Verteidigt Afghanistan!
Verteidigt demokratische Rechte!
Zunächst einmal ist es unablässig, folgende
Feststellung
zu treffen: Das Attentat auf die Zwillingstürme des World Trade
Center
und andere Symbole des US-Imperialismus hat nichts aber auch gar nichts
Fortschrittliches
an sich. Terroristen, deren einzigen Ziele Zerstörung und
Ermordung
waren, töteten bei den Anschlägen nicht nur Manager,
Regierungsvertreter
und weitere Handlanger der amerikanischen Großmacht, sondern auch
Arbeiter
und andere Lohnabhängige. Das Opfer der Putzfrauen,
Sekretärinnen
und Angestellten wiegt weitaus schwerer als die an sich schon ziemlich
effektlose
Zerstörung steingewordener oder stählerner Symbole einer
Supermacht.
Die mutmaßlichen Attentäter um Mohammed Atta zeigten
dieselbe
Mentalität wie die rassistischen Herrscher in Washington und New
York
in der von ihnen betriebenen Propaganda: Sie setzten unentschuldbar die
Massen
von Arbeitern und Angestellten mit ihren kapitalistischen Ausbeutern
und
Unterdrückern gleich. Mit ihrem Zerstörungswahn bewirkten
sie,
dass sich in den USA eine "Volksgemeinschaft" zusammen braut, die keine
Klassen
mehr kennt sondern nur noch Amerikaner. Der "verletzte Stolz" der
Landes
gebietet jetzt einen "Nationalen Schulterschluss".
Die Unterdrückung und der alltägliche Terror der
Staatsmächte
werden immer größer und dreister. Dieser Feldzug richtet
sich
nicht gegen den Terrorismus, sondern gegen jegliches Aufbegehren von
unten.
In fast allen westlichen Staaten dient der 11. September als freche
Rechtfertigung
für die Verschärfung rassistischer Gesetze und als Grund
für
die verstärkte Repression gegen all jene Menschen, die den
Kapitalismus
auch nur ansatzweise in Frage stellen. Der ohnehin sehr stark
ausgeprägte
Patriotismus der Amerikaner - eine Folge der Schwäche der
nationalen
und internationalen Arbeiterbewegung - zeigt seine hässliche
chauvinistische
Fratze. Die Diskussion über die eigentlichen Probleme des Landes
wie
das krasse Gefälle zwischen Arm und Reich, die hohe
Arbeitslosigkeit
und das schlechte Gesundheitswesen und die Debatte über den
Wahlbetrug
von Georg W. Bush sind erstickt, das Ergebnis der
Stimmennachzählung
in Florida wird unterdrückt. Die Verbrechen des Kapitalismus und
die
himmelschreiende Widersinnigkeit des "Terrors der Ökonomie" werden
jetzt
erst recht verschwiegen. In einer beispiellosen bis zum Erbrechen
schmierigen
Kampagne wird zudem das Leid der in New York ermordeten Arbeiter und
Angestellten
- darunter auch die Qualen der vielen tapferen Feuerwehrleute, die ihr
Leben
ließen - ausgenutzt und hochgehalten.
Auch wenn die Täterschaft oder Mittäterschaft Osamah Bin
Ladens
wahrscheinlich ist: Für die amerikanische Regierung kam der
Anschlag
wie gerufen: Die brachliegende US-Wirtschaft soll durch einen
Kriegs-Keynesianismus
wieder auf Vordermann gebracht werden. Ohne den Nachweis einer Schuld
zu
erbringen, wurde unmittelbar nach dem Anschlag der Krieg erklärt
und
der Bündnisfall der NATO ausgerufen. Langfristig angelegte
militärische
Pläne im Hinblick auf den Nahen Osten und Zentralasien konnten
jetzt
vorgezogen und im Rampenlicht der Öffentlichkeit gerechtfertigt
werden.
Der Krieg nach innen wird also von einer neuen Runde in der
Neuaufteilung
der Welt begleitet.
Die unter Linken verbreitete Meinung die USA hätten die
Anschläge
selbst vorbereitet und ausgeführt, verbannen wir ins Reich
antiamerikanischer
Verschwörungstheorien. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die USA
zur
Rechtfertigung ihrer kriegerischen Handlungen den Tod eines Teils ihrer
Elite
in Kauf nahmen. Doch eine gewisse Vorauskenntnis über die
geplanten
Anschläge schien es gegeben zu haben: Bereits im Vorfeld des
Attentats
gab es Indizien dafür, dass ein größerer Anschlag auf
Institutionen
in den Vereinigten Staaten bevorstand. In den zwei Wochen vor dem 11.
September
kam es zu einer plötzlichen und unerklärlichen Welle von
spekulativem
Handel an den amerikanischen Aktienmärkten, die darauf hinweist,
dass
einige reiche Investoren mit guten Beziehungen im Voraus von der
bevorstehenden
Katastrophe wussten. Warum die beiden Geheimdienste CIA und FBI
"geschlafen"
haben, weshalb es mehreren Flugzeugentführern zeitgleich gelang,
Kurs
auf die Ballungszentren New York und Washington zu nehmen ohne von
Abfangjägern
bedrängt zu werden, sollte zu denken geben.
In vielen Teilen Lateinamerikas und der arabischen Welt gibt es
Stimmen,
die sich offen über die Anschläge des 11. September freuen.
Diese
vom US-Imperialismus unterdrückten Volksmassen irren, wenn sie in
den
Ereignissen in New York und Washington etwas Fortschrittliches
erblicken!
Die Tötung unschuldiger Menschen stößt die
Arbeiterklasse
in den Vereinigten Staaten ab - jene Kraft also, die man so dringend
als
Bündnispartner benötigt. Gerade die amerikanische
Arbeiterklasse
ist die einzige Kraft, die die Macht und die strategische Stellung
besitzt,
den US-Imperialismus zu stürzen. Gerade sie wird von diesem
Anschlag
in die nationale Allianz mit ihren eigenen Unterdrückern
getrieben.
Das beweißt, dass der mutmaßliche Urheber des Anschlags
Osamah
Bin Laden kein Antiimperialist sondern nur ein antiamerikanischer
Nationalist
ist. Unser Ziel hingegegen ist der gemeinsame Kampf aller
Unterdrückten
für den perspektivischen Sturz des Kapitalismus weltweit! Anstatt
auf
die internationale Einheit der Arbeiterklasse zu bauen, anstatt auf die
eigenen
Kräfte zu setzen, verlassen sich die vom Imperialismus
Unterdrückten
auf die Märtyrer und Propagandisten der Tat. Doch selbst bei
gerechtfertigten
Zielen vermittelt der Individualterrorismus die irreführende
Botschaft,
dass der politische Kampf Aufgabe elitärer Märtyrer sei. Es
ist
natürlich sehr einfach wenn man sich nicht mühsam selbst
organisieren
muß, weil man alle Hoffnung auf die großen "Rächer"
setzt.
Selbst wenn die Attentäter eine fortschrittliche Ideologie gehabt
hätten,
selbst wenn man nur Vertreter der US-Regierung in die Luft gesprengt
hätte
und dabei keine unschuldigen Arbeiter oder Angestellten ums Leben
gekommen
wären: Was hätte ein solcher Akt denn geändert? Der
Rauch
einer Explosion verzieht sich schnell, aber das Rad der
kapitalistischen
Unterdrückung dreht sich weiter und weiter. Doch unsere Rechnung
mit
dem real-existierenden Kapitalismus ist viel zu groß, um sie mal
eben
schnell mit einer Ladung Sprengstoff zu begleichen. Wir als Marxisten
lehenen
den Terror als revolutionäre Strategie ab. Diese "Ersatztaten"
schaden
dem geschwächten Klassenbewusstsein der Arbeiter weltweit!
Leider findet die Verzweiflung der Unterdrückten im Nahen Osten
und
anderswo gegenwärtig kein anderes Ventil - nicht zuletzt deshalb,
weil
es weder eine mächtige internationale Arbeiterbewegung gibt noch
eine
revolutionäre Führung, die imstande ist, den
wissenschaftlichen
Sozialismus zielstrebig zu verteidigen und erfolgreich
revolutionäre
Parteien aufzubauen. Doch auch einige Metropolenlinke freuen sich
klammheimlich
oder sogar offen über die Anschläge; oder sie bleiben bei
bloßen
Analysen stehen und bieten keine Alternativen. Dann werden aus feigen
Mördern
schnell "irrende Genossen" und religiöse Obskurantisten werden zu
"antiimperialistischen
Bündnispartnern" gemacht. Diese religiösen Kräfte
stoßen
nicht nur die Arbeiter in den Industrienationen ab, sondern sie
schließen
auch nationale Minderheiten und die Frauen von ihren "Kämpfen"
aus.
Vor diesem Hintergrund kann es keinen erfolgreichen Kampf gegen die
imperialistische
Eroberung geben. Wir verteidigen die Völker Afghanistans gegen die
Angriffe
des US-Imperialismus, doch die Taliban selbst sind genauso wenig
antiimperialistisch
wie Slobodan Milosevic oder Saddam Hussein, die jahrelang von den
westlichen
Staaten finanziert wurden.
Zu diesem Unsinn gesellt sich die Rede von "den bösen
Amerikanern".
Sicherlich stehen große Teile der amerikanischen Bevölkerung
hinter
ihrer Regierung, doch wir denken nicht in Kategorien von
"fortschrittlichen"
oder "reaktionären" Völkern sondern in Kategorien von
Klassen.
Vorurteile gegen "die Araber" sind zwar nicht dasselbe wie
Ressentiments
gegenüber "den Amerikanern", doch in beiden Fällen wird das
Wesen
der Klassengesellschaft ignoriert. Die Demonstrationen in Washington
und
Seattle, die erfolgreichen Massenstreiks bei UPS, Bell Atlantic oder
General
Motors sind nur Beispiele für das fortschrittliche Potenzial in
der
amerikanischen Arbeiterbewegung. Vergessen wir nicht, dass es
Amerikaner
waren, deren Einsatz gegen den Vietnamkrieg wesentlich zur Niederlage
des
US-Imperialismus beitrug! Doch immer wieder wird das Bild
fähnchenschwingender
US-Nationalisten gezeigt. Immer wieder predigen "Linke", man müsse
"den
Amerikanern" Einhalt gebieten. Die Rolle des eigenen Imperialismus wird
ignoriert.
Manche appelieren gar an die eigene Regierung, man möge doch den
"amerikanischen
Freunden" erklären, dass sie mehr Augenmaß benötigten.
So
werden aus "Sozialisten" und Pazifisten nützliche Deppen für
die
Pläne der herrschenden Elite in Deutschland, Frankreich und
anderen
europäischen Großmächten.
So gerechtfertigt die spontane Entrüstung gegen den Krieg der
Amerikaner
auch ist: Es gilt ruhigen Kopf zu bewahren um die kapitalistische
Realität
zu begreifen - diesseits und jenseits des Atlantik. Die genauen
Gründe
für die US-Intervention in Afganistan aber auch die Rolle des
deutschen
Imperialismus müssen analysiert werden. Die folgenden Artikel
sollen
dem Leser helfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen.
Gruppe Leo Trotzki
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