressive und selbstbewusste Schwulenbefreiungsbewegung der frühen 70er Jahre entwickelte sich im Kontext einer allgemeinen politischen Wende und einer Liberalisierung der generellen Einstellung gegenüber Sexualität nach links . Das explosive Wachstum der Frauenrechtsbewegung in dieser Periode stellte die Legitimität der „normalen“ patriarchalischen Familie auf den Prüfstand. Teile der Frauenbewegung umfassten Lesbentum („frauenidentifizierte Frauen“) als den konsequentesten Ausdruck des Feminismus.

Der begrenzte Fortschritt, den Schwule und Lesben feststellten, ist integral verbunden mit den Änderungen der Funktionsweise der Kernfamilie. Das Wachstum des Angestelltensektors mit Jobs, die von beiden Geschlechtern durchgeführt werden können, die massive Expansion der weiblichen Arbeitskräfte und die Unmöglichkeit, Lebensstandards durch einen einzelnen (männlichen) Lohn aufrechtzuerhalten, unterminierten traditionelle Stereotype über die „rechtmäßigen Plätze“ von Frauen und Männern in der Welt. Eine weitere wichtige Veränderung — verbunden mit der größeren Effektivität von Verhütungstechniken — war die Kapitulation vor dem Sextrieb der Teenager. Weitverbreitete heterosexuelle Aktivität von Teenagern reduzierte wiederum die „Gefahr“, dass Lust, die sich anderenfalls in eine heterosexuelle Richtung entwickeln würde zur Homosexualität umgeleitet werden könnte und beugt dem Bedarf nach Sondermaßnahmen gegen diese „Gefahr“ vor. Homosexuelle Aktivität ist immer noch ein mögliches Gegenbeispiel zur Kernfamilie, aber in Gesellschaften, in denen außerehelicher Sex toleriert wird, ist diese Bedrohung lediglich eine von vielen.

Dennoch bleibt die Kernfamilie eine machtvolle Institution in der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Sie ist es, wo den wichtigsten emotionalen Bedürfnissen der Individuen (nach Liebe, Intimität und emotionaler Sicherheit) vermeintlich entsprochen werden soll. Selbst für diejenigen, deren Familienerfahrung eine von Elend und Entfremdung ist, übt der Mythos weiterhin bemerkenswerten Einfluss aus. Mit der Unterhöhlung des Lebensstandards der Arbeiterklasse, dem Kollaps sozialer Dienstleistungen und einem wachsenden Grad an chronischer Arbeitslosigkeit innerhalb der Großstädte der imperialistischen Hochburgen ist die proletarische Familie auch zu einer zunehmend wichtigen Quelle der Unterstützung für einen bedeutenden Teil junger Erwachsener geworden, die andernfalls Not leidend wären. Darüber hinaus, zumindest innerhalb der Schichten der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums, die wohlhabend genug sind, um Immobilien oder anderen wichtigen materiellen Besitz zu haben, wirkt elterliche Kontrolle über mögliche Erbschaften als disziplinierender Mechanismus auf ähnliche Weise wie innerhalb des Bürgertums.

Die zu verzeichnenden Errungenschaften der Schwulen und Lesben in den vergangenen paar Jahrzehnten sind substantiell, aber sie sind auch fragil und umkehrbar. Außerehelicher Geschlechtsverkehr und besonders Homosexualität werden immer noch von mächtigen Kräften heftigst verdammt, sowohl von klerikal-fundamentalistischen als auch säkular-konservativen Charakteren. Die rasende Opposition im Pentagon (und dem Großteil des Kongresses) gegen Bill Clintons vorsichtige Gesten, offen Schwule und Lesben im Militär dienen zu lassen, hat als wichtige Erinnerung daran gedient, wie prekär die Rechte von Homosexuellen sind. Letzten August [1994] stimmte der US-Senat mit überwältigender Mehrheit dafür, “Bundesgelder für Schulen zu streichen, in denen die Akzeptanz von Homosexualität als Lebensstil gelehrt wird“ (New York Times, 2. August 1994). Eins der genannten Materialien, die als „ekelhaftes, obszönes Material“ den Schülern geliefert wird, war ein Buch über ein lesbisches Paar mit dem Titel Heather has two Mommies [Heather hat zwei Mamas].

Da die Logik des globalen wirtschaftlichen Wettbewerbs die Kapitalisten fortwährend dazu treibt, den Druck auf die Lebensstandards der Arbeiterklasse zu erhöhen, sind die Bindungen, die einst die Menschen in der Kernfamilie zusammenhielten, zum Zerreißpunkt gespannt oder sogar darüber hinaus. Homosexuelle, „säkulare Humanisten“, Befürworter des Rechts auf Abtreibung und Feministinnen werden als Sündenböcke für den Zusammenbruch des Familienlebens benutzt, während „Familienwerte“ zum Schlagwort der gesellschaftlichen Reaktion werden.

Die sich überschneidenden abtreibungsfeindlichen, anti-pornographischen und schwulenfeindlichen Kampagnen bereiten ein natürliches Rekrutierungsfeld für Faschisten, die gegenwärtig in Europa und Nordamerika Zuwachs haben. Oft wird das Verprügeln von Schwulen als Organisationsmittel dieser fanatischen Verteidiger der kapitalistischen Irrationalität und Ungleichheit benutzt.

Die globale AIDS-Pandemie

Die AIDS-Epidemie trug zum Anstieg moralischer Panik bei, die dazu benutzt wird, um schwulenfeindliche Vorurteile zu nähren, eine generelle Angst vor Sex zu fördern und Religion zu stärken. Vorbeugung, Pflege und Forschung zu HIV/AIDS wurden skandalös unterfinanziert durch die kapitalistischen Herrscher der „Neuen Weltordnung“. Wie jedes andere soziale Übel unter dem Kapitalismus trifft AIDS diejenigen am unteren Ende der sozialen Leiter am härtesten.

Im Zentrum des Imperialismus sind es diejenigen, die am stärksten vom im Niedergang begriffenen Gesundheitswesen abhängig sind — die Armen und die unterdrückten Minderheiten — die am meisten leiden. Die bitterarmen Neo-Kolonien wurden natürlich weit stärker getroffen als die imperia­listischen Länder, mit wachsenden Anteilen der Bevölkerung in den produktivsten Altersgruppen behindert und sterbend.

In den letzten Jahren haben Schwule und Lesben aggressiv für mehr Mittel für die Bekämpfung von AIDS geworben und einige der auffallendsten Beispiele der Vernachlässigung und des Missbrauchs aufgedeckt. Wir respek­tieren den bemerkenswerten Mut, den diese Aktivisten in der Konfrontation mit dem medizinischen Establishment und dem Staat gezeigt haben und streben nach Möglichkeiten gemeinsamer Arbeit mit ihnen in der Zukunft. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass tiefer gehende soziale Schich­ten sich an diesen Kämpfen beteiligen und besonders, dass die Organisationen der Arbeiterklasse diese Themen als wichtigen Teil des Kampfs für ein kostenloses universelles Qualitäts-Gesundheitswesen aufgreifen.

Marxisten erkennen jedoch, dass an Homosexualität oder am Kampf gegen AIDS nichts von Natur aus Revolutionäres ist. Die Errungenschaften, die von Schwulen und Lesben in den letzten Jahrzehnten gewonnen wurden, haben zu einer aufstrebenden Kaste offen homosexueller Professioneller geführt (viele mit der AIDS-Industrie identifiziert), die verzweifelt nach bürgerlicher Respektabilität streben.

Taktiken in der Schwulenbewegung

Die Taktiken politischer Schwulengruppen variieren stark in ihrer Wirkung. Ein Ansatz, der das auffällige Zeigen homosexueller Zuneigung an unerwarteten Orten involviert, soll Heterosexuelle schockieren und so ihr Bewusstsein ändern. Dies ist harmlos, und wir verteidigen natürlich das Recht von Homosexuellen, offen über ihre sexuelle Orientierung zu sein. Aber als politische Strategie geht es davon aus, dass die Wurzel der Homophobie eher im Bewusstsein von Individuen liegt als in den Voraussetzungen der sozialen Ordnung im Kapitalismus.

Ein anderer Ansatz ermutigt Schwule und Lesben ihr „coming out“ weniger auffällig zu haben ‒ nämlich offen über ihre Sexualität im Alltag zu sein. Das „Coming Out“ wird von den meisten Homosexuellen nicht als politische Strategie, sondern als persönlicher Schritt hin zu Selbstbewusstsein und Anpassung gesehen, der vom einzelnen gemacht wird, abhängig von seinen/ihren persönlichen Umständen. Es gibt immer noch viele Homosexuelle die sich verständlicherweise davor fürchten geoutet zu werden und die ihr Recht auf Privatsphäre schätzen und sich nicht outen wollen.

Unvermeidlich sind viele bürgerliche Funktionäre verdeckte Homosexuelle und einige von ihnen mögen in die schlimmsten Fälle homophober Politik verwickelt sein. In den letzten Jahren haben schwule Aktivisten „Outings“ durchgeführt, also öffentlich die sexuelle Identität prominenter, reaktionärer, verdeckter Homosexueller offengelegt. Diese Tak­tik ist nicht neu. Sie war in der frühen deutschen Bewegung für Homosexuellenrechte als „Weg über Leichen“ bekannt, und wurde in den frühen 1900er Jahren mit unvorteilhaften Ergebnissen angewandt (siehe Steakley, ebenda, und Oosterhuis and Kennedy, Homosexuality and Male Bonding in Pre-Nazi Germany, New York, 1991). Obwohl Marxisten die Abscheu der Aktivisten für Schwulenrechte gegen die meisten Ziele des Outings teilen, wie auch die Frustration mit dem Mangel an Fortschritt bei den Schwulenrechten, sind wir generell gegen diese Taktik. Sie tendiert dazu, die Angst vor Offenlegung der sexuellen Identität zu verstärken, die den durchschnittlichen nicht reaktionären verdeckten Homosexuellen belastet und kreiert ein Klima für den schlimmsten, dreckschleudernden homophoben Journa­lismus und eine anti-schwule Gegenreaktion.

Der Kampf gegen Homophobie in der Arbeiterklasse

Es ist die Aufgabe der marxistischen Partei ein wissenschaftliches Bewusstsein zu prägen und das Proletariat dazu zu führen, Moralismus und Mystizismus aufzugeben. Dies bedeutet Opposition zur stalinistischen Propaganda der „soziali­stischen Familie“ und der damit verbundenen sozialen Rückständigkeit gegenüber Frauen und Homosexuellen. Homophobie, wie jedes andere reaktionäre soziale Vorurteil in der kapitalistischen Gesellschaft, dient dazu, das Proletariat zu teilen, zu demoralisieren und zu disziplinieren und untergräbt die Fähigkeit, die eigenen historischen Interessen zu erkennen.

Gemeinsame Teilnahme am Klassenkampf und der Kampf um soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit kann die Homophobie in der Arbeiterklasse und unter anderen unterdrückten Schichten untergraben.

Eine revolutionäre Partei muss ein wissenschaftliches Bewusstsein der Gesellschaft als Ganzes verkörpern. Sie muss danach streben, Menschen mit einzubeziehen, welche die Unterdrückung des Kapitalismus in allen Formen erleiden und deren Kämpfe verbinden mit der Notwendigkeit der Überwindung des sozialen Systems, aus dem sich die Unterdrückung ableitet. Ebenso, wie es sinnvoll ist, Genossen aus verschiedenen Generationen, mit verschiedenen politischen Historien und kulturellen Hintergründen zu haben, so gibt die besondere Form der Entfremdung Schwulen und Lesben vielschichtige Perspektiven auf die bürgerliche Gesellschaft, die das kollektive marxistische Bewusstsein der proletari­schen Avantgarde bereichert.

Gegen Sektoralismus, für Übergangsorganisationen

Marxisten kämpfen gegen alle Formen spezieller Unterdrückung (egal ob Frauen, Schwarze, Jugendliche, Ureinwohner oder Homosexuelle) ohne aus dem Blick zu verlieren, dass die Klassengesellschaft deren Wurzel ist. Revolutionäre unterstützen jede Reform, welche die Situation der Unterdrückten verbessert, aber sie wissen, vollständig kann soziale Unterdrückung nur entwurzelt werden durch den Kampf für eine sozialistische Gesellschaft ‒ basierend auf der Produk­tion für menschliche Bedürfnisse und nicht Profite.

Im Gegensatz zu Sektoralisten erkennen Marxisten, dass die Arbeiterklasse wegen ihrer ökonomisch strategischen Position der entscheidende Faktor im Kampf für fundamentale soziale Veränderung ist. Versuche, Homosexuelle als Homosexuelle zu organisieren, Frauen als Frauen, oder Schwarze als Schwarze führen zwangsläufig zu klassenübergreifenden Formationen und belassen den Kampf im Rahmen der kapitalistischen Rationalität. Doch kann die Unterdrückung von Schwulen und Lesben (genau wie andere Formen sozialer Unterdrückung) nur erfolgreich angegriffen werden mit einem Programm, das die Grenzen der bestehenden sozialen Ordnung in Frage stellt.

Eine revolutionäre Organisation braucht Übergangsorganisationen, um die Kämpfe der Unterdrückten zu fokussieren und die politisch entwickeltsten Teile für den Kampf um die Arbeitermacht zu rekrutieren. Wo es die Möglichkeit gibt, in eine bedeutende politische Auseinandersetzung von Schwulen und Lesben zu intervenieren, wird eine revolutionäre Partei versuchen, für diese Aufgabe eine Übergangsorganisation aufzubauen. Die Aktivitäten einer solchen Organisation, die Teil einer gemeinsamen revolutionären Bewegung mit einer gemeinsamen Disziplin wäre, würde sich auf den Kampf gegen die Unterdrückung von Lesben und Schwulen konzentrieren, während sie ein Programm vorantreiben würde, das diesen Kämpfe mit der Notwendigkeit der Herrschaft der Arbeiterklasse verbindet.

Die relative Bedeutung der Homosexuellenfrage

Die Tatsache, dass Marxisten alle Formen von Unterdrückung im Kapitalismus bekämpfen, bedeutet nicht, dass alle Formen gleichbedeutend für die revolutionäre Strategie sind. Die Unterdrückung von Schwulen und Lesben ist nicht vollständig vergleichbar mit der Unterdrückung von, zum Beispiel, Schwarzen in den USA oder Frauen. Schwule und Lesben sind nicht in bestimmten und entscheidenden Teilen der Arbeiterklasse konzentriert, sie stellen keine große oder einfach organisierte Wählerschaft dar, ganz abgesehen davon, dass sexuelle Orientierung nicht so direkt ersichtlich ist wie die Hautfarbe oder das Geschlecht. Überdies gibt es insgesamt gesehen keine wichtige wirtschaftliche Komponente in der Unterdrückung Homosexueller ‒ tatsächlich gibt es ökonomische Vorteile in der Kinderlosigkeit, was im derzeitigen sozialen Klima oft eine Begleiterscheinung davon ist, schwul oder lesbisch zu sein.

Unabhängig davon welcher Fortschritt in den letzten Jahrzehnten gemacht wurde, Homophobie bleibt ein Reizthema für die reaktionäre Rechte, und ein machtvolles Instrument zur Verteidigung des Status quo. Die Frage der Unterdrückung von homosexuellen Männern und Frauen ist eine wesentliche mit der sich Marxisten beschäftigen, aber es ist keine strategische Frage für die sozialistische Revolution — im Gegensatz, zum Beispiel, zur Frauenfrage.

Die Unterdrückung Homosexueller hat ihre Wurzeln in den Anforderungen des kapitalistischen Systems, und ihre Befreiung kann nur erreicht werden durch die rationale Nutzung der immensen menschlichen Produktionskapazität zur Beseitigung von Armut, Ignoranz und sozialer Ungleichheit. In einer klassenlosen Gesellschaft wird der Staat, zusammen mit der Kernfamilie, verkümmern und durch freiere, freiwilligere Formen menschlichen Zusammenlebens ersetzt wer­den, in der die erstaunliche Plastizität menschlicher Sexualität ausgedrückt werden kann ohne Angst, Vorurteile und Beun­ruhigung, mit denen die patriarchalische kapitalistische Gesellschaft traditionell sexuelle „Abweichler“ bedacht hat.

Übersetzt aus 1917 Nr. 15